Die Notaufnahmen in Deutschland sind selbst ein Notfall. So wird es immer wieder festgestellt. Überlastet, teuer, nicht zielgenau, eine Knochenmühle für Ärzte, Schwestern und Pfleger. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Rettungsstellen entlasten und eine Reform zu Ende bringen, die schon ihr Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) begonnen hatte. „Wir wollen sicherstellen, dass wir mit den vorhandenen Ressourcen jetzt besser auskommen“, sagte Warken am Mittwoch in Berlin. Zuvor hatte das Kabinett ihre Vorschläge abgenickt, die nun der Bundestag beraten wird.
Ihr Ziel will Warken durch einen Dreischritt erreichen. Eine bessere Steuerung der Patienten soll durch die Aufwertung der Terminvermittlung unter der Nummer 116117 erreicht werden. Die Kliniken sollen mit Notfallpraxen sogenannte integrierte Notfallzentren bilden. Und drittens sollen die Sanitäter in Krankenwagen stärker als bisher entscheiden, ob ein Fall wirklich im Krankenhaus behandelt werden muss oder nicht. „Dadurch schaffen wir sicherlich Freiräume in den überfüllten Notaufnahmen und verringern Wartezeiten“, meinte die CDU-Ministerin.
Eine Million Patienten weniger in den Notaufnahmen
Die geplante Aufwertung der bisherigen Terminvermittlung 116117 soll dafür sorgen, dass sich Patienten mit leichteren Beschwerden oder unspezifischen Symptomen dort melden und eine erste Einschätzung am Telefon erhalten, ob sie eingewiesen werden müssen oder eine Arztpraxis aufsuchen sollen. Termine bei Fachärzten können weiter unter der Nummer gebucht werden, die automatische Gesprächsführung soll sie mit der richtigen Stelle verbinden. Wer nach einer Ersteinschätzung am Telefon in der Rettungsstelle behandelt werden muss, soll dort bevorzugt an die Reihe kommen.
Für bedrohliche Fälle wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle sollen die Patienten oder ihre Angehörigen wie bisher den Notruf 112 wählen. Laut Warken werden die Systeme hinter den Kulissen verbunden, selbst wenn jemand unter der für seinen individuellen Fall „falschen“ Nummer anruft, wird niemand abgewiesen.
Das Hilfsangebot unter der 116117 wird den Vorstellungen der Ministerin zufolge um durchgängige Videosprechstunden niedergelassener Ärzte und Hausbesuche ergänzt (24/7), wenn nach der Ersteinschätzung weiterer Klärungsbedarf besteht. Die Hausbesuche sollen nicht nur von Ärzten, sondern auch von Sanitätern übernommen werden können. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen, wies den erweiterten Service als nicht realisierbar zurück, weil es nicht genügend Ärzte gebe.
Die Kliniken sollen außerdem mit Notfallpraxen sogenannte integrierte Notfallzentren mit Ersteinschätzungsstelle bilden. Das Ziel von Schritt 2 ist, dort mehr Patienten zu behandeln und wieder nach Hause zu schicken, ohne sie stationär aufzunehmen. Die Behandlung im Krankenhaus ist die teuerste Form.
Der Rettungswagen soll nicht mehr automatisch in die Klinik fahren
Entlastet werden sollen die Rettungsstellen im dritten Schritt durch eine bessere Vergütung der Krankenwagenfahrer und Sanitäter. Bisher bekommen die Rettungsdienste nur den Transport in das Krankenhaus (Fahrtkosten) mit einer oft „unnötigen Inanspruchnahme von Rettungsmitteln und Notaufnahmen“ bezahlt. Künftig sollen sie die Hilfesuchenden vor Ort versorgen und gegebenenfalls an eine Arztpraxis weiterleiten. Dafür plant Warken, eine neue Sachleistung einzuführen, die die Kassen tragen müssen. Unter dem Strich soll aber Geld gespart werden. Laut Gesetzentwurf über 200 Millionen Euro im nächsten Jahr, 2028 schon 650 Millionen. Im Jahr 2030 wird die Reform der Kalkulation zufolge die Kosten um 1,1 Milliarden drücken, denn in den Rettungsstellen soll dann über eine Million Fälle weniger landen.
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