Dafür, dass es Sonntagmorgen ist und Felix Banaszak gleich 21 Kilometer laufen muss, ist er erstaunlich gut gelaunt. Während des Gesprächs wirbelt er grinsend die Arme durch die Luft, zieht die Knie hoch – Aufwärmübungen. „Um die zwei Stunden ist das Ziel heute – plus minus“, sagt er. Banaszak trägt ein weißes T-Shirt, auf dem in dunkler Farbe eine Sonnenblume gedruckt ist. In dieser Kombination muss man etwas genauer hinschauen, um das Grünen-Logo zu erkennen.
Um ihn herum stehen etwa 20 Leute mit dem gleichen Shirt. Banaszak hat ein paar Anhänger mobilisiert, den Elbbrückenlauf mitzumachen, der heute zum 23. Mal stattfindet. Und er hat ihn kurzerhand zu seinem Spendenmarathon erklärt. Jeder, der spendet, kann ein solches Shirt bekommen.
Und wie hilft das nun im Wahlkampf?
Banaszak will laufen für den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Das Problem: Für seine Partei – Obacht, jetzt wird’s platt – läuft es nicht so richtig. Zumindest nicht im Osten. Umfragen sehen die Grünen in Sachsen-Anhalt unter der Fünf-Prozent-Hürde. Der Parteichef hat sich die Ost-Schwäche zur persönlichen Aufgabe gemacht. Er hat ein Büro in Brandenburg eröffnet und lädt regelmäßig zum „Bier mit Banaszak“. Der Halbmarathon gehört auch zu dieser Strategie. Wenn er es zeitlich unterbringt, will er den nächsten in Schwerin laufen. Aber bringt das alles was?
Startschuss. Banaszak rennt zügig, ein bisschen raus aus dem Gedrängel. Die schwierigsten Kilometer seien für ihn die ab dem fünfzehnten, sagt er. Weil er am Anfang meist zu schnell laufe; er sei da nicht so gut im Energiesparen. Den hier auf der Hand liegenden Witz hätte die heute-show wohl gemacht, die ihn kürzlich im Training begleitete. Als seriöser Journalist verkneift man sich den Kommentar.
Und wie hilft das nun im Wahlkampf? Zum einen sind da die Spenden. Über 60.000 Euro hat die Aktion bisher gebracht. Und zum anderen: Wahrnehmung. „Wir müssen halt diesen Wahlkampf so verstehen, dass es nicht allein darum geht, ein Positionspapier nach dem anderen zu schreiben. Sondern darum, dass wir sichtbar sind“, sagt er. „Dazu gehört, bei so einem Volkslauf mitzumachen oder mal zum Bier einzuladen.“
Dabei will man nicht zu penetrant auftreten. Die T-Shirts, sagt er, sind absichtlich weiß gehalten. Man wolle ja nicht aussehen wie eine Sekte. Und bloß keine politischen Botschaften darauf. „Zumindest beim Laufen können wir die Leute mal mit Inhalten in Ruhe lassen.“
Ein bisschen ging es zuletzt bergauf
Nach fünf Kilometern die erste Wasserpause. Helfer halten den Läufern Plastikbecher hin. Nicht die beste Ökobilanz, aber Banaszak sagt nichts dazu. Die meisten stürzen das Wasser herunter und werfen den Becher an den Straßenrand. Der Grünen-Chef trägt ihn ordnungsgemäß, bis der nächste Mülleimer kommt.
Banaszak will, dass die Grünen nicht belehrend rüberkommen. Auf dem Parteitag in Hannover erzählte er von seinem ersten Auto und dem Führerschein, der für ihn auch ein Stück Freiheit bedeutet habe. Ungewöhnliche Sätze von einem Parteichef, der dem linken Flügel zugeordnet wird. „Positive Irritation“, nennt er das.
Ein bisschen ging es damit zuletzt bergauf. Eine Umfrage aus der vergangenen Woche, die die AfD bei über 40 Prozent sah, findet Banaszak zwar „schockierend“. Aber auch „motivierend“. Die Grünen haben einen Prozentpunkt zugelegt auf jetzt vier. Das größte Hindernis in dieser Wahl wäre, wenn es der CDU gelingt, eine „Wir gegen die“-Erzählung zu setzen, glaubt er. Die Leute also CDU wählen, um die AfD als stärkste Kraft zu verhindern.
„Das Gute ist: Der Plan ist klar“, sagt Banaszak. „Wer eine Alleinregierung der AfD verhindern will, muss auch dafür sorgen, dass die Grünen in den Landtag kommen.“ Rechnerisch stimmt das. Je mehr Fraktionen im Landtag, desto höher die Hürde für eine Alleinregierung. Mit diesem Argument will man vor allem Linkenwähler überzeugen. Nur: „Das muss jetzt passieren, wir müssen jetzt aufholen.“ Wenn man kurz vor Schluss unter fünf Prozent liegt, wäre das eher ein Hindernis.
„Dann schaffen wir auch die Landtagswahl im September“
Kilometer sieben. Banaszak drückt sich eine Elektrolyte-Zucker-Paste aus einer kleinen Tüte in den Mund, die er von Parteifreunden geschenkt bekommen hat. „Schmeckt gar nicht mal so lecker.“ Für das Interview erbittet er sich eine Pause, laufen und sprechen gleichzeitig sei dann doch anstrengend. Verständlich.
Kilometer 18: Am Straßenrand stehen Banner. „Hier gleich rechts abbiegen, aber NICHT bei der Landtagswahl am 6. September“, steht auf einem. Sachsen-Anhalt ist schon im Wahlkampf. Und zumindest für Felix Banaszak hätte der nicht besser beginnen können. Eine Stunde 55 Minuten braucht er für die Strecke, persönliche Bestzeit in einem Wettkampf. Im Ziel macht er noch Fotos, unterschreibt eine Medaille. „Wenn wir das heute geschafft haben“, sagt er zu den anderen Grünen. „Dann schaffen wir auch die Landtagswahl im September.“
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