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Inklusion

30.11.2020

Behinderteneinrichtungen klagen über große Probleme wegen Corona

Menschen mit Behinderung sind oftmals besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.
Bild: Fredrik von Erichsen, dpa (Symbolfoto)

Plus Die Pandemie stellt Einrichtungen für Menschen mit Behinderung vor besonders große Herausforderungen. Warum sie vom Freistaat und den Krankenkassen mehr Unterstützung fordern.

Mit Herausforderungen kennen sich Gregor Beck und die Mitarbeiter des Fritz-Felsenstein-Hauses (FFH) in Königsbrunn eigentlich aus: 400 schwer mehrfach behinderte Menschen leben in der Einrichtung im südlichen Landkreis Augsburg oder gehen dort zur Schule. Mit individueller Betreuung und modernster Technik erarbeitet das Team passende Lösungen für sie: Menschen, die nicht sprechen oder sich kaum bewegen können, lernen auf diese Weise, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch die Corona-Pandemie stellt die Felsensteiner und viele andere Einrichtungen in Bayern seit Monaten vor essenzielle Probleme.

"Eltern waren wieder einmal die Deppen der Nation"

Aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen gehören viele Bewohner von Behinderteneinrichtungen zur höchsten Risikogruppe. Deshalb blieben zahlreiche Arbeitsstätten und Schulen teils von März bis Anfang Juli geschlossen. Ein Zustand, an den sich Einrichtungsleiter Gregor Beck schaudernd erinnert: „Es wird immer davon gesprochen, wie schwierig das Homeschooling war. Doch die Eltern und Angehörigen unserer Klienten haben in diesen Monaten wahre Heldentaten vollbracht.“

 

Vollzeit für die Rundumbetreuung eines schwer mehrfach behinderten Menschen zu sorgen, sei eine Herkulesaufgabe. Pflegepersonal für eine häusliche Betreuung sei kaum zu bekommen gewesen. Die Einrichtungen organisierten zwar Hausbesuche von Therapeuten, das sei aber bestenfalls punktuell eine Entlastung für die Familien gewesen, sagt Beck: „Die Eltern wurden mit dieser enormen Aufgabe von der Politik allein gelassen und waren, das muss man so deutlich sagen, wieder einmal die Deppen der Nation.“

Für die Einrichtungen selbst war die monatelange Schließung auch finanziell ein enormes Problem. Im Felsenstein-Haus freut man sich, dass man mit den Geldgebern wie dem Bezirk Schwaben und den Schulfinanzierern faire Lösungen gefunden hat. Doch die Krankenkassen blieben trotzdem hart: Geld gab es nur für tatsächlich geleistete Therapiestunden. „Das hat bei uns ein Loch von mehreren hunderttausend Euro gerissen“, sagt Gregor Beck. Als Organisation, die nicht profitorientiert arbeitet, haben die Königsbrunner keine großen Rücklagen, um solch einen Einschnitt abzufangen. Den ersten Stillstand habe man einigermaßen verkraftet, sagt Gregor Beck. Bei weiteren Schließungen sei allerdings der Fortbestand des Fritz-Felsenstein-Hauses gefährdet.

Betreuer warnen: Die Infektionsgefahr sei besonders hoch

Denn Fördertöpfe für Behinderteneinrichtungen in privater Trägerschaft gab und gibt es nicht. Das trifft nicht nur die Felsensteiner hart: Gemeinsam mit zahlreichen anderen Trägern aus ganz Bayern haben sie an die zuständigen Ministerien und die Krankenkassen appelliert, die Arbeit der Organisationen besser zu unterstützen. Die bayerischen Behindertenbeauftragten haben mit einer gemeinsamen Erklärung ebenfalls weitere Anstrengungen angemahnt, um die Fortschritte im Bereich der Teilhabe für Menschen mit Behinderung nicht aufs Spiel zu setzen. Auf Entscheidungen über eine bessere Förderung warten die Einrichtungen aber nach wie vor.

