Als Donald Trump während seiner ersten Präsidentschaft im Jahr 2017 nach Peking reiste, wurde er wie ein sprichwörtlicher Kaiser empfangen. In der Verbotenen Stadt erhielt der US-Präsident nicht nur eine Privatführung, begleitet von Staatschef Xi Jinping. Sondern er durfte auch – entgegen der sonst in China streng eingehaltenen diplomatischen Protokolle – ein Staatsbankett in den imperialen Räumlichkeiten abhalten. Mehr Pomp geht nicht.
Fast zehn Jahre später trifft Trump nun auf eine Volksrepublik, die sich stark gewandelt hat. Wenn seine Air Force One am späten Mittwoch in der chinesischen Hauptstadt landet, ist längst nicht mehr klar, ob der mächtigste Staatschef der Welt den zweitmächtigsten Amtskollegen besucht – oder genau umgekehrt. Xi jedenfalls dürfte Trump mit einem Gefühl der Überlegenheit empfangen. Ausgerechnet Trump, der den Wahlspruch „Make America Great Again“ zum Motto seiner politischen Führung gemacht hat.
Trump ist im Iran-Krieg gefangen
„Die Chinesen haben derzeit definitiv die Oberhand“, sagt Jörg Wuttke, langjähriger Präsident der europäischen Handelskammer in Peking. Der Wirtschaftsexperte fällt ein eindeutiges Resümee mit Blick auf den Systemwettbewerb der zwei Weltmächte: Chinas Position habe weniger mit der eigenen Stärke zu tun, sondern mit einem US-Präsidenten „im Selbstzerstörungsmodus“.
Trumps Ausgangslage ist tatsächlich alles andere als einfach. Schließlich droht er derzeit in beiden seiner Hauptkriegsschauplätze zu scheitern: Im militärisch geführten Iran-Krieg ist nach wie vor kein Sieg in Sicht, und auch der ökonomische Handelskrieg gegen China hat bislang keine der erhofften Resultate erzielt. Gideon Rachman, außenpolitischer Chefkommentator der Financial Times, urteilt: „Ein geschwächter Trump erscheint zur Audienz an Xis Hof“.
China sieht Trump-Präsidentschaft als Chance
Dabei hat die Parteiführung in Peking, trotz aller ideologischen Differenzen, stets zu Washington hinaufgeschaut. Die USA haben den Wirtschaftsplanern der KP Respekt abgerungen, wurden von der damals noch existierenden Zivilgesellschaft bewundert, galten innerhalb akademischer Kreise als „Goldstandard“. Mittlerweile ist der Glanz Amerikas verblasst.
China beobachtet gebannt, wie sich die USA in außenpolitischen Kriegen in Nahost und ideologischen Grabenkämpfen im Innern verzettelten, während chinesische Firmen in sämtlichen Zukunftstechnologien rasant aufholten. Trump ist ein Präsident, der in China mittlerweile als historische Chance begriffen wird – weil er gegen seine Alliierten droht, die Nato infrage stellt und sich aus multilateralen Institutionen zurückzieht.
Wang Huning hat diesen Paradigmenwechsel so früh wie kein zweiter Parteikader in Peking erkannt. Der 70-Jährige gilt als ideologisches Mastermind der chinesischen Führung, er ist seit über 20 Jahren Mitglied des Zentralkomitees. Bereits 1992 publizierte er - damals noch unbekannter Politikwissenschaftler - das geradezu prophetische Buch „America against America“ (Amerika gegen Amerika). Darin schildert Wang seine Erlebnisse, die er als Gastwissenschaftler an mehreren US-Universitäten gemacht hat. Er war geschockt von der sozialen Spaltung des Landes, der wirtschaftlichen Ungleichheit und der in seinen Augen individualistischen Dekadenz. Seine Grundthese: Die demokratischen USA seien im direkten Vergleich mit autoritär regierten, kollektiven Systemen unterlegen. Und schon bald werden andere Staaten die Dominanz Amerikas herausfordern.
Auch China hat viele Probleme im Innern
Beim dieswöchigen Gipfeltreffen ist China an genau diesen Punkt angelangt. Beim Staatsbesuch soll es vor allem um Handelspolitik gehen. Dass Trump die Bedingungen für einen glorreichen Deal diktieren kann, gilt allerdings als ausgeschlossen. Die Chinesen verfolgen eine andere Strategie: Sie werden auf Zeit spielen - um sich für einen harten Konflikt in der Zukunft zu rüsten.
Doch nicht wenige Experten halten auch die demonstrative Stärke der Chinesen für eine gefährliche Selbstüberschätzung. Der in China geborene Yanzhong Huang, der an der US-Denkfabrik „Council on Foreign Relations“ forscht, attestiert seiner Heimat „ein gefährliches neues Übermaß an Selbstvertrauen, das auf falschen Vorstellungen über den Niedergang Amerikas beruht“, wie er in einem Meinungsbeitrag der New York Times schreibt.
Natürlich handelt es sich bei der chinesischen Selbstdarstellung auch um ein Manöver, um von den Problemen im Inneren abzulenken: der hohen Jugendarbeitslosigkeit etwa, einer anhaltenden Immobilienkrise und einer rasant einbrechenden Geburtenrate. Wer ins Reich der Mitte blickt, insbesondere in den Provinzen, sieht ein Land im Erschöpfungszustand. Und dennoch: Xi Jinping ist überzeugt davon, dass die Herausforderungen der USA schwerwiegender sind als die eigenen - auch, weil er seine Bevölkerung für widerstandsfähiger hält.
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