Der Besuch in der Kabine einer Nationalmannschaft gehört zu den Königsdisziplinen der Politik. Weil: Ganz schnell kommt da der Verdacht auf, man wolle weitgehend leistungslos (also rein sportlich betrachtet natürlich!) etwas abhaben von Ruhm, Schweiß und Tränen der anderen. Andererseits: Soll auch keiner behaupten, man habe nicht mitgefiebert mit den Helden der Nation. Wo bleibt da die Volksnähe? Friedrich Merz, der Mann aus der gehobenen Mittelschicht, hat sein erstes Mal im Dunst von verschwitzten Socken und Testosteron immerhin weitgehend unfallfrei absolviert.
Friedrich Merz saß neben Königin und Premierministerin
Nach dem Finale der Europameisterschaft tauchte der Bundeskanzler überraschend in der Kabine der deutschen Handballer auf, wirkte zunächst zwar etwas steif, auf der inoffiziellen Gerhard-hol-mir-mal-ne-Flasche-Bier-Schröder-Skala aber durchaus authentisch. Zuvor hatte er das Team von der Tribüne aus angefeuert – mit Deutschland-Schal um den Hals und der dänischen Königin Mary sowie Premierministerin Mette Frederiksen als Banknachbarinnen. Und so sehr man den Deutschen die Daumen drückte, fühlte sich der eine oder andere womöglich bei dem Gedanken ertappt, dass man den beiden Frauen den Titel durchaus gönnen würde. Wo sie doch gerade eh schon so viel Ärger am Hals haben, mit Grönland und diesem Immobilienhai aus den USA. Anders als man das von selbigem Amerikaner erwarten würde, zeigte sich der Kanzler trotz aller Befangenheit als fairer Verlierer. Vielleicht war er insgeheim sogar ein klein wenig erleichtert. Eine drohende diplomatische Krise weniger.
Später dann, in der Kabine, besorgte sich Merz erst einmal das naheliegendste Utensil für einen solchen Auftritt: eine Flasche Bier. Da macht man erst mal nichts falsch als Politiker. Allerdings blieb doch ein gewisses Restrisiko, denn der unerwartete Gast brachte seine Frau Charlotte mit in die Herrenumkleide. Immer ein bisschen heikel, weil man ja nie so genau weiß, wer da gerade nichtsahnend aus der Dusche schlappt.
Legendär, das „Mannschaftsfoto mit Mutti“ bei der WM 2014
Erinnerungen wurden wach an Angela Merkel. Die Kanzlerin schaute immer wieder nach Spielen der Fußball-Nationalmannschaft spontan rein. Legendär das „Mannschaftsfoto mit Mutti“ bei der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014, als sie, umringt von mehr oder weniger spärlich bekleideten Kickern, glatt vergaß, die Raute zu machen. Merkel war damals auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, was man von Merz nun nicht unbedingt behaupten kann. Aber sportliche Erfolge haben ja durchaus das Zeug dazu, die Stimmung im Land zu drehen und eine Nation zusammenzuschweißen. Und im Sommer steht bekanntlich wieder eine Fußball-WM an.
Ein kleiner Gag des Kanzlers zündet nicht wirklich
Genug Zeit für Merz, um an den sogenannten „Soft Skills“ zu arbeiten. Denn so ganz konnte er den Politiker in sich dann doch nicht abstreifen. Wo doch gerade die halbe Republik über Arbeitsmoral und Leistungsgedanken diskutiert, formulierte der Kanzler seine Erwartungshaltung an die Handballer. „Die Dänen haben in ihrem Land die Europameisterschaft gewonnen. Und wir haben im nächsten Jahr im eigenen Land die Weltmeisterschaft, oder?“, sagte er mit einem wissenden Lächeln. So richtig zünden wollte diese Kampfansage in der Hitze des Augenblicks allerdings nicht. Und so legte Merz direkt nach, ausgerechnet mit einer alten Fußballweisheit. „Nach dem Spiel ist …“, sagte er – in der letztlich vergeblichen Hoffnung auf eine Reaktion. Nach einer kurzen Kunstpause brachte er den Satz notgedrungen doch selbst zu Ende („… ist vor dem Spiel“), um schließlich mit einem Heribert-Faßbender-haften „Sehr zum Wohl, allerseits!“ die Situation zu retten.
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