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Stadtführung: Ehrenamtliche Greeter zeigen Brüssels unbekannte Seiten und teilen Insiderwissen

Stadtführung

Kostenlose Insidertipps von einem Einheimischen: So lernen Sie nicht nur Brüssel auf ganz neue Weise kennen

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    Greeter Sean O'Sullivan hat für alle, die im alten Zentrum von Brüssel unterwegs sein wollen, einen groben Plan, was er ihnen zeigen könnte.
    Greeter Sean O'Sullivan hat für alle, die im alten Zentrum von Brüssel unterwegs sein wollen, einen groben Plan, was er ihnen zeigen könnte. Foto: Luisa Sako

    E-Mail von Sean O'Sullivan: Hallo Luisa, welche Themen sprechen dich an – Architektur, historische Orte, Alltagsleben, ein bestimmtes Viertel? Der Service der Greeter ist kostenlos. Wir duzen unsere Gäste, aber das muss natürlich nicht sein. Mit herzlichen Grüßen aus Brüssel, Sean.

    E-Mail an Sean: Hi Sean, super. Ich bin an Architektur interessiert. Ich will aber auch wissen, welche Orte die Menschen aufsuchen, wenn sie Freizeit haben. Wir können uns gern duzen. Gibt es eine Kleinigkeit, die ich dir aus Deutschland mitbringen kann, über die du dich freuen würdest? Herzliche Grüße, Luisa.

    Antwort von Sean: Danke, Luisa. Ich werde mein Bestes tun. Und nur, weil du gefragt hast: Also wenn du zufällig ein Päckchen Spätzle mitbringen solltest, wäre ich dankbar.

    Da knistert sie nun also, diese Packung mit geschabten Königsspätzle in den Händen. Sean grinst bei ihrem Anblick. Wir treffen uns am Boulevard Charlemagne im Europaviertel von Brüssel. Es wären nur ein paar Schritte über zwei Zebrastreifen zum EU-Gebäude mit dem Namen „Le Berlaymont“, das Korrespondenten und Korrespondentinnen so gern im Hintergrund ihrer Videoschalte platzieren. Verrückte Welt hier. Nur ein paar Meter weiter spritzt ein Mann in kurzen Hosen sein Fahrrad ab. An der Seite von Sean, Strohhut, blaue, runde Brille und fester Händedruck, hat man ein besseres Auge für die Gegensätze dieser Stadt.

    Ehrenamtliche Stadtführer geben Einblicke in ihren Brüsseler Alltag

    Sean ist ein sogenannter Greeter und will seinen Gästen das Gefühl geben, dass er mit ihnen „einen Stadtrundgang unter Freunden“ begeht. Die Ehrenamtlichen verstehen sich ausdrücklich nicht als professionelle Stadtführerinnen und Stadtführer. Ihre Rundgänge, genannt Greet, sind kostenlos und für eine Gruppe von bis zu sechs Personen gedacht. Seit 2010 gibt es ein Netzwerk auch in Brüssel. Die Idee der ehrenamtlichen Stadtführungen mit persönlicher Note stammt von der Amerikanerin Lynn Brooks. Laut internationalem Dachverein der Greeters wollte die New Yorkerin in den 90er Jahren das aufgrund hoher Kriminalitätsraten schlechte Image New Yorks geraderücken. Brooks zeigte Gästen, wo sie Süßes kaufte und wie sie ihr Leben lebte, und ließ sie so die schönen Seiten der Stadt entdecken.

    In Brüssel engagieren sich rund 100 Greeter. Das Netzwerk erhält rund 1000 Anfragen im Jahr und konnte davon im vergangenen Jahr gut 470 annehmen. So steht das Tourismusbüro vor der Herausforderung, regelmäßig neue Freiwillige zu gewinnen, um die Zukunft des Projekts zu sichern. Freiwillige wie Sean.

    Bauten mit Glas- und Stahlfassaden wie das Europagebäude mit einem „Ei“ im Inneren prägen das Antlitz des Europaviertels in Brüssel.
    Bauten mit Glas- und Stahlfassaden wie das Europagebäude mit einem „Ei“ im Inneren prägen das Antlitz des Europaviertels in Brüssel. Foto: Arne Immanuel Bänsch, dpa (Symbolbild)

    Wir kehren dem Berlaymont den Rücken zu und spazieren den Boulevard Charlemagne nach Norden entlang. Durch das Europaviertel strömen meist Menschen in Kostümen und Anzügen. Hochhäuser mit Glas-Stahl-Fronten säumen die breiten Straßen, auf denen nicht selten Luxusautos mit einem „CD“ im Kennzeichen unterwegs sind. „Das steht für den Corps Diplomatique“, erklärt Sean.

