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Deutschland
07.06.2022

So nah und doch unbekannt: Burghausen ist eine Entdeckung wert

Burghausen, der Stadtname verrät es schon, ist berühmt für seine Burg. Kein Wunder, schließlich ist es die längste Burg der Welt.
Foto: Lilo Solcher

Burghausen hat nicht nur die Burg, auch die Street of Fame der Jazz-Legenden. Braunau verbindet man mit Hitlers Geburtshaus und übersieht dabei das Flair der Stadt. Eine Reise zu Kunst und Kulinarik.

Ob es an dieser anmutigen Landschaft mit ihren Hügeln und Tälern, ihren Wiesen, Wäldern, Feldern und Auen liegt, dass die Menschen in dieser Gegend so freundlich aufgeschlossen sind? Seit kurzem nennt sich die Region um Burghausen, Braunau und Simbach s’Entdeckerviertel. Also muss es wohl mehr geben als aufgeschlossene Menschen. Eine Tour abseits ausgetretener Touristenpfade – mit Freude am Entdecken.

Da wäre als Erstes die Burg von Burghausen. Die kennt man natürlich – immerhin ist sie die längste Burg der Welt. Noch ist Vorsaison, kein Gedränge an den Aussichtspunkten, keine Schlange an der Burgkasse und im Palas sind wir (fast) allein mit der Geschichte und den Ausstellungsstücken. Von ganz oben schaut man hinunter auf die Dächer von Burghausen, den türkisblauen Wöhrsee und die derzeit eher schlammgrüne Salzach.

Unten liegt Burghausens gute Stube mit den bunten Hausfassaden, den Treppen- und Spitzgiebeln und der Sankt-Jakobs-Kirche mit dem eindrucksvoll hohen grauen Turm. Und dann die nicht ganz so aufgehübschte, aber schön authentische Vorstadt Grüben mit den Trödel- und Klamottenläden. Hier auf der Street of Fame sind die Jazzgrößen, die bei der alljährlichen Internationalen Jazzwoche schon aufgespielt haben, verewigt. 42 Jazzlegenden sind es inzwischen, die auf Bronzeplatten im „bayerischen New Orleans“ ihre Visitenkarte hinterlassen haben – Chick Corea, Albert Mangelsdorff, Dave Brubeck …

Auf einer Brücke über die Salzach liegt hier die Grenze zwischen Deutschland und Österreich

Wir sind im Grenzland. Auf der anderen Seite ist Österreich. Die Grenze ist in der Mitte der Brücke, und schon sind wir in Ach an der Salzach/Oberösterreich. Ein harmloses Flüsschen ist die Salzach nicht, das sieht man an den Markierungen, die den Hochwasserstand in verschiedenen Jahren zeigen. Und natürlich am Salzach-Durchbruch kurz vor der Mündung in den Inn. Hier hat sich der Fluss nach der letzten Eiszeit tief in den weichen Kalkstein gefräst. Es tut gut, die müden Füße im kalten Wasser zu baden.

So eine Entdeckerreise kann ganz schön anstrengend sein. Aber auch beglückend. Wenn es um Unerwartetes geht wie im ehemaligen Pfarrhaus in Ostermiething. Das Gebäude, inzwischen in Privatbesitz, sieht von außen so gar nicht nach Pfarrhof aus, war auch schon Lazarett, Krankenhaus, Altenheim. Erbauen lassen hatte den ursprünglichen Pfarrhof 1462 der nicht eben bescheidene Pfarrer Arnoldus Taubenprunner. Die wechselvolle Geschichte ist es nicht, die dieses Haus zu einer Sehenswürdigkeit macht. Es ist das Innenleben, genauer ein Raum mit profanen gotischen Fresken, die von einer verkehrten Welt erzählen.

