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Portrait
10.12.2021

Gerd Müller: Die "Nervensäge" für eine bessere Welt

Ein Bild, das in Deutschland Aufsehen erregte: Entwicklungsminister Gerd Müller änderte das offizielle Besuchsprogramm bei seinem Ghana-Besuch 2015, um in Accra die größte Müllhalde der Welt für Elektroschrott mit eigenen Augen zu sehen.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Von Berlin nach Wien: Gerd Müller (CSU) aus Kempten hat als Entwicklungsminister das Lieferkettengesetz durchgeboxt. Jetzt kümmert er sich als Direktor einer UN-Organisation um ärmere Länder.

Und dann stehen da Menschen mit Fackeln vor dem Haus: Als Gerd Müller, der gerade aufgehört hat, Bundesentwicklungsminister zu sein, aus Berlin ins heimische Allgäu zurückkehrt, muss er kurz an den Fackel-Mob von Grimma denken. Neonazis und Corona-Leugner waren vor wenigen Tagen in einer demokratieverachtenden Drohgebärde vor der Wohnung der sächsischen Gesundheitsministerin aufmarschiert. Nach der Schrecksekunde aber ist klar: Die Leute, die da auf den CSU-Politiker warten, sind gekommen, um ihm einen herzlichen Empfang zu bereiten. Alphornbläser spielen ein vorweihnachtliches Ständchen, es gibt Glühwein.

Gerd Müller geht aus Berlin nach Wien.
Foto: Ulrich Wagner

Acht turbulente Jahre liegen hinter Müller: Im Auftrag der Bundesregierung hat er 75 Länder bereist, um Elend zu lindern und Hilfsprojekte anzustoßen. Von der Südspitze Afrikas bis fast zum Nordpol hat ihn seine Arbeit geführt. Doch Zeit zum Ausruhen bleibt dem 66-Jährigen nicht. "Ich packe den Koffer aus und gleich wieder ein“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. An diesem Freitag tritt der schwäbische Bauernsohn sein neues Amt an - als Direktor der Organisation der Vereinten Nationen für Industrielle Entwicklung (Unido) mit Sitz in Wien. "Das ist kein Bruch, sondern eine Weiterführung meiner bisherigen Arbeit“, sagt er. Er verstehe sich als Brückenbauer zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. "In meinem neuen Amt geht es darum, die weniger entwickelten Nationen beim Aufbau einer nachhaltigen und umweltgerechten Infrastruktur zu unterstützen.“ Er werde die Unido zur "Transferorganisation für Technologie, Wissen und Investitionen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern“ umbauen, kündigt er an.

47 Niederlassungen und fast 2500 Mitarbeiter weltweit

Es ist, darauf legt der Allgäuer Wert, kein "Austragsposten“, den er als Altpolitiker noch zugeschanzt bekommen habe. Müller ist der erste Europäer, der die Organisation leitet, die wie das Kinderhilfswerk Unicef, die Weltgesundheitsorganisation WHO oder das Bildungswerk Unesco den Status einer selbstständigen Sonderorganisation der Vereinten Nationen genießt. Der Unido-Direktor wird von den 170 Mitgliedstaaten gewählt, und in dem mehrstufigen Auswahlverfahren bekam es Müller mit mehreren Mitbewerbern zu tun. Ohne die Kontakte und vor allem das Vertrauen, das Müller in Afrika, Asien oder Lateinamerika aufgebaut hat, hätte er sein neues Amt niemals bekommen. "80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Entwicklungs- und Schwellenländern. Eine Welt ohne Hunger und Arbeitsplätze für Millionen junger Menschen dort zu schaffen ist mein Ziel“, sagt er. Mit 47 Niederlassungen, 650 festen und rund 1800 projektbezogenen Mitarbeitern weltweit arbeite die Unido daran, "grüne Technologien zu fördern, erneuerbare Energien voranzubringen und faire Wertschöpfungsketten zu ermöglichen“.

Gerd Müller hat viele Entwicklungsländer und Krisengebiete besucht, um sich sein eigenes Bild von den Bedingungen dort zu machen. Hier eine Aufnahme aus Äthiopien im vergangenen Jahr.
Foto: Imago Images

"Unfair“ - das ist der Titel eines seiner Bücher. Das Wort bringt auf den Punkt, was für Müller falsch läuft bei der Globalisierung. Er prangert an, dass die Menschen, die auf Plantagen Kaffee, Kakao oder Baumwolle für den Weltmarkt anbauen, für 50 Cent am Tag schuften. Deutsche Entwicklungshilfe sorgt in vielen der ärmsten Länder etwa für bessere Ausbildungsmöglichkeiten und Infrastruktur. In Müllers Amtszeit verdoppelt sich der Etat des Entwicklungsministeriums auf 12,4 Milliarden Euro. Das gelingt auch, weil er mit Angela Merkel (CDU) ein vertrauensvolles Verhältnis pflegt. Die Flüchtlingskrise 2015 sorgt dafür, dass Müllers stete Warnungen, dass fehlende Perspektiven und Raubbau an der Natur die Menschen aus ihrer Heimat treiben, nicht länger in den Wind geschlagen werden.