    Es ist die Dienstwagenflotte der Diplomatinnen und Diplomaten. Neben den EU-Institutionen befindet sich auch das Hauptquartier der Nato in der Stadt. Dadurch leben in Brüssel die meisten Diplomatinnen und Diplomaten der Welt. Im Jahr 2024 zogen laut dem belgischen Statistikamt Statbel rund 19.300 internationale Zuwanderer und Zuwanderinnen in die Region Brüssel zu. Auch einige der Greeter, erzählt Sean, seien wie er einmal aus anderen Staaten nach Belgien eingewandert. Der 63-Jährige kam vor rund zwanzig Jahren aus Dublin nach Brüssel.

    Liebhaber des Jugendstils werden im Europaviertel fündig

    Zwischen den Häusern tauchen zart begrünte Baumkronen auf. Wir durchqueren den Park am Square Ambiorix, auf dessen Wiesen Familien und kleine Gruppen junger Menschen Platz genommen haben. Er ist von gleich mehreren Jugendstilbauwerken gesäumt. An der Ecke zum Square Marie-Louise steht das Maison Van Eetvelde. Victor Horta gab dem Haus aus dem 19. Jahrhundert, das heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, seine Formensprache.

    Gerade einmal vier Meter breit ist das Haus mit dem Namen Maison St. Cyr im Brüsseler Europaviertel.
    Gerade einmal vier Meter breit ist das Haus mit dem Namen Maison St. Cyr im Brüsseler Europaviertel. Foto: Luisa Sako

    Direkt am Platz liegt das Maison Saint Cyr. Sean referiert mit Begeisterung in der Stimme: „Es ist nur vier Meter breit. Der Architekt war ein Schüler Hortas.“ Im Alter von 21 Jahren zeichnete Gustave Strauwen die Pläne für das Haus mit den grünen, geschwungenen Geländern an den Balkonen und der prägnanten Umrundung des Fensters im Dachgeschoss. Das filigrane Haus bleibt im Gedächtnis. Kein Wunder. Sean löst ein, was er in Aussicht gestellt hat: ein Rundgang ganz nach dem Geschmack seines Gastes.

    Der Fokus einer Tour mit Sean kann auch auf dem vielfältigen Bierangebot der Bars, besonderen Restaurants, dem Alltagsleben oder eben der Architektur liegen. Der 63-Jährige legt sich dafür mächtig ins Zeug. In einem speziellen Kurs lernt er derzeit, wie man architektonische Besonderheiten vermittelt. Zusätzlich paukt er Niederländisch: zum einen, um die flämische Bevölkerung besser zu verstehen, zum anderen, um auch niederländische Gäste mit einem Greet glücklich machen zu können.

    Sean O'Sullivan kennt sich mit Belgiens Kolonialgeschichte aus

    Sean kennt einige Geheimnisse Brüssels, dessen gesamte Hauptstadtregion aus 19 Gemeinden besteht. In der Sonne glitzern die feinen Wassertropfen eines Springbrunnens im Park am Square Ambiorix. Der gebürtige Ire deutet auf das Wasser und fragt: „Wusstest du, dass durch Brüssel ein Fluss fließt?“ Es ist eine Frage, bei der man sich für ein Nein nicht zu schämen braucht. Denn die Stadt hat die Senne, im Laufe der Zeit unter Asphalt, Stein und Beton versteckt. Nur an wenigen Stellen kommt der Fluss, der in den 1860er Jahren begradigt und überbaut wurde, noch an die Oberfläche.

    Das Haus von Édouard Ramaekers in der Rue Le Corrège fällt durch seine bunten Fenster auf.
    Das Haus von Édouard Ramaekers in der Rue Le Corrège fällt durch seine bunten Fenster auf. Foto: Luisa Sako

    Wir spazieren die Rue Le Corrège entlang, vorbei am Haus des Architekten Édouard Ramaekers, das durch die Glasmalerei an seinen Fenstern hervorsticht. Im Parc du Cinquantenaire fasst Sean anhand der dortigen Denkmäler die düstere Kolonialgeschichte Belgiens zusammen. Der belgische König Leopold II., der den Kongo in seinen Privatbesitz gebracht hatte, zwang die kongolesische Bevölkerung auf grausame Weise zur Arbeit. In den Regenwäldern verbarg sich ein Rohstoff, der weltweit zunehmend beliebter wurde: Kautschuk. Der König ließ die Frauen der Arbeiter umbringen, wenn diese Lieferquoten nicht erfüllten.

