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  3. Krieg in der Ukraine: Wo in Bayern ukrainische Soldaten trainieren

Krieg in der Ukraine
12.05.2022

Wo in Bayern ukrainische Soldaten trainieren

US-Soldaten feuern auf den Truppenübungsplatz mit der Feldhaubitze M777. Die besonders mobilen Geschütze gehören mit ihrer Reichweite von 24 bis sogar 40 Kilometern zu den modernsten Artilleriewaffen der USA und werden nun auch in großer Zahl an die ukrainische Armee geliefert.
Foto: Neil Pentttilla, dpa (Archivbild)

Die USA betreiben in der Oberpfalz einen ihrer wichtigsten Truppenübungsplätze. Timothy Liston erklärt als oberster US-Diplomat, wie Amerika dort die Ukraine unterstützt.

Es ist noch nicht lange her, da konnte Timothy Liston besonders friedliche Geschichten von Europas größtem Truppenübungsplatz erzählen. Der Münchner US-Generalkonsul schwärmt von der Natur und Tierwelt auf dem gewaltige 233 Quadratkilometer großen Militärgebiet in Grafenwöhr, zwanzig Kilometer westlich von Weiden in der Oberpfalz. „Ich habe dort mit eigenen Augen Hirsche bei der Brunft beobachten können“, sagt der US-Diplomat, der seine Gesprächspartner in Bayern am liebsten mit „Servus“ begrüßt. „Die Hirsche schauen sogar fahrenden Panzern hinterher, aber sobald ein kleiner Soldat in Blickweite gerät, sind sie weg.“

US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr: Hier trainieren Ukrainer

Der streng abgeriegelte Truppenübungsplatz gilt als eines der wildtierreichsten Gebiete Deutschlands und wird oft als „bayerische Serengeti“ bezeichnet. Doch in Grafenwöhr ist die gefühlte Idylle spätestens seit dem 24. Februar vorbei, als Russlands Machthaber Wladimir Putin seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat. Dieser Tage trainieren amerikanische Spezialisten in Grafenwöhr eine größere Gruppe ukrainischer Soldaten.

Nicht wie früher zu Manöverzwecken, sondern für den unmittelbaren Kampfeinsatz gegen die russische Armee an der Front. Die Ukrainer lernen an den modernsten Feldhaubitzen, welche die US-Armee im Einsatz hat. Das leicht transportierbare Artilleriegeschütz feuert seine Standardmunition bis zu 24 Kilometer weit, satellitengesteuerte Spezialgranaten sogar bis zu 40 Kilometer.

Auch Generalkonsul Liston hat das Kaliber parat: „155 Millimeter“, sagt er. Vor wenigen Monaten hätte der Diplomat vor bayerischen Wirtschaftsvertretern noch darüber gesprochen, wie er sich darum bemüht, amerikanische Start-ups ins „Isar-Valley“ zu holen, wie er den Wirtschaftsraum München nennt. Die Region ist längst bei US-Konzernen wie Apple, Microsoft, Amazon, Google oder General Electric als Deutschland-Standort beliebt. Nicht nur wegen des Großflughafens, sondern vor allem wegen der beiden hoch angesehenen Münchner Universitäten und zahllosen bestausgebildeten Fachkräften. Doch seit dem Ukraine-Krieg stehen auch Listons Reden vor Wirtschaftsleuten unter der viel zitierten Überschrift „Zeitenwende“ und handeln auch vom Krieg.

US-Generalkonsul Timothy Liston freut sich über Zeitenwende

Der 51-jährige Amerikaner aus New Jersey schätzt den deutschen Begriff Zeitenwende: „Es ist so ein Moment, den man nie vergisst, wo man war, als man zum ersten Mal davon gehört hat“, sagt Liston mit deutlichem US-Akzent. „Ich war an jenem Sonntag bei einem Skirennen in Garmisch-Partenkirchen, als ich diese große Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz im Radio gehört habe“, erzählt er anerkennend. „Als er sagte, 100 Milliarden für die Bundeswehr, dachte ich: Wow, was habe ich gerade gehört? Ich hätte am liebsten noch mal zurückgespult. Und natürlich auch die Ankündigung von deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine.“