 

Daher konzentrieren sich die Verantwortlichen darauf, die Schulen und Einrichtungen offen zu halten und ihre Klienten bestmöglich zu schützen. Keine leichte Aufgabe, denn für ihre Arbeit gibt es kaum Handreichungen, sagt Gregor Beck: „Die Allgemeinverfügung für die Schulen bildet unsere Arbeit überhaupt nicht ab.“ Die Kinder und Jugendlichen im Felsenstein-Haus brauchen eine individuelle Betreuung, für die Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammen und mit ihnen arbeiten. Getrennte Gruppen zu bilden, sei da nicht möglich.

Das bedeutet im Falle von Infektionen auch jede Menge Gefahrenpotenzial, sagt Gregor Beck: „Wir haben ausgerechnet, dass ein Klient während der Inkubationszeit des Virus Kontakt zu 100 Menschen hat. Da muss man schon abwägen, ob man den Vollbetrieb wieder hochfährt.“ Bei 400 Klienten, die im Felsenstein-Haus betreut oder beschult werden, und 400 Mitarbeitern bedeutet das, das acht Corona-Fälle ausreichen würden, um die Einrichtung lahmzulegen. Hinzu kommt, dass ein Drittel der erwachsenen Klienten und ein Viertel der Schüler aufgrund ihrer Behinderung keine Maske tragen können.

Eine erneute Schließung könne man den Eltern nicht antun

Seit dem Ende der Sommerferien arbeitet das Felsenstein-Haus in Königsbrunn wieder in einem angepassten Vollbetrieb. Die Verantwortlichen haben ein Hygiene-Konzept erarbeitet, viele Gruppenaktivitäten gestrichen und die Eltern für maximale Vorsicht vor Ansteckungen sensibilisiert. Im September und Oktober sei der Betrieb sehr gut gelaufen, doch mit den allgemein steigenden Zahlen im November kamen auch in Königsbrunn die Einschläge näher, sagt Beck.

 

Die Bewohner und Mitarbeiter hielten bewundernswert zusammen. Und die Meldungen über bald verfügbare Impfstoffe seien zumindest ein Silberstreif am Horizont. Doch trotz aller Vorkehrungen müsse man auch hoffen, dass alles gut geht, sagt der FFH-Chef: „Aber eine weitere Schließung konnten wir den Eltern einfach nicht antun. Deshalb halten wir den Betrieb am Laufen, solange es geht.“

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01.12.2020

Herr Gregor Beck, ich danke Ihnen für diesen tollen Artikel ❣❣❣
Die 5,5 Monate waren für uns als pflegende Angehörige hart. Für den einen mehr, für den anderen weniger.
Aber ich möchte nicht sagen, das ich eine Heldentat vollbracht habe. Benedikt ist mein Kind, und ich und meine Familie haben versucht, das Beste daraus zu machen.
SIE und alle Mitarbeiter vom FFH sollten sich auf die Schulter klopfen.....SIE sind die Helden! SIE haben es nach dem Lockdown im Frühjahr, wieder möglich gemacht, das unsere Kinder und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen wieder zur Schule gehen können.
SIE mussten Konzepte erarbeiten, um allen gerecht zu werden. Und das war mit Sicherheit die größte Herausforderung.
Es ist traurig, das sich Krankenkassen in einer solchen Situation quer stellen. Oder das anderweitig keine Hilfe seitens der Politik angeboten wurde. Das macht mich als Mutter eines schwer mehrfach behinderten Jugendlichen mehr als wütend.
Es ist ja nicht so, das wir sonst nichts zu tun haben. Wir kümmern uns oft ein Leben lang um unsere Angehörigen. Da sollte das Leben nicht noch schwerer gemacht werden!

Nochmal ein ganz dickes Dankeschön an das gesamte FFH-Team ❤❤❤
Sie machen nicht zu wenig, nicht zu viel, sondern alles genau richtig.

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