In einem grauen Mehrfamilienhaus in Berlin-Köpenick, das an diesem Freitagvormittag fast ein wenig verlassen wirkt, liegt im Erdgeschoss der Kiezclub Allende. Die bunten Abdeckungen der französischen Balkone setzen zwar kleine Farbtupfer in die Fassade – aber der Gesamteindruck bleibt: unscheinbar, ruhig, Alltag. Nichts deutet darauf hin, dass in dem Kulturzentrum gleich etwas passiert, das diese Stille mühelos sprengt.
Bereits im Flur ändert sich das: aus der offenen Tür des Gymnastikraums dringt ein helles Glucksen nach draußen, dann ein prustendes Lachen, dazwischen Stimmen, als hätten sie beschlossen, den Freitagvormittag nicht allzu ernst zu nehmen. Es ist Viertel vor elf, und im Kiezclub ist die Heiterkeit längst in Gang. Gleich wird sie noch anschwellen – denn hier trifft sich jeden zweiten und vierten Freitag im Monat einer der Lachtreffs des Vereins „Hauptstadt lacht e. V.“.
„Ho, ho! Ha, ha, ha!“, lacht Trainerin Heidelore Geitner und klatscht dabei in die Hände. Um sie stehen 15 Teilnehmende, die zögernd anfangen, mitzuklatschen. Zweimal langsam: „Ho, ho!“ Dreimal schnell: „Ha, ha, ha!“. Einige aus der Gruppe sind regelmäßig dabei, wie das Ehepaar Gaby und Klaus aus Köpenick oder die 93-jährige Ursula; die Studentinnen Rabea und Emma sind zum ersten Mal hier. Viel Zeit zum Nachdenken, wie es ist, vor anderen Menschen laut zu lachen, bleibt niemandem. Denn Trainerin Heidelore macht munter weiter, zweimal langsam: „Ho, ho!“, dann dreimal schnell: „Ha,ha,ha!“, bis das Klatschen sicherer, die Stimmen lauter – und aus anfänglichem Mitmachen echtes Lachen wird. Als sie die Arme über den Kopf hebt und aus voller Inbrunst loslacht, stimmt der ganze Saal ein. Genau das ist das Ziel beim sogenannten Lachyoga.
Beim Lachyoga treffen sich Menschen gemeinsam und Lachen ohne Grund
Ursprünglich stammt das Konzept aus Indien. Der Arzt Madan Kataria wollte 1995 die wissenschaftlichen Wirkungen des Lachens untersuchen, erklärt Trainerin Heidelore. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine weltweite Lachbewegung. Mittlerweile gebe es in über 120 Ländern Non-Profit-Lachclubs. Dort treffe sich Menschen, um ohne Grund gemeinsam zu lachen, so die Trainerin. Sie selbst ist seit 2012 beim Lachyoga dabei. Die Initiative gibt es in Berlin aber schon seit 20 Jahren. Seit 2014 ist Heidlore Trainerin und betreut mittlerweile ehrenamtlich drei Lachtreffs: „Ich komme aus der Gesundheitsprävention und finde es schön, jetzt durch das Lachyoga Menschen zu helfen, sich wohlzufühlen.“ Gemeinsames Lachen helle nicht nur die Stimmung auf, sondern habe auch gesundheitliche Vorteile. „Es unterstützt Heilung, baut Stress ab und steigert das Wohlbefinden“, betont Heidelore.
Insgesamt gibt es im Lachyoga vier große Säulen. Neben dem Lachen ist das Klatschen ein zentraler Baustein. Wir klatschen für die Aktivierung und um in einen Rhythmus zu kommen, erklärt Heidelore. Dazu kommen immer wieder Atemübungen für ausreichend Sauerstoff und Entspannung. Eine wichtige Rolle spielt auch das gegenseitige Loben. „Es geht darum, albern zu sein. Wir wollen nicht perfekt sein.“ Kinder lachen bis zu 400 Mal am Tag, Erwachsene nur noch etwa 15-mal, sagt die Trainerin. „Wir Erwachsenen verlernen das Lachen im Laufe des Lebens“. Das Lachyoga wolle dieser Entwicklung gezielt entgegenwirken und die Menschen wieder ins Lachen bringen.
