Meine Eltern wurden im Sudetenland geboren, nach Ende des Krieges kamen sie nach Bayern. Ich erinnere mich noch gut an Ausflüge in die sogenannte alte Heimat, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: mit dem Reisebus ging es in die Wildnis jenseits von Marktredwitz und Hof. Das Örtchen, wo mein Vater herkam, war weitgehend zerstört. Anhaltspunkt auf der Suche nach den Häusern von einst war ein großer, lang gezogener, von Grünzeug überwachsener, verwitterter Stein – die Eingangsstufe zur zerstörten Grundschule.
Sobald der Reisebus hielt, wurden Bierbänke aufgestellt, der Leberkäse, den man sicherheitshalber aus der neuen Heimat mitgebracht hat, war noch warm. Es gab ein paar Bier, dann weiter nach Marienbad ins (ansprechend renovierte) Hotel. Ein paar Karlsbader Oblaten als Mitbringsel, das war's.
Die Integration in Bayern war sehr erfolgreich
Warum ich das erzähle: Zu keinem Punkt habe ich von irgendjemandem das Interesse gehört, für mehr als eine knappe Visite ins Sudetenland zurückzukehren. Nostalgie, Schmerz, vorwiegend bei den Älteren – ja. Aber die Idee, Grundstücke zurückzubekommen, irgendwelche Ambitionen auf eine Entschädigung – nein. Dafür war die Heimat von einst viel zu weit weg, gerade im Alltag. Und vor allem: Dafür war man inzwischen viel zu gut in Bayern angekommen.
Auch vor diesem Hintergrund ist es völlig unverständlich, wenn rechtsextreme Regierungspolitiker in Prag nun dagegen Sturm laufen, dass das traditionell an Pfingsten stattfindende Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft nun erstmals in Tschechien abgehalten wird. Im Sinne einer Aussöhnung von Sudetendeutschen und Tschechen ist der Schritt nur folgerichtig.
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft mag viel zu lang gebraucht haben, um die Vertreibung der Deutschen (und die umstrittenen Beneš-Dekrete) historisch korrekt einzuordnen und den Anspruch auf „Wiedergewinnung der Heimat“ aufzugeben. Wahr ist aber auch: Die Sudetendeutschen von heute sind von einer „Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen“, vor der tschechische Politiker nun warnen, Lichtjahre entfernt. Es ist daher völlig in Ordnung, wenn Ministerpräsident Markus Söder an der Veranstaltung teilnimmt. Er tritt damit auch in die Fußstapfen von Horst Seehofer, der 2010 als erster bayerischer Ministerpräsident offiziell nach Prag gereist war.
Die Relevanz der Sudetendeutschen schwindet
Das Problem der Sudetendeutschen liegt heute nicht in einem gestrigen Geschichtsbild, sondern an ihrer schwindenden Relevanz. Für die Kinder derer, die einst fliehen mussten, ist die Heimat ihrer Eltern und Großeltern kaum noch mehr als Bestandteil alter Erzählungen. Das Treffen der Sudetendeutschen erinnert heute an eine Folkloreveranstaltung, mit Trachten, Fahnen, Gottesdienst. Dagegen ist nichts zu sagen, nur, eine Botschaft, die darüber hinausgeht, sucht man oft vergeblich.
Dabei hätten die Sudetendeutschen gerade heute etwas zu sagen: Sie können zeigen, was es braucht, damit Integration gelingen kann. Und sie können erklären, wie man Aussöhnung schafft, auch wenn es schwerfällt. Versöhnen statt spalten, frei nach Johannes Rau – die Sudetendeutschen haben es zumindest in den vergangenen Jahren vorgemacht. Gerade heute, wo in Europa überall (auch in Tschechien!) nationalistische Parteien wieder Erfolge feiern, könnten sie deutlich machen, wohin Nationalismus führen kann – zu Krieg, im Extremfall zum Völkermord, und ja, wie in ihrem Fall, auch zum Verlust der Heimat.
Von rechtsextremen Politikern in Tschechien und dem dortigen Ministerpräsidenten Andrej Babiš, dessen Regierung nach dem Vorbild Viktor Orbáns gerade zum Schlag gegen die Pressefreiheit ausholt, und gegen den die EU immer wieder wegen des Missbrauchs von Fördergeld ermittelt, brauchen sie in diesen Fragen ganz bestimmt keine Nachhilfe.
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