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Ein Augsburger Wandermaler soll das ehemalige Pfarrhaus gestaltet haben

Hier sitzen die Fische auf dem Baum und die Vögel schwimmen im Wasser. Berühmte Frauen wie die Königin von Saba oder Delila führen die Männer an der Nase herum, und der stolze Löwe weist sich per Spruchband als des Esels Knecht aus. In Szene gesetzt hat diese verkehrte Welt wohl ein Wandermaler aus dem Augsburger Raum im Auftrag des Pfarrers. An der Westwand kann man Affen erkennen, die einen schlafenden Krämer ausplündern, und eine junge Frau, die in ihrem Schoß ein Einhorn birgt. Karl Hager – graue Haare, Lachfalten um die Augen – kennt jede Einzelheit auf diesen Fresken.

Draußen müssen wir uns nach so viel verkehrter Welt erst wieder orientieren. Das gelingt am besten in der freien Natur, da, wo der Mensch sich zurückhält. Im Ibmer Moor, dem Europa- und Naturschutzgebiet. Wundersames ist allerdings auch hier zu entdecken. Maria Wimmer jedenfalls ist seit 50 Jahren vom Moor fasziniert. Von Sonnentau und Wasserschlauch, den Fleischfressern unter den Moorpflanzen. Von Moorbirke, Faulbaum und Spirke, von Rauschbeeren und Teufelsabbiss. Hinein in die Wunderwelt des Moors führt ein Bohlenweg. Von Ferne ruft ein Kuckuck, eine Goldammer zwitschert, ein Brachvogel tiriliert.

Das berühmteste Weihnachtslied der Welt

Von hier ist es nicht weit nach Hochburg zum Franz-Xaver-Gruber-Gedächtnishaus. Hedwig Harner, groß und schlank, Typ pensionierte Lehrerin, stellt gleich richtig, dass das echte Geburtshaus des Komponisten nicht mehr existiert. Dieses schöne alte Haus aber den Geist jener Zeit atme, in der Gruber aufgewachsen ist. In die Geschichte ging der Spross einer armen Leinenweberfamilie als Komponist des berühmtesten Weihnachtsliedes der Welt ein. Dabei sollte der Franz nach dem Willen des Vaters Leinenweber werden wie die Vorfahren. Doch mit Hilfe eines Lehrers schaffte es der musikalisch begabte Junge nicht nur die Orgelausbildung abzuschließen, sondern auch Lehrer zu werden. Gruber wusste, was er wollte. Und weil in Arnsdorf gerade der Lehrer verstorben war und Haus und Witwe hinterlassen hatte, heiratete er die 13 Jahre ältere Frau und bekam die Stelle.

Hedwig Harner kennt das Leben des Komponisten in- und auswendig. Sie könnte stundenlang erzählen. Von der zweiten Frau, die 19 Jahre jünger war und bei der Geburt des zehnten Kindes starb, von dem Heiligen Abend 1818 in Oberndorf, an dem Stille Nacht „der Welt geschenkt“ wurde, von der Freundschaft zum Hilfspfarrer Joseph Mohr, der die Zeilen des berühmten Weihnachtslieds schrieb, und seinem Siegeszug um die Welt. Da sind wir schon auf dem Friedensweg, den die Franz-Xaver-Gruber-Gemeinschaft vor zehn Jahren realisiert hat. Fünf Stationen symbolisieren die fünf Kontinente, zitieren Strophen aus „Stille Nacht“ und „Friedensgedanken“.

Für Braunau ist es eine historische Last, der Geburtsort Hitlers zu sein

Auch in Braunau wirbt ein Stein „für Frieden, Freiheit und Demokratie“ mit dem Hinweis „Millionen Tote mahnen“. Der Gedenkstein vor einem etwas heruntergekommenen Haus in der Salzburger Vorstadt kommt aus Mauthausen. Dass Adolf Hitler 1889 hier geboren wurde, ist für das Städtchen am grünen Inn eine historische Last. Dabei hat Hitler gerade mal drei Jahre hier gelebt. Und als er als Diktator zurückgekommen ist in seine Geburtsstadt, ist er nicht einmal ausgestiegen. So erzählt es die blonde Stadtführerin Susanne Urferer. Das Haus war damals im Besitz der Nazis, Reichsminister Martin Bormann hatte es für die Partei erworben. Nach dem Krieg verhinderten die Amerikaner die Sprengung. Seit zehn Jahren steht das große Haus mit dem verwaschenen gelben Anstrich leer. Eigentlich sollte noch in diesem Jahr die Polizeiinspektion hier einziehen. Doch mit dem umstrittenen Umbau wurde noch nicht einmal begonnen. Schon jetzt allerdings laufen die Kosten davon – von geplanten fünf auf derzeit elf Millionen.

