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Schwabmünchen

19.05.2020

Arzt aus Schwabmünchen: "Corona ist die Seuche unseres Jahrhunderts"

Sebastian Lochbrunner betreibt in Schwabmünchen eine von drei Corona Schwerpunkt-Praxen im Landkreis.
Bild: Carmen Janzen

Plus Ein Blick in den Alltag einer Schwerpunktpraxis im Augsburger Land. Arzt Sebastian Lochbrunner aus Schwabmünchen war bereits an Covid-19 erkrankt.

Sebastian Lochbrunner betreibt seit 47 Jahren eine klassische hausärztliche Allgemeinpraxis in Schwabmünchen. Nun zählt sie zu den drei Corona-Schwerpunktpraxen im Landkreis Augsburg. Lochbrunner hat sich selbst angeboten, denn er war bereits im März an Covid-19 erkrankt und in Quarantäne. Wie nun sein Arbeitsalltag aussieht.

Rückblick. März 2020. Atemnot und schwerer Husten plagten Sebastian Lochbrunner. Er konnte nachts teils nur noch im Sitzen schlafen. „Ich bin einer der wenigen Ärzte in Bayern, der die Erkrankung schon durchgemacht hat. Deshalb habe ich mich angeboten, da viele Kollegen den Umgang mit Covid-Patienten meiden“, sagt der Mediziner. Er kann sich nach aktuellem Kentnissstand zumindest für einige Monate oder sogar Jahre nicht mehr mit dem Virus anstecken, ist also immun.

Seit Anfang April werden nun zahlreiche Termine vergeben, um Verdachtsfälle auf das neue Coronavirus SARS-CoV-2 zu testen. Rund 30 Abstriche hat er bereits gemacht, bislang waren alle negativ. Auch einen Antikörpertest können Patienten in der Schwerpunktpraxis machen lassen.

Viele Patienten benötigen nur eine Bescheinigung

Neben Verdachtsfällen, die typische Symptome haben, kommen hauptsächlich Leute zum Testen, die zum Beispiel ins Ausland reisen möchten und eine Bescheinigung brauchen, dass sie nicht erkrankt sind. Oder auch Patienten, die kurz vor einer Operation stehen. Sie müssen nachweisen, dass sie nicht infiziert sind.

Da aber nach wie vor auch „normale“ Sprechstunden stattfinden, hat sich der Alltag in Lochbrunners Praxis geändert. An der Eingangstüre hängen die Corona-Verhaltensregeln, danach steht direkt Desinfektionsmittel und am Tresen steht eine große Plexiglasscheibe. Obwohl weniger Patienten als üblich die Praxis besuchen, arbeitet er länger als sonst, denn die Corona-Verdachtsfälle kommen in der Früh vor Praxisöffnung oder am Abend, wenn eigentlich schon zu ist, damit sie so gut wie möglich von den anderen abgeschottet sind.

Schutzausrüstung sei nun ausreichend vorhanden, sagt der Mediziner

Er selbst trägt dann eine FFP2-Schutzmaske, Kittel, Handschuhe und einen Gesichtsschutz, der an der Stirn befestigt ist. Schutzausrüstung ist mittlerweile „mehr als genug“ vorhanden, wie der Arzt sagt. Kartonweise hätten der Landkreis und die Kassenärztliche Vereinigung geliefert. Auch an Laborkapazitäten für Corona-Tests und Antikörper-Tests mangele es mittlerweile nicht mehr.

Corona-Test: Prozedur ist unangenehm, aber kurz

Wer bei Lochbrunner einen Corona-Test machen lassen will, muss vorher anrufen. „Ohne Terminvereinbarung geht es nicht“, erklärt er. Steht der Patient dann im Untersuchungszimmer, entnimmt der Arzt einen Abstrich aus Nase und Rachen. Mit einem übergroßen Wattestäbchen – Tupfer genannt – muss er damit soweit nach hinten wie möglich. „Das ist kurz unangenehm, geht aber schnell vorüber“, sagt er. Das Ergebnis des Tests gibt es dann bereits am nächsten Tag vom Labor und der Patient wird umgehend benachrichtigt.

Corona-Tests sind derzeit sehr gefragt. Zu den Symptomen einer Erkrankung gehören Fieber, Halsschmerzen und Atemnot.
Bild: Jens Büttner, dpa (Symbol)

Typische Anzeichen für eine Infektion seien zwar hohes Fieber, häufig der Geschmacksverlust, aber auch Atemnot und starke Halsschmerzen. Alles das kann vorkommen, muss aber nicht, wie er aus eigener Erfahrung weiß. „Ich hatte zum Beispiel gar kein Fieber. Dafür waren die Blaubeeren geschmacklos“, sagt Lochbrunner, der mit 77 Jahren bereits zur Risikogruppe gehört. „Aber diese Einordnung rein nach dem Alter ist Quatsch. Es trifft auch Kinder und ein Risiko haben wir alle.“

Er nimmt das neue Coronavirus sehr ernst. „Es betrifft ja nicht nur die Lunge, wie vermutet worden ist, sondern auch andere Organe wie die Nieren. Bei Obduktionen wurden außerdem zahlreiche Tromben entdeckt, die zum Tod führten. Das ist die Seuche unseres Jahrhunderts“ Er hält weder etwas von den aktuellen Verschwörungstheorien, noch versteht er Aussagen wie die von Boris Palmer, dass viele der Corona Toten sowieso im nächsten halben Jahr gestorben wären. „Es stimmt einfach nicht, dass nur alte Leute daran sterben. Außerdem ist jedes Leben gleichwertig.“

Von Videodiagnosen hält Arzt Lochbrunner nichts

Aber zurück in die Praxis. Wie in Krankenhäusern und anderen Praxen ist auch bei Lochbrunner ein Einbruch der Patientenzahlen zu beobachten. „Rund ein Drittel weniger als sonst“, schätzt er. Sie sind besorgt, dass sie sich anstecken könnten. Viele Ältere zählen zur Risikogruppe und bleiben lieber daheim. Auf Video- und Telefonsprechstunden verzichtet er trotzdem und rät auch generell davon ab: „Ich kann meine Kollegen vor Ferndiagnosen nur warnen. Ich habe schon viele Situationen erlebt, in denen die Selbsteinschätzung der Patienten fatal gewesen wäre. So klagte zum Beispiel einmal ein Patient nur über Atemnot, hatte aber tatsächlich einen Herzinfarkt.“

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