Im Schnitt kommt der Präsident nach Zählung der Faktenchecker der Washington Post auf 21 falsche oder irreführende Aussagen am Tag. Je nach Thema können es mehr sein. Nicht mitgezählt die Übertreibungen von einem, der stets in Superlativen und Großbuchstaben spricht. Das So-tun-als-ob ist seitdem nicht nur eine Kunst, in der es der Präsident zur Meisterschaft gebracht hat. Das ändert sich in diesen Tagen. Während Trump seine Macht im Weißen Haus bisher dazu nutzte, die Wirklichkeit seiner Sicht anzupassen, indem er widerspenstige Mitarbeiter feuerte, die Justiz in seine Dienste stellte, Wissenschaftler und Medien diskreditierte und unbequeme Fakten unter den Tisch fallen ließ, stößt er am Persischen Golf auf eine harte Grenze.
- Die Straße von Hormus öffnet sich nicht „ganz natürlich“, wie Trump sagt. Sie bleibt viel mehr geschlossen. Bei den Friedensverhandlungen zwischen dem Iran und den USA bestehen nach Angaben aus Teheran weiter große Differenzen. Man habe zwar Fortschritte erzielt, doch gebe es weiterhin eine erhebliche Kluft zwischen den beiden Staaten, erklärte Irans Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf in einem Interview der staatlichen Nachrichtenagentur Tasnim. Einige Streitpunkte seien zwar gelöst worden, andere Punkte blieben jedoch ungeklärt. Man sei noch „weit von einer endgültigen Einigung entfernt.“ Sein Land kontrolliere den gesamten Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, sagte Ghalibaf in dem am Morgen im iranischen Staatsfernsehen ausgestrahlten Interview. Kurz zuvor hatte sein Land die angekündigte Öffnung der für den globalen Ölmarkt wichtigen Meerenge wieder rückgängig gemacht. Als Grund nannte ein Sprecher des Hauptquartiers der Streitkräfte laut Nachrichtenagentur Fars die anhaltende Blockade iranischer Häfen durch die USA. Die Meerenge unterliege der Verwaltung und Kontrolle der Streitkräfte, hieß es. Seither geht der Iran in der Meerenge militärisch gegen Schiffe vor. Wegen mutmaßlichen Beschusses von zwei indisch beflaggten Handelsschiffen bestellte das Außenministerium in Neu-Delhi laut Mitteilung den iranischen Botschafter ein.
Iran- Krieg hört nicht einfach auf, weil US-Präsident Trump es will
- Der Krieg hört nicht einfach auf, weil Trump es will. Der Präsident behauptet, die Navy, Luftwaffe und Irans Raketen seien „total zerstört“. Auch ohne ein Eingeständnis Irans stehe der Sieger fest, so Trump. Iran-Experte Nate Swanson weiß aus eigener Erfahrung als US-Vertreter, der bis zum vergangenen Juli mit dem Regime verhandelte, dass die Dinge komplexer sind. Iran werde am Verhandlungstisch noch weniger kapitulieren als auf dem Schlachtfeld, sagte Swanson der New York Times. Erst recht nicht, „weil sie sich selbst so fühlen, als hätten sie den Krieg gewonnen“.
- Iran übergibt Trump nicht auf Wunsch seine Bestände an hoch angereichertem Uran. Entgegen anderslautender Behauptungen Trumps gibt es keine Bestätigung, dass das Regime sie aus der Hand geben wird. Niemand weiß zudem, ob sie wirklich in den verschütteten Stollen der Nuklearanlagen von Fordow und Natanz lagern oder vor dem Bombardement der Amerikaner andernorts versteckt wurden. „Total zerstört“, wie Trump behauptet, ist das Atomprogramm offenkundig nicht. Das Interesse, es wiederzubeleben, ist eher größer geworden. Von Nordkorea hat Iran gelernt, wie sich ein Regime gegen die Supermacht immunisieren kann.
Nicht Iran bettelt um einen Waffenstillstand, sondern Trump sucht nach einem Ausweg
- Bleibt noch der von Trump behauptete Regimewechsel, der „ziemlich vernünftige“Führer an die Spitze gebracht habe. Tatsächlich sprechen aus Sicht von Iran-Kennern alle Anzeichen dafür, dass nach der Eliminierung Ayatollah Khameneis und der alten Garde die Hardliner die Oberhand gewonnen haben. An der Spitze der Theokratie steht nun ein anderer Khamenei,Mojtaba, der womöglich noch radikaler als sein Vater ist.
Der Krieg und seine Konsequenzen entziehen sich hartnäckig Trumps Kontrolle. „Das ist nichts, was er per Federstrich kontrollieren kann“, meint Mona Yacoubian, Nahost-Expertin am Center for Strategic and International Studies gegenüber der Times. Dafür sei die Lage zu komplex und undurchsichtig.
Wo Trump auf Erzählungen setzt, die mit „alternativen Fakten“durchwirkt sind, trifft er am Persischen Golf auf eine Realität, die sich dem widersetzt. Nicht Iran bettelt um einen Waffenstillstand, sondern Trump sucht nach einem Ausweg aus einem Konflikt. Die US-Streitkräfte verlassen sich jedenfalls nicht auf Trumps „alternative Fakten“. Sie planen mit den Realitäten vor Ort. Während der Präsident über das „baldige Ende“ des Kriegs spricht, sind zehntausend zusätzliche Soldaten auf der Flugzeugträgergruppe „George H. Bush“und einer Amphibien-Einheit auf dem Weg ins Krisengebiet. (mit dpa)
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