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Pandemie
26.01.2022

Expertenrat Karagiannidis fordert schnelles neues Corona-Register der Kliniken

Eine Intensivfachpflegerin betreut auf einer Intensivstation einen Covid-19-Patienten.
Foto: Christoph Soeder, dpa (Archivbild).

Der Intensivmediziner und Sachverständige im Expertenrat der Bundesregierung Christian Karagiannidis fordert die rasche Schaffung eines digitalen Corona-Registers für deutsche Kliniken.

„Wir haben keinen blassen Schimmer, wie viele betreibbare Krankenhausbetten wir tagesaktuell in Deutschland haben, wie viele davon belegt sind und wie viele Pflegekräfte wirklich zur Verfügung stehen“, sagte Karagiannidis im Interview mit unserer Redaktion. „Es geht darum, wie viele Corona-Patientinnen und -patienten nicht nur auf der Intensivstation, sondern auch auf den Normalstationen liegen“, betonte er.

„Offizielle Daten sind meilenweit von der Realität entfernt“

„Die offiziellen Daten sind aktuell meilenweit von der Realität entfernt“, kritisierte der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters. So sei die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz, die vor einer Überlastung der Kliniken warnen soll, in Nordrhein-Westfalen in Wirklichkeit dreimal höher als offiziell gemeldet. „Dieser gewaltige Unterschied ist eigentlich unfassbar, obwohl eine technische Lösung einfach umsetzbar wäre“, sagte der Mediziner, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist.

Christian Karagiannidis ist Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung und wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters.
Foto: Felix Schmitt, Kliniken Köln

„Wenn man wirklich ein erweitertes Corona-Register für die Krankenhäuser haben möchte, könnte man das noch während der Omikronwelle innerhalb einiger Wochen umsetzen“, betonte Karagiannidis. „Wir haben für den Aufbau des DIVIi-Intensivregisters sechs Wochen gebraucht, obwohl wir dafür eigene Eingabemasken entwickeln mussten, die es zum Beispiel bei den Abrechnungssystemen oder Übertragung an die Krankenkassen längst gibt.“ Diese System könnten einfach und automatisiert für die Erfassung von sämtlichen Klinikdaten genutzt werden, die von öffentlichen oder medizinischem Interesse seien.

„Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen ist eine Katastrophe"

„Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen ist eine Katastrophe für die medizinische Forschung in Deutschland“, kritisierte der Intensivmediziner. „Wir sind im Bereich klinischer Daten die am weitesten abgehängte Industrienation in der wissenschaftlichen Forschung“, betonte Karagiannidis. „Wir verschenken unser Potenzial“, fügte er hinzu. „Was die Forschung mit echten Daten aus der klinischen Praxis angeht, ist Deutschland international meilenweit im Rückstand.“

Hauptgrund dafür sei, dass die seit 20 Jahren beschlossene elektronische Patientenakte noch immer nicht Praxis sei. „Die Hauptverantwortung tragen die großen Spieler im Gesundheitssystem, die sich auf eine praktische Umsetzung nicht einigen konnten oder wollten“ sagte Karagiannidis. „ Das ist nicht nur peinlich, sondern widerspricht auch den grundlegenden Interessen der Patienten.“ Der Datenschutz werde dabei nur als Ausrede missbraucht. „Grund für die Nichtumsetzung liegt eher darin, dass sehr viele unterschiedliche Beteiligte eine echte Transparenz im Gesundheitswesen nicht möchten“, sagte der Mediziner. Deshalb muss der Gesetzgeber hier noch einmal nachschärfen und auch harte Sanktionen bei einer weiteren Nichtumsetzung beschließen.“

Expertenrats-Mitglied fordert unabhängige Daten-Transparenz

Karagiannidis forderte anonymisierte Patientendaten für verschiedene Register, Wissenschaft und Forschung künftig bei einer unabhängigen Stelle zusammenzuführen. „Wir müssen in Deutschland die Bereitstellung von Daten ganz neu denken. Und zwar von der Warte aus, was das Beste für die Patienten ist“, betonte er. „Wenn es um die praktische Umsetzung geht, müsste es ein unabhängiges Bundesinstitut geben, das in staatlicher Hand die Daten sammelt und transparent zur Verfügung stellt – und zwar unabhängig von Interessen der Krankenhäuser, Krankenkassen, Politik und anderen Beteiligten im Gesundheitssystem“, fordert er. „Denn wir müssen in Deutschland weg von Partikularinteressen, die in den letzten 20 Jahren aus unterschiedlichsten Gründen sehr viel blockiert haben.“

Bundesinstitut könnte Klinikdaten vernetzen und Register ersetzen

Eine solche Stelle, auf der man aufbauen könne, gebe es bereits. „Wir haben im Gesundheitswesen das InEK, das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus, das perfekt mit allen Kliniken in Deutschland verknüpft ist. Darüber läuft ein wesentlicher Teil der Abrechnungen der Krankenhäuser, und zwar automatisiert, verschlüsselt über gesicherte Server“, sagte Karagiannidis. „Das heißt, wir haben längst die Infrastruktur für einen automatisierten Datenfluss aus den Krankenhäusern, den man auch für andere gewünschte Informationen nutzen könnte. Das muss man nur wollen.“


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26.01.2022

Unglaublich wie weit Deutschland ist oder besser nicht ist.

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