Lachen, Lachen und noch mehr Lachen: Beim Lachyoga ist nichts peinlich
In Köpenick gelingt das Lachen heute besonders gut, denn neben den Trainerinnen Petra, Hannelore und Petra, die durch die Stunde führen, ist auch Lachyoga-Trainerin Anne vorbeigekommen und macht einige Übungen mit der Gruppe. Die Frau mit den vielen bunten Ansteckern wie „Lachen = Legale Droge“ und „Ho,ho! Ha, ha, ha!“ hat sogar gelbe Smileys-Ballons mitgebracht und ist ein echtes Lachyoga-Urgestein. Rauch kommt ursprünglich aus Kaufbeuren, fürs Studium zog sie nach Berlin und entdeckte vor beinahe 25 Jahren Lachyoga für sich. „Ich mache gerne Quatsch mit Erwachsenen und das hat gut gepasst“, erinnert sich die 62-Jährige. Interessierte würden oft fragen, was Lachyoga mit dem richtigen Yoga gemeinsam hat, erzählt sie weiter. Dabei sei Lachyoga genauso richtiges Yoga. „Es geht um die Verbindung von Körper, Geist und Seele.“ Das Besondere sei eben, dass der Zugang so spielerisch und albern sei. Jeder kann sofort mitmachen und es brauche keine Ausrüstung.
Und so lachen sich die vier Frauen mit der bunt gemischten Gruppe an diesem Morgen durch die verschiedensten Übungen. Mit der einen Petra wird sich erst ins Fäustchen und dann laut heraus gelacht. Mit der anderen Petra wird eine Morgenroutine gelacht: Angefangen beim dick Auftragen von Lachcreme ins Gesicht, hin zum Frühstückstisch, wo jeder aus der Gruppe in eine vermeintliche Lachpaprika beißen soll, nur um dann ganz viel zu hecheln und zu lachen, weil die imaginäre Paprika doch eine Chili war. Anne schaltet mit den Teilnehmenden den Lachknopf ein und fährt mit der Lachlokomotive durch den Raum. Heidelore entzündet am Ende eine Lachrakete mit guten Wünschen und unter viel Gelächter.
Und die Teilnehmenden? Denen gefällts. Sie lachen und klatschen munter mit. Eine von ihnen ist Ursula. Sie wird nächste Woche 94 Jahre alt, beim Lachyoga ist sie schon von Anfang an dabei. „Im Alter und heutzutage gibt es ja nicht viel zu lachen“, sagt sie. Das regelmäßige Lachen tue ihr gut. „Alte Menschen haben oft mit Beschwerden zu kämpfen, aber wenn ich hier bin, dann sind die alle weg“, so die beinahe 94-Jährige, bevor sie sich gut gelaunt nach der Stunde auf den Nachhauseweg macht.
Eine Übersicht über alle Lachclubs in Deutschland gibt es auf der Webseite: https://lachclub.info/lachclubliste/ . Der Verein „Hauptstadt lacht e. V.“ bietet außerdem auch einige Online-Veranstaltungen an für alle, die mal wieder herzlich lachen wollen: https://www.hauptstadt-lacht.de/angebote/online/ .
Lachtelefon
Für alle, die nicht nach Berlin oder zu ihrem lokalen Lachtreffen fahren können, gibt es ein sogenanntes Lachtelefon. Zwischen 9 und 21 Uhr können Interessierte dort anrufen und mit Lachprofis gemeinsam lachen. Mehr Informationen gibt es auf der Webseite www.lachtelefon.de oder direkt in der Lachleitung. Telefonnummer 05031 5194380.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren