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Neonazis

17.02.2020

Anschläge geplant: Wer ist der Terrorchef von Mickhausen?

Im Kreise von Mitstreitern: Der mutmaßliche Anführer der rechten Terror-Zelle, Werner S. (stehend, 2. von links) mit Leuten eines „Freikorps Heimatschutz“.
Bild: privat

Plus Werner S. soll der Anführer der bislang unbekannten rechten Zelle sein. Er zog vor Jahren in den Landkreis Augsburg und lebte dort völlig zurückgezogen.

„Seit fünf Jahren sage ich: Da stimmt was nicht“, sagt ein Nachbar von Werner S. am Montagvormittag in Mickhausen (Landkreis Augsburg). „So etwas hat man im Gefühl“, meint der ältere Herr, der seinen Namen hier nicht lesen will. Mit Werner S. aus dem Raum München habe es kein Gespräch über den Gartenzaun gegeben. Nie. Wenn miteinander gesprochen wurde, dann, weil es Ärger gab. Weil bis nachts im Haus von Werner S. gearbeitet wurde und der Lärm Anwohnern aufstieß. Oder weil ein Fahrzeug von Werner S. mal wieder auf der Straße stand und den Verkehr ausbremste.

Das Problem landete auch beim Bürgermeister. Aber Hans Biechele waren die Hände gebunden: Gegen den geparkten Wagen war nichts einzuwenden. Biechele kennt den 53-Jährigen ebenfalls nicht. Zeitweise hätten in dem Anwesen, in dem früher einmal die Poststation und später ein kleines Kolonialwarengeschäft und eine Quelle-Agentur untergebracht waren, auch noch ein Mann und eine Frau gelebt. Um wen es sich bei den anderen Bewohnern handelt, ist noch unklar. Offenbar war Werner S. erst seit einem Jahr in der Gemeinde offiziell gemeldet – obwohl er nach Angaben anderer Dorfbewohner schon seit rund zehn Jahren in Mickhausen wohnen soll. Was Bürgermeister Biechele weiß: Werner S. hat sich nicht für das Dorfleben interessiert und ist in keinem Verein Mitglied. „Er hat keinen Kontakt gesucht“, sagt ein Nachbar. Und: „Komische Leute. Als ob sie etwas zu verstecken hätten.“

Sein Nachbar sagt: Wenn miteinander gesprochen wurde, dann, weil es Ärger gab

Vieles spricht dafür, dass das Bauchgefühl die Menschen in Mickhausen nicht getrogen hat. Werner S. sitzt jetzt in Untersuchungshaft im Gefängnis Augsburg-Gablingen. Er soll der Anführer einer möglicherweise hochgefährlichen rechten Terror-Zelle sein, die Anschläge auf Politiker, Asylbewerber und Muslime ins Auge gefasst haben. Das Ziel: ein Chaos auslösen und so die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik ins Wanken bringen. Demnach planten die mutmaßlichen Täter möglicherweise auch ein Attentat auf eine Moschee, ähnlich dem Anschlag im neuseeländischen Christchurch. Ein Rechtsterrorist hatte dort 51 Menschen erschossen und 50 teils schwer verletzt. Im Mickhauser Anwesen entdeckten die Ermittler bei S. eine scharfe russische Tokarev-Pistole. Wer ist dieser Werner S., der sich an seinem Wohnort so zurückzog, im Internet aber so fleißig mit Neonazis, Bürgerwehren und „Heimatschutz“-Gruppen netzwerkte?

Mit diesem Foto posiert der mutmaßliche Terror-Kopf Werner S. auf Facebook.

Lange zurück liegt ein Vorfall, bei dem der Handwerker Werner S. Kontakt mit der Polizei hatte: Im Dezember 2011 wurde in seinem Anwesen in Mickhausen eingebrochen. Unbekannte hebelten ein Badfenster auf und durchsuchten fast alle Räume. Es verschwanden laut Polizei zwei Notebooks, ein Smartphone, eine Digitalkamera und Schmuck im Wert von mehr als 2000 Euro. Im Ort gab es in dem Zeitraum noch einen zweiten Einbruch. Nachbarn beobachteten, wie Werner S. daraufhin sämtliche Fenster im Erdgeschoss des grau gestrichenen Hauses vergitterte. Fast wie eine Burg, in die niemand eindringen sollte. Und aus der nichts nach außen dringen durfte. Fanden in dem Anwesen auch konspirative Treffen statt? Den Nachbarn fiel nichts auf.

Dafür hatten die Behörden aber ein Auge auf Werner S. geworfen. Im September 2019 schlug offenbar ein V-Mann zum ersten Mal Alarm. Er erkannte, dass sich mehrere Männer zu einer Terrorgruppe zusammengeschlossen hatten. Vor einer Woche gab es in Minden in Nordrhein-Westfalen ein geheimes Treffen, das ausgehorcht wurde – daraufhin kam es zur groß angelegten Razzia in 13 Orten in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Laut Spiegel war in Minden die Rede von mehreren Kommandos, die Anschläge verüben sollten. Die sollten letztlich in einem Bürgerkrieg enden. Etliche Waffen wurden gefunden, darunter scharfe Pistolen, eine selbst gebastelte großkalibrige Waffe, Eierhandgranaten, Äxte und Schwerter.

Die Terrorgruppe von Werner S. nannte sich „Der harte Kern“

Werner S. soll der Kopf der Terrorgruppe sein, die sich „Der harte Kern“ nannte. Er wird nach Informationen unserer Redaktion seit wenigen Monaten als rechter „Gefährder“ eingestuft. Solchen Leuten traut der Staatsschutz schwere Gewalttaten zu – bis hin zu Terroranschlägen. Die zuständige Polizei in Schwabmünchen wusste erst seit drei Wochen davon. Die Ermittler sprechen von der „Gruppe S.“, so sehr sind sie überzeugt davon, dass der 53-Jährige aus Mickhausen der Anführer der Neonazi-Truppe ist.

Der 53-Jährige soll über das Internet versucht haben, Mitstreiter zu gewinnen. Geplant war offenbar, eine Art Untergrundarmee aufzubauen. Auch um Waffen wollten sich die Männer um „Teutonico“ kümmern – so wurde Werner S. in der rechtsextremen Szene genannt. Dort hatte er viele Kontakte. Das beweist sein letzter Facebook-Account – „Werner Schmidt“ hat an die 200 Freunde, die für ihren Auftritt Neonazi-Symbolik gewählt haben. Auch ein AfD-Kreisverbandsvorsitzender gehört zu den Freunden. Als „Werner Schmidt“ antwortet S. auch einem „Matze Wodan“, dem der Facebook-Account gelöscht wurde. Der Gesinnungsgenosse schreibt: „Die Zeit ist nahe an der die Geister der Ahnen sich erheben und mit und für Germaniens Freiheit zu streiten.“ „Werner Schmidt“ antwortet: „Bereit Kamerad!!“

Dieses Anwesen in Mickhausen (Landkreis Augsburg) wurde am Freitag durchsucht. Hier lebte Werner S.
Bild: Siegfried P. Rupprecht

Nach Recherchen der taz beschäftigte sich Werner S. auch mit Waffen – in einer russischsprachigen Gruppe likte er Fotos von Messern, Pistolen und Sturmgewehren. Bei dem Treffen in Minden soll es dann auch konkret um die Frage gegangen sein, wie die Waffen aus Osteuropa beschafft werden können.

Es gibt derzeit nicht wenige Indizien, dass die Männer es mit ihren Anschlagsplänen ernst meinten. Alle zwölf Festgenommenen sitzen mittlerweile in U-Haft, der Generalbundesanwalt führt die Ermittlungen. Für ihre staatsfeindlichen Ziele rekrutierte die „Gruppe S.“ offenbar gezielt Mitstreiter in der Neonazi-Szene. So gibt es etliche Verbindungen zu den „Soldiers of Odin“, Soldaten Odins. Das ist eine rechtsextreme Bürgerwehr, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle zum ersten Mal in Finnland aufgetaucht war. Diese Neonazi-Bürgerwehr, die Anleihen in der nordischen Mythologie nimmt, patroullierte vor zwei Jahren beispielsweise auch in Augsburg mit rund 15 Leuten. „Odins Soldaten“ tragen schwarze Kutten, die an eine Rockergruppe erinnern. Auf den Jacken ist ein großer Wikingerkopf zu sehen, teilweise sind sie vermummt mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne. Die Gruppe selbst nennt als Ziel, sie wolle für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen, der Staat sei allein dazu nicht mehr in der Lage. Seit Ende 2017 werden die „Soldiers of Odin“ (SOO) vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet.

Welche Verbindungen zu anderen rechten Gruppen gibt es?

Eine Abspaltung von SOO ist die ebenfalls bundesweit agierende rechtsextreme Bürgerwehr „Vikings Security Germania“, die auch martialisch mit Lederkutten auftritt. Steffen B., regionaler Anführer der „Vikings“-Gruppierung Sachsen-Anhalt, ist unter den Verhafteten. Seine rechtsextreme Einstellung wird bei Facebook offenkundig. Er teilt Texte wie „Neonazis rüsten sich mit Kampfsport für den Tag X“ und postet Fotos von sich beim Krafttraining. Bei Steffen B. wurde eine sogenannte „Slam Gun“ gefunden, ein großkalibriges Schussgerät, wie es der antisemitische Attentäter von Halle benutzte, als er im Oktober zwei Menschen erschoss.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Terrorzelle enttarnt: Unser Kampf gegen Rechts muss entschlossener werden

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