Müller und seine Nachfolgerin im Entwicklungsressort, die bisherige Umweltministerin Svenja Schulze (SPD).
Foto: dpa

Müller sieht sie sich an, die größte Müllkippe für Elektroschrott in Afrika, wo Kinder auf stinkenden Feuern Kupfer aus Kabeln von ausrangierten Computern schmelzen. Die Minen, in denen unter elenden Bedingungen die Rohstoffe aus der Erde gekratzt werden, nach der die westliche Konsumgesellschaft giert. Ganz genau will er wissen, wie es wirklich zugeht in den Ländern, in die sich sonst kaum je ein deutscher Politiker verirrt. Da lässt er schon mal auf staubiger Piste in Burkina Faso den Autokonvoi anhalten, um mit einem Kleinbauern über die Milchleistung von dessen einziger Kuh zu fachsimpeln. Und als im brasilianischen Sao Paulo die Sicherheitsleute dringend vor dem Besuch eines für seine Kriminalität berüchtigten Elendsviertels abraten, geht er eben ohne sie los, um sich ein Hilfsprojekt anzusehen.

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Er kann sich empören. Doch dabei bleibt es nicht

Eine seiner letzten Minister-Reisen führt ihn ins afrikanische Sierra Leone, wo er eine Kinderkrebsstation besichtigt. Tief berührt, so erzählt er, habe ihn das Leid der schwer kranken Mädchen und Jungen, aber auch der Einsatz der Leiterin, einer deutsch-afrikanischen Ärztin. Wenn die Klinik nun mit zwei Millionen Euro Unterstützung aus Deutschland eine neue Abteilung aufbauen kann, dann erfülle ihn das mit einem Glücksgefühl.

Müller kann sich leidenschaftlich empören, doch dabei bleibt es meist nicht. Nachdem er sich in einem Flüchtlingslager in Bangladesch das Leid der Rohingya-Minderheit schildern lässt, stoppt er noch auf dem Rückflug die deutschen Hilfszahlungen an Myanmar - das Land, das die Rohingya vertrieben hat. Als 2013 in Bangladesch ein Fabrikkomplex einstürzt und 1135 Menschen getötet werden, die auch für deutsche Textilketten nähten, entwirft er einen Plan, der zunächst kaum durchsetzbar scheint: Deutsche Unternehmen sollen Verantwortung übernehmen, dass auch bei eingeführten Produkten Mindeststandards bei Menschenrechten und Umweltschutz eingehalten werden. Innerhalb seiner Partei, wo manche in Müller einen Idealisten, eine Nervensäge oder einen verkappten Grünen sehen, stößt das Vorhaben auf erbitterten Widerstand. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) versucht alles, um die Wirtschaft vor vermeintlich lästigem Aufwand zu bewahren.

Das sagt Hubertus Heil von der SPD über den CSU-Mann Müller

Hubertus Heil (SPD) bleibt auch in der neuen Bundesregierung von SPD, Grüne und FDP Bundesarbeitsminister.
Foto: Michael Kappeler/dpa

Doch Müller, der sich, wenn es um die Sache geht, wenig um Parteigrenzen schert, findet einen Verbündeten bei der SPD: Hubertus Heil, bisher und künftig Minister für Arbeit und Soziales, will die Wirtschaft ebenfalls in die Pflicht nehmen für die Herkunft und Entstehung ihrer Erzeugnisse. Unserer Redaktion sagt Heil: "Mit Leidenschaft hat Gerd Müller für seine Themen gekämpft. Gemeinsam haben wir das Gesetz für faire Lieferketten gegen massiven Widerstand auch aus Teilen der CDU durchgesetzt.“ Der Sozialdemokrat weiter: "Dabei haben wir parteiübergreifend immer im Sinne der guten Sache und für mehr Menschenrechte zusammengearbeitet. Bei den nächtelangen Verhandlungen und bei unserer gemeinsamen Reise nach Äthiopien haben wir uns kennen und schätzen gelernt.“ Heil ist froh, dass sein ehemaliger Kabinettskollege aus Bayern auch künftig für eine gerechtere Welt kämpfen will. Er sagt: "Jetzt wird er sich bei den Vereinten Nationen einbringen. Alles Gute weiterhin, Gerd!“

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