Die Geschichte der neuen FDP entscheidet sich zwischen zwei spanischen Inseln. Wolfgang Kubicki macht vor Ostern Urlaub auf Mallorca, als er bei Martin Hagen anruft, der sich gerade auf Gran Canaria erholt. Ob er sein Generalsekretär werden wolle, falls er zum Parteichef gewählt werde, fragt Kubicki den 44-jährigen Oberbayern – und der braucht keine Bedenkzeit. „Ich habe sofort zugesagt“, sagt Hagen, der den Niedergang der Partei zuletzt vom Spielfeldrand aus verfolgt hat. Ja, er ist noch Gemeinderat hier in Vaterstetten bei München. Aber Ambitionen darüber hinaus, beteuert er im Gespräch mit unserer Redaktion, habe er bis zu Kubickis Anruf eigentlich nicht gehabt.
Vor dem Telefonat, das alles verändert, hat ein Liberaler mit Einfluss ihn zwar gefragt, ob er nicht selbst für den Parteivorsitz kandidieren wolle. Hagen aber wehrt ab: „Ich glaube, dass jetzt nur Wolfgang Kubicki die FDP retten kann. Wir brauchen jemanden mit bundesweiter Bekanntheit und der Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen.“ Als Generalsekretär will er sich ein Beispiel am jungen Guido Westerwelle nehmen, der die in vielen Regierungsjahren bräsig und konturlos gewordenen Liberalen Ende der Neunzigerjahre wieder zu einer Partei mit einem klaren marktwirtschaftlichen Profil gemacht habe. „Er war ein kantiger Generalsekretär“, sagt Hagen. „Er hat polarisiert, gerne auch mal provoziert und den Konflikt mit dem linken Mainstream nicht gescheut.“
Mit 17 trat Hagen bereits den Jungen Liberalen bei
Als die FDP 1998 in Bayern mit 1,7 Prozent das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte einfährt, tritt Hagen mit gerade mal 17 Jahren den jungen Liberalen bei und zwei Jahre später auch der FDP. Er studiert Politik, Wirtschaftsgeschichte und Psychologie, arbeitet sich in der Landespartei nach oben und wird 2021 schließlich ihr Vorsitzender. Noch vor seinem Rückzug 2025 wechselt er als Geschäftsführer zur liberal-konservativen Denkfabrik Republik 21, was ihm nun einiges an Erklärungen abverlangt. Ist der designierte Generalsekretär zu konservativ geworden? Ein verkappter Schwarzer? Ausgerechnet er, der immer so einen engen Draht zu Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatte, der Ikone der Linksliberalen? Einige Zeitungen verwenden gar das Adjektiv „rechtskonservativ“, von da ist es nicht weit zu „rechtspopulistisch“ und der AfD.
Hagen holt einen Moment Luft, als müsse er das erst einmal sacken lassen. Dann sagt er: „Ich habe mich nie zum linksliberalen Flügel gezählt, sondern war immer ein Liberaler ohne Bindestrich.“ Andererseits: Galt es nicht traditionell als links, für die Meinungsfreiheit zu kämpfen? „Denken Sie nur an die Debatte um den Satz ,Soldaten sind Mörder‘.“ Heute dagegen werde man zu den Rechten gezählt, wenn man für die Freiheit des Wortes eintrete. Und was die Denkfabrik angeht, für die er noch arbeitet: zu ihren Gründungsmitgliedern gehört der FDP-Mann Hermann Otto Solms, in ihrem Beirat sitzt Karl-Heinz Paque, der langjährige Vorsitzende der liberalen Naumann-Stiftung. „Und wenn man sich anschaut, was wir inhaltlich so gemacht haben in den vergangenen Jahren, dann würde ich sagen, das meiste davon könnte auch in einem FDP-Programm stehen.“
Die FDP seit 2021: Eine ganze Serie verlorener Wahlen
Über seine Arbeit als Parteigeneral macht Hagen sich keine Illusionen. „Das werden drei knüppelharte Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl.“ Seit der Wahl 2021, bei der sie noch zweistellig abschnitt, hat die FDP nur noch bei einer Wahl dazu gewonnen, im März 2022 im Saarland. Der Rest ist ein demoskopisches Desaster: Minus 5,1 Prozent in Kubickis Schleswig-Holstein, minus 6,7 Prozent in Nordrhein-Westfalen, minus 7,1 Prozent bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr, zuletzt minus 6,1 Prozent im liberalen Stammland Baden-Württemberg und minus 3,4 Prozent in Rheinland-Pfalz.
„Vor Ostern war die FDP tot“, sagt Hagen. Mit Kubickis Ankündigung, für den Vorsitz zu kandidieren, aber habe sich alles geändert. „Das war wie bei einem Patienten mit Herzstillstand, den Sie durch Druckmassage und mit dem Stromstoß eines Defibrillators zurück ins Leben holen.“ Sogar das vermeintlich Undenkbare hält Hagen für möglich: „Sobald wir in den Umfragen wieder über fünf Prozent kommen, kann es auch schnell wieder in die Zweistelligkeit gehen.“
Kubicki und er jedenfalls haben einen Draht zueinander gefunden. Als sie sich 2018 im bayerischen Landtagswahlkampf zum ersten Mal persönlich getroffen haben, war das noch anders. „Das war jetzt keine Liebe auf den ersten Blick“, sagt Hagen. „Ich glaube, er hat mich für einen dieser typischen smarten Grünschnäbel gehalten und ich ihn für eine lose Kanone. Womit wir ja beide nicht komplett daneben lagen.“
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