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Schwabmünchen

31.03.2020

Arzt erkrankte an Corona: „Ich fürchtete zu ersticken“

Zahlreiche Menschen aus dem Augsburger Land haben sich bereits mit dem Coronavirus infiziert. Erkrankt war auch der Schwabmünchner Arzt Dr. Sebastian Lochbrunner.
Bild: Benedikt Siegert (Symbol)

Plus Der Schwabmünchner Arzt Dr. Sebastian Lochbrunner war infiziert. Wie die Krankheit bei ihm ablief, wie es ihm jetzt geht und was ihn besonders ärgert.

Seit 43 Jahren betreibt Dr. Sebastian Lochbrunner eine klassische hausärztliche Allgemeinpraxis in Schwabmünchen. Was er jetzt erlebt hat, das ist ihm während seiner jahrzehntelangen Berufserfahrung noch nicht passiert. Der 77-Jährige hatte sich wohl bei einer Patientin mit dem Coronavirus infiziert. Doch das war nicht das einzige Problem.

Wie kam es dazu, dass Sie sich infizierten?
Dr. Lochbrunner: Am 16. März kamen verschiedene Patienten in meine Praxis zur Behandlung, vorrangig mit Erkältungssymptomen, die sich anfänglich nicht vom Verlauf einer Corona-Grippe unterscheiden lassen. Eine Patientin erzählte mir nach der Untersuchung, dass sie mit jemandem Kontakt hatte, der positiv auf Corona getestet ist. Die Infektionsquelle war wohl die bekannte Bar in Ischgl in Tirol, wo offenbar der Barkeeper Corona hatte.

Der Schwabmünchner Arzt Sebastian Lochbrunner war an Corona erkrankt.
Bild: Sammlung Lochbrunner

Wie fühlten Sie sich nach dieser Information?
Dr. Lochbrunner: Ich habe erst später rekonstruiert, dass ich mich wohl bei dieser Untersuchung angesteckt habe.

Wann zeigten sich bei Ihnen erste Krankheitssymptome?
Dr. Lochbrunner: Drei Tage nach diesem Kontakt hatte ich eine Tropfnase, leichten Husten und eine Bindehautentzündung. Beides verschwand wieder. Ich fühlte mich gut. Dann überkam mich ungewöhnliche Müdigkeit und ich bekam heftige Hustenanfälle. Sie waren in der nächsten Nacht sehr schlimm. Noch schlimmer war aber die Atemnot. Ich fürchtete zu ersticken. Ich konnte nur im Sitzen die Nacht verbringen. Im Liegen waren die aufgetretenen Symptome noch schlimmer. Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich Corona habe, da ich gegen Grippe und Lungenentzündung geimpft bin. Das ganze Wochenende über habe ich nicht geschlafen.

Arzt Lochbrunner: "Wiederholte Anrufe brachten nichts"

Was haben Sie nach dieser schrecklichen Nacht dann unternommen?
Dr. Lochbrunner: Frühmorgens am Montag rief ich zunächst die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern an. Nach einer Wartezeit von zwölf Minuten habe ich aufgegeben. Danach rief ich beim Gesundheitsamt des Landratsamts an. Ein 20- und später einem 40-minütiges Gespräch brachten kein konkretes Ergebnis. Meine wiederholten und hartnäckigen Anrufe brachten nichts ein.

Wie ging es dann weiter?
Dr. Lochbrunner: Gegen 21 Uhr dieses Tages teilte mir dann ein Kollege vom Gesundheitsamt mit, dass ich höchst gefährdet sei und vordringlich getestet werden solle. Zwischenzeitlich hatte ich aber schon für den nächsten Tag einen Termin in einer renommierten Lungenpraxis in Landsberg vereinbart. Das Ergebnis: Corona positiv.

Wann läuft ihre Quarantäne ab?
Dr. Lochbrunner: Meine freiwillige Quarantäne begann am 20. März, die nachträglich behördlich verordnete dauert vom 18. März bis 3. oder 4. April. Der Bescheid ist allerdings vorläufig. Während dieser Zeit versorgt mich meine Tochter mit dem Nötigsten.

Schwabmünchner mit Corona: "Ich hatte schlimme Ängste"

Wie geht es Ihnen jetzt?
Dr. Lochbrunner: Es geht mir wieder gut. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich hatte zwischendurch schlimme Ängste. Ein erneuter Lungentest hat ergeben, dass wieder alles in Ordnung ist. Ich habe auch einen neuartigen Antikörpertest mit Namen Elisa machen lassen: alles okay.

Wurden Sie denn als Arzt von der Ärztekammer oder anderen Organisationen eingehend in Sachen Corona informiert?
Dr. Lochbrunner: Wir waren nur aufgrund der allgemeinen Berichterstattung sensibilisiert. Die Corona-Pandemie traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte zwar einen einfachen Mundschutz. Der schützt aber vor allem den Patienten, nicht aber den untersuchenden Arzt, der sich stets in enger Distanz zum Patienten befindet. Einen Schutzanzug hatte ich nicht.

Was ist Ihnen als Erfahrung aus den vergangenen Tagen wichtig?
Dr. Lochbrunner: Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass die telefonische Kontaktaufnahme so schlecht verlaufen ist. Viel wichtiger ist aber, dass anfangs viel Zeit verstrichen ist, in der ich mittelbar zu vielen Menschen, das sind wohl über 100 und die Liste dürfte unvollständig sein, Kontakt hatte, die ich alle hätte anstecken können. Ich habe sie natürliche alle dem Gesundheitsamt gemeldet. Für die Unannehmlichkeiten dieser Personen entschuldige ich mich. Ich bin daran allerdings unschuldig.

"Ich rate, häufig extrem tief ein- und auszuatmen"

Ein besonderes Ärgernis für Sie war ja wohl die Schelte für Hausärzte von Landrat Martin Sailer, der meinte: „Es ist inakzeptabel, dass sich einzelne Mediziner ihrer Verantwortung entziehen und erkrankte Menschen sich selbst überlassen.“
Dr. Lochbrunner: Diese Schelte ist unfair. In vielen Arztpraxen herrscht Ausnahmezustand. Sie sind völlig überlaufen. Außerdem ist die überall fehlende Schutzkleidung ein Versorgungsmangel.

Nach der Quarantäne will Arzt Lochbrunner wieder in seiner Praxis arbeiten.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Was raten Sie den Menschen in diesen von Corona-geprägten Zeiten?
Dr. Lochbrunner: Grundsätzlich ist eine gesunde Lebensweise hilfreich: kein Alkohol, keine Drogen, gesundes Essen, ausreichend Schlaf. Besonders wichtig ist, nicht nur normale leichte Atemzüge zu machen, weil dann immer verbrauchte Luft in der Lunge zurückbleibt. Ich rate, häufig extrem tief ein- und auszuatmen und natürlich Hände waschen und zwei Meter Abstand halten.

Gehen Sie denn nach der Quarantäne wieder in die Praxis?
Dr. Lochbrunner: Selbstverständlich. Ich fühle mich wieder gut und bin ja jetzt immun. Ich gehe davon aus, dass diese Immunität ein bis zwei Jahre hält. Ich werde mich aber auf jeden Fall, so bald es möglich ist, gegen Corona impfen lassen. Und das rate ich auch allen anderen. Ich wünsche allen viel Gesundheit und Durchhaltevermögen.

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