    Millionen Menschen verloren in der 23 Jahre dauernden Herrschaft ihr Leben. Die Zahlen sind nicht gesichert, die Toten wurden damals nicht systematisch erfasst. Erst 1960 erlangte der Kongo seine Unabhängigkeit von Belgien. Noch immer steht im Park ein umstrittenes Denkmal, das die „Belgischen Pioniere im Kongo“ ehren soll und das Gegenstand von Anti-Rassismus- und Anti-Kolonialismus-Protesten ist. Brüssel, das wird hier sichtbar, ist nicht nur Jugendstil, süße Waffeln und EU-Glanz. Es trägt eine schmerzhafte Geschichte mit sich. Sean bleibt stehen und holt tief Luft. Dann wechseln wir die Richtung.

    Angebot für Touristen: Ein Greet in Brüssel „kann nicht schiefgehen“

    Wir durchqueren den Park am Triumphbogen. Ziel ist das Maison Cauchie, ein Haus mit prächtigem Sgraffito. Der Begriff bezeichnet bestimmte Kratzputz- und Ritztechniken, mit denen Künstlerinnen und Künstler reliefartige Fassaden gestalten. Durch das stellenweise Abkratzen übereinanderliegender, verschiedenfarbiger Putzschichten entstehen Muster und Bilder.

    Der Architekt Paul Cauchie erbaute das Maison Cauchie (Drittes von rechts) im Jahr 1905. Das Haus ist mit seiner kunstvollen Fassade eines der zehn Jugendstilhäuser, die das Tourismusbüro als die schönsten in ganz Brüssel ausweist.
    Der Architekt Paul Cauchie erbaute das Maison Cauchie (Drittes von rechts) im Jahr 1905. Das Haus ist mit seiner kunstvollen Fassade eines der zehn Jugendstilhäuser, die das Tourismusbüro als die schönsten in ganz Brüssel ausweist. Foto: Luisa Sako

    Auch Sean legt Stück für Stück die Kapitel seiner eigenen Geschichte frei. Er erzählt beim Weitergehen von seinen ersten Schritten auf dem belgischen Festland, an der Küste in Ostende. Wie er entschied zu bleiben, auch weil er merkte: „Die Leute akzeptieren mich, sie stellen keine Fragen. Die Idee vom Kompromiss ist eingebettet in die Mentalität der Menschen.“ Das habe ihn angezogen, deshalb wolle er in Brüssel auch künftig bleiben und Greets anbieten. Warum das gelingt, verrät er bei einem Kaffee.

    Sakkos und Blazer hängen über den Stuhllehnen im Café. Spätzle stehen natürlich im „Papillon“ nicht auf der Karte. Ein Americano und ein grüner Tee sind hingegen leicht zu bekommen. Sean erzählt, dass die Greeters sich untereinander träfen, um sich Stadtviertel gegenseitig vorzustellen. Er genieße die Gegenwart der „passionierten“ Menschen. Viel entscheidender sei aber die Einstellung der Gäste: „Leute, die ein Greet suchen, sind meistens gut gelaunt. Das kann nicht schiefgehen.“ Am Ende unseres Rundgangs am Berlaymont verabschieden wir uns wie Freunde – mit einer Umarmung.

    Sean O'Sullivan genießt die Spätzle mit Hühnchen und Champignons.
    Sean O'Sullivan genießt die Spätzle mit Hühnchen und Champignons. Foto: Sean O'Sullivan

    Email von Sean: Hallo Luisa, wir haben am Wochenende lecker gekocht: Spätzle, Poulet-Champignons.

    Praktische Tipps für die Reise nach Brüssel

    Anreise: Mit dem Zug erreicht man Brüssel aus dem Süden Deutschlands meist per ICE mit Umstieg in Frankfurt am Main oder Köln. Von Frankfurt am Main Hbf aus dauert die Fahrt nur drei Stunden bis zum Bahnhof Brüssel Süd (Midi). In den Metros des öffentlichen Nahverkehrs können EC-Karten übrigens wie ein Ticket an den Automaten der elektronischen Schranken benutzt werden.

    Einen Greet buchen: Mehr Informationen zu den Greets gibt es auf der Internetseite des Tourismusbüros Brüssel: www.visit.brussels. Achtung: Der Button für die Weiterleitung zum Formular für die Buchung eines Greets funktioniert nur in der englischsprachigen Version der Internetseite.

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