Elon Musk mag zu den sehr umstrittenen Visionären gehören. Unumstritten ist jedoch sein Ehrgeiz. So unterhält seine Firma SpaceX mit rund 10.000 Satelliten das dichteste Kommunikationsnetzwerk – Starlink – im Orbit. Gegenwärtig rüstet SpaceX eine Fluggesellschaft nach der anderen mit Starlink aus, weil im Wettbewerb um die Kundengunst inzwischen schnelles Internet an Bord zu den absoluten Must-haves gehört. Damit bescheren immer mehr Airlines ihren Passagieren ruckelfreies Wlan über den Wolken. Das heißt, online arbeiten – selbst cloudbasiert, streamen und kommunizieren – alles ist möglich, auch Sprach- und Videoanrufe.
Bei Qatar Airways darf schon im Flugzeug telefoniert werden
Eine der ersten, die Starlink-Wlan einbauen ließen, war Qatar Airways aus den Golfstaaten, es folgten United Airlines sowie asiatische Fluglinien wie Korean Air und Cathay Pacific. Inzwischen haben alle drei europäischen Luftfahrtkonzerne Air France/KLM, IAG (British Airways, Iberia etc.) und die Lufthansa Group (Austrian Airlines, ITA, Swiss etc.) Verträge mit SpaceX unterzeichnet. Bis Ende 2027 werden Tausende von Flugzeugen jedes Typs mit den typischen Starlink-Antennen in Form und Größe einer Pizzaschachtel abheben, darunter zirka 1000 Flugzeuge von United Airlines, 850 Maschinen der Lufthansa Group und rund 300 Jets von British Airways.
Kostenloses Highspeed-Internet wird also demnächst immer öfter an Bord angeboten werden, und zwar in allen Flugklassen. Manche Airlines wünschen lediglich, dass sich Nutzer registrieren. Lufthansa, die noch in der zweiten Jahreshälfte die ersten Flieger mit Starlink-Wlan abheben lassen will, verlangt von ihrer Kundschaft nur, sich als Travel-ID-Nutzer gebührenfrei einzutragen.
„Wenn Sie telefonieren, sprechen Sie leise, benutzen Sie Kopfhörer“
Starlinks‘ dicht gesponnenes Satellitennetzwerk ermöglicht also Passagieren etwas, was bis dato entweder sehr teuer und/oder tabu war. British Airways hat als erste europäische Airline im März eine Boeing 787-8 mit superschnellem Wlan auf die Langstrecke von London Heathrow nach Houston geschickt. Sprach- und Videoanrufe waren nicht blockiert. Damit beendete die britische Airline eine seit langem ungeschriebene Regel, die den Gästen während des Fluges größtmögliche Ruhe auferlegt. Auf der Website der Fluglinie wurden Passagiere lediglich aufgefordert: „Wenn Sie telefonieren, sprechen Sie leise und benutzen Sie Kopfhörer.“
„Ruhestörung“ während des Fluges dürfte in naher Zukunft zum Thema werden. Flüge gehörten schließlich zu den letzten Ruhezonen, wo man – eingelullt vom stetigen Motorenrauschen – dösen oder über das Leben sinnieren konnte. Vor geschäftlichen Anrufen, Videokonferenzen oder auch privaten Gesprächen blieb man verschont. Zwar ist Telefonieren an Bord technisch bereits seit Langem möglich, aber es blieb die Ausnahme. In Zukunft jedoch werden unbeteiligte Fluggäste ungewollt Firmengeheimnissen oder privaten Gesprächen lauschen müssen.
Zerstört Starlink das Konzept Ruhe im Flugzeug?
So fragt sich das Fachportal onemileatatime.com bereits „Zerstört Starlink-Wlan das Konzept der Ruhe an Bord?“. Berichtet wird, dass die meisten Passagiere bei Qatar Airways, einem frühen Starlink-Kunden, begeistert vom gratis Highspeed-Wlan seien, nur gebe es eine häufige Beschwerde: Im Flugzeug sei es nun sehr laut. Da Qatar Airways Anrufe und Videomeetings an Bord erlaubt, prallen in einem Großraumjet mit Platz für rund 350 Gäste aus allen Ecken der Welt auch extrem unterschiedliche Lärmkulturen aufeinander. Nicht jeder nimmt beim Telefonieren Rücksicht auf die Sitznachbarn, hält sich an die Telefonetikette der Airline oder hört auf die Mahnungen der Crew, doch bitte den Ton zu senken. Diesem Zwist entgehen US-Airlines zurzeit noch sehr einfach, indem sie sich auf US-Recht berufen. So weist United Airlines Mileage-Plus-Mitglieder, die Highspeed-Wlan umsonst genießen, darauf hin: „Sprach- und Videoanrufe sind per Bundesgesetz verboten.“ Mit „Bundesgesetz“ sind die Vorschriften des Department of Transport (DOT) gemeint. Laut einer Befragung von 1700 Personen sprachen sich nur zwei Prozent für Telefonate an Bord aus. Die Behörde fürchtet insbesondere vermehrt das Phänomen „Air Rage“, also im schlimmsten Fall gewalttätigen Streit wegen Lärmbelästigung. Seit 2024 ist Telefonieren an Bord auf bestimmten kommerziellen Mobilfunkfrequenzen innerhalb der Vereinigten Staaten verboten. Und bis dato halten sich auch US-Fluglinien mit Starlink-Wlan daran.
Werden Europas Fluglinien das Fliegen an Bord erlauben?
Europas Fluglinien müssen sich also entscheiden, ob sie Telefonieren über den Wolken in spe erlauben oder blockieren. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt erst, wenn Telefonate an Bord bei so gut wie allen Airlines möglich sind und von der Mehrheit akzeptiert werden. Das hängt jedoch von der Rücksicht und Disziplin jedes Einzelnen ab. Werden sich alle daran halten, Kopfhörer zu tragen, so leise wie möglich zu sprechen und sich möglichst kurz zu halten?
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