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Schwabmünchen

15.11.2020

ADHS: So hilft die Jugendhilfe St. Gregor Jugendlichen, ihren Weg zu finden

In Deutschland ist die Zahl der ADHS-Diagnosen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts seit einigen Jahren stabil. Ein bis zwei Prozent der Kinder werden medikamentös behandelt.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Symbolbild)

Plus Als „Meilenstein der Jugendhilfe“ gefeiert, hat die heilpädagogische Tagesstätte in Schwabmünchen das Leben Jugendlicher verbessert. Eine Frau erinnert sich.

Mit einigen Stühlen und Tischen begann die Jugendhilfe St. Gregor die Arbeit in dem Haus, in dem früher Nonnen wohnten. Zunächst einmal habe es Skepsis in der Stadt gegeben, weil viele „schwierige Kinder“ befürchtet wurden, erinnert sich Susanne Schönwälder. Sie leitet die Einrichtung seit 25 Jahren.

Es musste viel Aufklärung betrieben werden, um zu zeigen: In der Tagesstätte werden keine „schwierigen Kinder“ betreut, sondern Buben und Mädchen, die nur einen „anderen Rahmen“ benötigen. So wie damals Johanna (Name geändert). „Ich war kein einfaches Kind“, sagt die junge Frau heute. Sie ist ihren Weg gegangen, hat eine gute Anstellung. Doch ihr Weg dahin war steinig.

In der Schule wird das Kind ausgegrenzt

Die Mutter von Johanna merkte schon früh, dass mit ihrer jüngeren Tochter etwas anders ist. „Sie war aufbrausend, konnte nicht lange spielen.“ Im Kindergarten hieß es, dass sie einfach lebhaft sei. In der Schule meldeten sich dann die Lehrer, dass etwas vom Verhalten und letztlich auch von den Noten nicht stimmt. Es gab Gespräche. Nach der ersten Klasse stellte die Mutter fest: „Es macht so keinen Sinn mehr.“ Ihre Tochter wurde ausgegrenzt. Alles sei damals komplizierter geworden.

Seit 25 Jahren gibt es in Schwabmünchen die Heilpädagogische Tagesstätte der St.-Gregor-Jugendhilfe.
Bild: Maximilian Czysz

Die Mutter musste als Alleinerziehende Job und Familie unter einen Hut bringen. Die Lehrer empfahlen, sich ans Jugendamt und ans Josefinum zu wenden. Den Vorschlag, die Tochter in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie unterzubringen, kam für die Mutter nicht in Frage. Sie sagte: „Ich gebe mein Kind nicht her.“ So kam der Kontakt zur Tagesstätte.

Schwere Anfangszeit in der St. Gregor Jugendhilfe

Nach der Schule besuchte die damals Sechsjährige die Einrichtung der St. Gregor Jugendhilfe. „Ich hab‘ anfangs viel geweint, weil ich das Gefühl hatte, meine Mama gibt mich weg“, erinnert sich die junge Frau an die erste Zeit. Oft saß das Mädchen an der Treppe und wartete auf ihre Mutter. „Ich habe damals auch nicht verstanden, warum ich dorthin muss und andere Kinder nicht.“ Nach einer Zeit hat sich alles eingependelt. „Ich hab‘ Anschluss gefunden, Freunde gehabt. Wir durften Hausaufgaben machen und spielen. Es war immer jemand für mich da.“ Johanna lernte auch etwas über ihren Schwachpunkt kennen.

„Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren. Hier wurde mir klar: Ich muss besser aufpassen“, sagt die selbstbewusste junge Frau. Sie erkannte, dass sie nicht die Einzige ist, bei der der Kopf nach eine Viertelstunde „voll ist“. Dass sie nicht die Einzige ist, die sich nicht alles merken kann. Dazu kam das Gefühl, nicht wie in der Regelschule immer abgehängt zu sein. „Ich war damals wirklich nicht einfach.“

Ein abgestimmter Rahmen ist wichtig

Susanne Schönwälder erinnert sich an Johanna: „Es war wichtig, auf sie einzugehen und ihr zu zeigen: Sie ist hier gut aufgehoben. Wenn sie am Abend nach Hause kommt, dann ist ihre Mama wieder für sie da, und das Thema Schule hat sich erledigt.“ Damit gab es in der Familie auch keine Hausaufgaben-Kämpfe mehr, unter denen viele Eltern-Kind-Beziehungen leiden. Wichtig sei es, einen Rahmen aufzubauen, der Kindern Sicherheit bietet. Es habe in den vergangenen 25 Jahren auch vereinzelt Kinder gegeben, die sich nicht auf diesen Rahmen eingelassen haben. Susanne Schönwälder erinnert sich: „Wenn man dann sieht, dass ein Kind unter der außerhäuslichen Betreuung leidet, dann muss man einen anderen Weg finden.“

Für Johanna spielte der feste Tagesablauf eine große Rolle: „Ich habe gelernt, dass eines nach dem anderen kommt. Nach der Schule konnte ich hier erst einmal zur Ruhe kommen“, sagt Johanna, die zwei Jahrzehnte später weiß: „Daheim hätte meine Schwester gelitten, weil ich immer mehr Aufmerksamkeit eingefordert habe. Es hätte nicht funktioniert.“ Ihre Mutter erinnert sich und bestätigt: „Es gab nie Ruhe in der Familie.“

Mutter fühlt sich zunächst allein gelassen

Johanna wurde auch medikamentös eingestellt und musste das Medikament Ritalin nehmen. „Das war freilich kein Wundermittel“, erinnert sich die Mutter. Aber mit der richtigen Dosierung, die ans Wachstum ihrer Tochter angepasst wurde, hätten sich immer mehr Erfolge eingestellt. „Man hat gemerkt, dass sie ruhiger wurde. Alles war ein langer Lernprozess.“ Die Mutter, die namentlich nicht genannt werden will, hat noch den Augenblick vor Augen, als klar war: „Es ist nicht ADS, sondern ADHS. Man wird auf einmal damit konfrontiert. Du stehst alleine da und fragt dich: Was heißt das jetzt? Und was muss ich jetzt machen?“ Dazu kamen immer wieder Zweifel und Selbstvorwürfe. „Das war extrem. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich wusste ja nicht, woher das kommt.“

Susanne Schönwälder von der St. Gregor Jugendhilfe in Schwabmünchen.
Bild: Susanne Schönwälder

Mutter und Tochter reden ganz offen über die schwierigen Jahre. „Ich bin meiner Mutter heute nicht böse. Sie hat alles richtig gemacht“, sagt Johanna. „Ich bin stolz, dass ich diesen Weg gegangen bin.“ Schon vor 25 Jahren hatte der damalige Leiter des St.-Gregor-Heims und spätere Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, der die Umnutzung des ehemaligen Schwesternwohnheims eingefädelt hatte, gesagt: „Wir wollen erreichen, dass Jugendliche einen guten Weg gehen.“

Die Eltern müssen mitwirken

Dieser Weg könne übrigens auch nur geebnet werden, wenn die Eltern mitziehen, erklärt Susanne Schönwälder. Sie sagt: „Die Eltern sind wichtig. Wir müssen gemeinsam mit den Eltern das Kind verstehen und erkennen, was es braucht, um sich gut zu entwickeln.“ Die Mutter von Johanna sei immer offen für die Elternarbeit gewesen. Es habe einen ständigen Austausch gegeben. Die Mutter, die anfangs nur die Krankheit sah, lernte durch das Miteinander: Ihre Tochter braucht auch Grenzen. Und sie ist ein liebenswertes Kind, das nur etwas anders ist. Susanne Schönwälder: „Eine gute Mutter ist, wer eine Schieflage erkennt und sich dann Hilfe holt. Erziehen ist schwierig, und jedes Kind ist anders.“

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