Weiter zum langen Stadtplatz mit den Häusern in der typischen Inn-Salzach-Architektur und den Scheinfassaden. Zum Bürgerspital, das Anfang des 15. Jahrhunderts direkt an die Kirche angebaut wurde, damit die bettlägerigen Männer am Gottesdienst teilhaben konnten. Zur historischen Badestube am Stadtbach, für die Stadtarme zwei Mal im Jahr den Eintritt bekamen und ein Essen dazu. Oder zum Grabmal des stolzen Stadthauptmanns Hans Steininger, der seinen langen Bart bevorzugt in einem Samtbeutel trug. Pech nur, dass der Beutel bei einem Feueralarm fehlte, weshalb der Mann über den eigenen Bart stolperte und starb. Der tückische Bart kam ins Museum, wo er vor sich hinwelkt. Auf der Grabplatte an der Stadtpfarrkirche schmückt er seinen stattlichen Träger dafür in voller Pracht.

Wir schlendern durch die Gassen und lauschen Urferers Geschichten. Und dann erklimmt die 64-Jährige die 192 Stufen bis hinauf zur Aussichtsplattform des imposanten, mit Tuffstein ummantelten Kirchturms. Von hier haben wir den Überblick über die 18.000-Einwohner-Stadt am Inn. Nur die Domfalken, die über der Plattform brüten, haben noch eine bessere Aussicht.

In St. Pantaleon ist eine Ideenschmiede rund ums Bier entstanden

Womöglich sehen sie sogar bis nach St. Pantaleon, wo Oberösterreich, Salzburg und Bayern zusammentreffen und wo im Stieglgut Wildshut eine „Ideenschmiede rund ums Bier“ entstanden ist. Nachhaltigkeit ist das große Thema in Österreichs 1. Biergut. Hier wachsen Urgetreidesorten wie Schwarzhafer, Pfauengerste oder Emmer, gedeiht eigener Hopfen. Auf den Weiden grasen Pinzgauer Rinder und Tiroler Bergschafe, unter Obstbäumen suhlen sich ungarische Mangalitza Schweine, in den Blühstreifen summen dunkle Bienen. Die Eigentümerfamilie Kiener strebt eine sinnvolle Kreislaufwirtschaft an. Auch gebraut wird vor Ort – in der Vollholzbrauerei und mit Wasser aus dem eigenen Brunnen. Im „Kramerladen“, wo es die Produkte aus dem Gut zu kaufen gibt, steht ein Holzofen. Es duftet appetitanregend nach frischem Brot. Im Biergarten unter den Kastanien sind alle Tische besetzt.

Auch das Haus, in dem Christoph Forthuber sein Hauben-Restaurant eröffnet hat, war mal ein Brauhaus. Bier wird hier nicht mehr gebraut. Aber der Chef und sein Team laden gern zu einer Genussreise mit Wein- und Bierbegleitung in dem stimmig restaurierten Haus aus dem 15. Jahrhundert ein: Aufgemöbelte Original-Biertische aus München, verspielte Kandelaber, Bauernkredenzen, feines Fischgrätparkett. Dass er gleich im ersten Jahr eine Gault-Millau-Haube bekam, hat den Jung-Unternehmer bestätigt. Nach vier Jahren waren es dann zwei Hauben. „Regional, geradlinig, aber auch verspielt“ sei seine Küche, sagt der „ewige Dreißiger“ mit dem Dreitagebart und der Lederschürze. In jedem Fall ist sie eine Entdeckung wert.

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