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Schon vor Russlands Angriff nahmen ukrainische Soldaten in Grafenwöhr an Ausbildungsmaßnahmen teil, so wie tausende Angehörige von Truppen aus vielen Nato-Ländern. Die US-Armee verlegte zu Jahresbeginn aus der Ukraine ihre Militär-Ausbildungseinheiten in die Oberpfalz, als Russlands Kriegsvorbereitungen immer auffälliger wurden. Das Üben sei von entscheidender Bedeutung, sagt der Generalkonsul.„Es gibt Soldaten, die gehören bei Übungen lieber zu den Verlierern, weil sie dabei aus entscheidenden Fehlern lernen können, falls es mal wirklich ernst wird“, sagt Liston. Einen Teil der großen Probleme der russischen Armee in der Ukraine führt er auf deren Defizite in der Ausbildung zurück. Einen anderen auf massive Korruption, in die eine wohl hohe Summe aus den 500 Milliarden Euro geflossen sein müsse, mit denen Moskau sein Militär angeblich modernisiert habe.

„Die USA haben das Ziel, dass die Ukraine die Möglichkeit erhält, diesen Krieg zu gewinnen“, erklärt der Diplomat. „Was ein Sieg aus Sicht der Ukraine heißt, das müssen die Ukrainer selbst definieren, das können wir nicht“, betont er. „Die USA wären bereit, zu einem sofortigen Zeitpunkt Friedensverhandlungen zu unterstützen“, fügt Liston hinzu. „Putin hat den Krieg angefangen und er könnte ihn auch morgen aufhören und einen Friedensprozess einleiten.“ Doch bis es so weit sei, unterstützen die USA die Ukraine Schulter an Schulter. „Wenn es zu Verhandlungen kommt, muss die Ukraine aus einer Position der Stärke und nicht der Schwäche auftreten können.“

Liston, der in den Neunzigerjahren in Deutschland studierte, war in seiner diplomatischen Laufbahn viel mit Verteidigungs- und Sicherheitspolitik beschäftigt. Er lebt das, was man in der Politik „Transatlantiker“ nennt, auch privat: Seine Frau, aus Zorneding bei München, lernte er beim Studium in Bonn kennen. Eine seiner beiden Töchter ist in München geboren. Als ihn die US-Regierung vergangenes Jahr als Generalkonsul nach Bayern schickte, sei für ihn sein Traumjob Wirklichkeit geworden, sagt er.

Trump wollte Abzug – Biden setzte sich für Erhalt der US-Truppen in Europa ein

Die amerikanisch-deutsche Partnerschaft ist für den Diplomaten unerschütterlich. Auch unter Donald Trump hätte dies gegolten, meint Liston. „Unsere gemeinsamen Werte, unsere Prinzipien haben sich nie geändert.“ Auch wenn sich dabei mal der Ton der Musik geändert haben möge: „Das nationale Interesse Amerikas an den transatlantischen Beziehungen, an Frieden, Sicherheit, Stabilität und Wohlstand war immer sehr wichtig, egal ob die Präsidenten Reagan, Bush, Obama oder Trump hießen oder jetzt Biden“, versichert Liston.

Gleichwohl hebt der Diplomat besonders positiv hervor, dass US-Präsident Joe Biden vergangenes Jahr als eine seiner ersten Amtshandlungen den Abzug von 12.000 US-Soldaten aus Deutschland vom Tisch gewischt habe. „Jetzt hat sich gezeigt, dass die amerikanischen Streitkräfte in Europa sehr wichtig sind, um die Sicherheit im Bündnis zu erhalten“, betont er. Umgekehrt sei es für die USA ein sehr wichtiges Signal, dass Deutschland nun die Nato-Zusage einhalten wolle, zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. „Besser spät als nie“, sagt Liston. „Russland hat uns allen gezeigt, wie wichtig die Nato ist und ihre Kernfunktion der Selbstverteidigung.“

Dass sogar einmal Schweden den großen Schritt wage, auf seine Neutralität zu verzichten und in die Nato zu streben, hätte er in früheren Jahren für so undenkbar gehalten, wie viele einst den Fall der Berliner Mauer. „Doch im Rückblick ändert sich die Geschichte rasend schnell wie im Zeitraffer.“

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