Parteitage sind Inszenierungen der Macht. Die Scheinwerfer richten sich auf den Regierungschef, auf Minister, auf jene, die den Kurs vorgeben und die eigene Partei auf Linie bringen sollen. Bei der Labour-Konferenz in Liverpool fiel im vergangenen September jedoch ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit nicht etwa auf Premierminister Keir Starmer, sondern auf Andy Burnham, den Bürgermeister von Greater Manchester. Im Blitzlicht der Kameras beklagte dieser offen den zögerlichen Stil der Regierung. Ohne eine neue politische Erzählung, warnte er schon damals, werde Labour Wählerinnen und Wähler an die Rechtsaußen-Partei Reform UK unter Nigel Farage verlieren. Es klang nicht wie der Auftritt eines Mannes, der nur seine Region vertritt, sondern wie die Skizze eines anderen politischen Angebots für die Nation.
Monate später wirkt diese Szene zudem fast prophetisch. Labour erlitt bei den Regional- und Kommunalwahlen Anfang Mai schwere Verluste, Reform UK konnte in England und Wales stark zulegen. Keir Starmers Autorität ist seitdem extrem angeschlagen. Mehr als 90 Labour-Abgeordnete fordern öffentlich den Rücktritt des Premiers oder einen geordneten Übergang zu einem neuen Parteichef. Hinter den Kulissen sollen es noch deutlich mehr sein. Gesundheitsminister Wes Streeting hat am Donnerstag das Kabinett verlassen und Starmer öffentlich aufgefordert, den Weg für einen Neuanfang zu ebnen, der auch Andy Burnham den Weg ins Parlament ermöglichen könnte. Denn viele trauen insbesondere dem Politiker aus dem Norden Englands zu, die Partei aus ihrer tiefen Krise zu führen.
Für Burnham gibt es derzeit einen entscheidenden Haken
Doch ein entscheidender Haken bleibt. Der 56-Jährige sitzt nach wie vor nicht im Unterhaus und kann damit nicht Parteichef werden. Ein erster Versuch, im Januar dieses Jahres über eine Nachwahl ins Parlament zu gelangen, wurde durch ein Labour-Komitee unterbunden, dem auch Starmer angehörte. Doch nun öffnet sich für Burnham erneut ein konkreter Weg zurück nach Westminster: Der Labour-Abgeordnete Josh Simons will seinen Sitz in Makerfield für ihn freimachen. Lässt das zuständige Komitee dies dieses Mal zu, und gewinnt Burnham die Nachwahl, wäre er nicht länger nur der populäre Bürgermeister aus dem Norden, er wäre Starmers gefährlichster Herausforderer. Burnham versprach am Donnerstag: „Wir werden Labour zum Besseren verändern und es wieder zu einer Partei machen, an die man glauben kann.“
Doch warum ist Burnham so beliebt? Die einfache Antwort ist, dass er aktuell eben nicht in Westminster sitzt. Er wird damit wie ein „frisches Gesicht“ empfunden, wie Politikwissenschaftler Tim Bale betont. Seit 2017 ist er Bürgermeister von Greater Manchester; 2021 und 2024 wurde er wiedergewählt. Sein Ruf als sogenannter „King of the North“, „König des Nordens“, entstand während der Pandemie, als er sich im Streit mit der Tory-Regierung unter Boris Johnson gegen aus seiner Sicht unzureichende Hilfen für die Region stellte. Seither hat er diesen Titel, halb ironisch, halb ernst, zu einem Markenzeichen gemacht.
Zweimal bewarb sich Burnham erfolglos um die Parteiführung
Doch Burnham war nie nur der Außenseiter aus dem Norden, als der er heute gern erscheint. Er saß sechzehn Jahre lang im Unterhaus, war Minister unter den Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown. Zweimal bewarb er sich erfolglos um die Parteiführung. Dann verließ er Westminster, auch weil er das politische System dort als erstickend und zu sehr auf London fixiert empfand. Vertraute aus seinem Umfeld beschreiben ihn außerdem als „konfliktscheu“: Burnham wolle gemocht werden und vermeide schwierige Entscheidungen. Ein anderer zieht gar den Vergleich zu Boris Johnson. Auch er war ein erfolgreicher Bürgermeister in London, bevor er Premierminister wurde. Gut aus ging es nicht.
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