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Königsbrunn

13.01.2020

Andenken an die alte Heimat finden Platz im Museum

Heinrich Heinemann (links) und Ehefrau Lore trennen sich von Erinnerungen und geben unter anderem das Plakat sowie ein Stück Original-Stacheldraht des Grenzzaunes zwischen Ungarn und Österreich an Harald Adam-Götz vom Museum in Ulm.
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Heinrich Heinemann (links) und Ehefrau Lore trennen sich von Erinnerungen und geben unter anderem das Plakat sowie ein Stück Original-Stacheldraht des Grenzzaunes zwischen Ungarn und Österreich an Harald Adam-Götz vom Museum in Ulm.
Bild: Claudia Deeney

Als Heinrich Heinemann aus Königsbrunn fünf war, musste er mit seinen Verwandten aus in Ungarn flüchten. Viele Erinnerungsstücke werden nun in Ulm ausgestellt.

Heinrich Heinemann lebt seit vielen Jahren in Königsbrunn, einen Teil seiner Kindheit und Jugend hat er schon hier verbracht und sein ganzes Erwachsenenleben. Trotzdem erinnert er sich noch gut an seine Vertreibung. Da war er erst fünfeinhalb Jahre alt, aber die dramatischen Erlebnisse und die Eindrücke seine Heimat verlassen zu müssen haben sich tief eingeprägt und sind immer noch jederzeit präsent und abrufbar. Einige Teile aus seiner Lebensgeschichte werden nun im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm ausgestellt.

„Ich komme aus der schwäbischen Türkei“, erklärt der 77-Jährige. Genauer gesagt aus Varsàd, einem Ort in Ungarn. 1948 musste er mit seiner Mutter und Großmutter die Heimat verlassen, so wie viele andere wurde die deutschstämmige Donauschwaben-Familie enteignet und vertrieben. „Rund zwei Wochen waren wir unterwegs, ich selbst war schwer an TBC erkrankt und ein Familienmitglied starb unterwegs“, erinnert sich Heinemann.

Losgelassen hat ihn die Heimat auch in Königsbrunn nicht

Auf Umwegen landeten die Heinemanns in Königsbrunn. Losgelassen hat Heinemann die alte Heimat nie, er war auch immer wieder mal dort mit seiner Frau Lore sowie mit seiner Mutter Elisabeth. Die Eindrücke sind wenig erfreulich: „Mein Elternhaus verfällt immer mehr. Wir hatten eine Huf- und Wagenschmiede sowie Weinbau, heute sieht man vom Schaffen und Wirken der Donauschwaben nicht mehr viel in dem Gebiet.“

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Die Donauschwaben waren sehr aktiv und auch erfinderisch wie Harald Adam-Götz vom Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) in Ulm bestätigt. Er ist seit 1998 im DZM tätig und kümmert sich heute um die Beschaffung von Ausstellungsstücken. Immer wenn sich ehemalige Donau-Schwaben oder deren Erben melden, dass sie interessante Requisiten abzugeben haben, schaut sich Adam-Götz die Gegenstände an und entscheidet, ob diese im DZM einen Platz finden.

Einige Erinnerungsstücke stehen schon im Museum in Ulm

Heinrich Heinemann ist kein Unbekannter für ihn, in der Ulmer Einrichtung befinden sich schon einige Exponate. Auch an diesem Nachmittag, wird der Mitarbeiter des DZM fündig und erklärt seine Auswahl: „Ich nehme ausschließlich Exponate mit, die wir im Museum noch nicht haben und die das Leben der Donauschwaben auch nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegeln.“ Dazu gehört in diesem Fall auch eine ganze Schatzkiste voller Schmuck, die auf den ersten Blick aussieht, wie bunter Modeschmuck, der auch in der heutigen Zeit sicher Interessenten finden würde.

Es gibt aber eine besondere Geschichte zu den zahlreichen Ketten und diese interessiert Adam-Götz, wie er sagt: „Wir haben im Museum noch gar keinen Schmuck dieser Art und er gehört auf alle Fälle in unsere Ausstellung.“ Warum? Das erzählt Heinrich Heinemann: „Meine Mutter hat Mitte der 1950er Jahre angefangen, diese Art von Schmuck selbst anzufertigen um sich so ein bisschen Geld dazu zu verdienen.“ Das sei durchaus üblich gewesen, eine Firma aus Neugablonz habe sowohl die Muster als auch die Einzelteile geliefert und die Frauen haben massenweise Schmuck angefertigt, der dann von der Firma abgeholt und verkauft wurde. Der Verdienst bewegte sich pro Kette im Pfennigbereich und so konnte mit dem Vorläufer der modernen Heimarbeit nur mit viel Fleiß überhaupt etwas verdient werden.

Heinemanns Opa und Mutter bauten Werkzeuge selbst

Weil die Donauschwaben nicht nur fleißig, sondern sich auch immer schon die Arbeit gerne erleichterten, haben sie auch zahlreiche Apparaturen gebaut. Dazu gehört auch ein kleines Gerät aus Holz mit einem Rad. Einen offiziellen Namen hat es nicht, aber Heinemann erklärt, dass damit die Drähte für die Ketten vorbehandelt wurden. Deshalb wandert das kleine Andenken ebenso mit ins Museum, wie die etwas größere Weinpresse der Heinemanns. Die hat der Großvater später nachgebaut, selbst Wein hergestellt und zusätzlich (schwarz) ein bisschen Schnaps gebrannt.

Im Garten der Familie wurde reichlich angebaut, alles was zum Leben benötigt wurde. „Natürlich auch Paprika, das gehörte bei uns dazu. Auch heute haben wir in unserem Garten noch Paprika, der wächst und gedeiht prima“, sagt Heinemann. Paprika pflanzt er auch als Hommage an die alte Heimat, die er heute immer noch regelmäßig besucht.

Geschichtsträchtige Souvenirs vom Ende des Eisernen Vorhangs

Während eines Urlaubs im August 1989 passierten die geschichtsträchtigen Ereignisse in Ungarn, die die Mauer letztendlich zu Fall brachten. Ein Plakat mit der Ankündigung zu einem Picknick am Ort des eisernen Vorhangs, sowie ein Original Stück Stacheldraht von der Grenze, sind historische Belege, die der Museumsmitarbeiter ebenfalls begeistert mitnimmt.

Warum trennt sich Heinrich Heinemann von so vielen Erinnerungen? Harald Adam-Götz hat eine Erklärung: „Bei vielen Abgebern erlebe ich das gleiche Schema, die Exponate haben keinen materiellen Wert, sondern sind nur interessant für Menschen, die Erlebnisse damit verbinden.“ Die Nachfahren würden die Sachen oft einfach wegwerfen, im Museum bleiben sie erhalten. Sie werden dort aufgehoben, wertgeschätzt und für Ausstellungen auch an andere Museen beziehungsweise Messebetreiber ausgeliehen. Somit sind die Gegenstände Belege der Geschichte der Donauschwaben und halten diese lebendig. Zeitzeugen-Interviews gehören dazu ebenso und Heinrich Heinemann ist gerade damit beschäftigt seinen Lebenslauf für das Museum schriftlich festzuhalten.

Die Gegenstände festhalten braucht er nicht für seine Erinnerungen, wie er sagt: „Ich kann ja jederzeit nach Ulm ins DZM fahren und sie dort besuchen.“

Donauschwäbisches Zentralmuseum Schillerstraße 1, 89077 Ulm; im Internet www.dzm-museum.de

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