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Ausstellung

22.11.2018

„Beim Malen darf ich so sein, wie ich bin“

Die Kunsttherapeutin Juliane Wanner erläuterte „Flusslauf“, die Schütttechnik mit Pigmentfarben, Schellack und Rost.
Bild: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner

Gesundheitshaus in Schwabmünchen zeigt Kunstwerke von Menschen mit psychischen Erkrankungen. 50 Bilder sind in Sitzungen der vergangenen zwei Jahre entstanden

Wer malt, bringt Gefühle zum Ausdruck, und so ist das Malen ein Spiegelbild der Entwicklung dieser Gefühle. Eva M. Reichart, Seniorchefin des Gesundheitshauses Reichart in Schwabmünchen, lädt deshalb immer wieder Künstler dazu ein, ihre Kunstwerke im Gesundheitshaus auszustellen. Seit einigen Tagen hängen dort in den Gängen mehr als 50 Kunstwerke von Menschen, die eine psychische Problematik mit sich herumtragen. Sie haben die Bilder in vielen Sitzungen der vergangenen zwei Jahre mit Schütt-, Crash-, Kratz- und Gelantinetechnik und bunten Farben zusammen mit der Kunsttherapeutin Juliane Wanner im Zentrum für Seelische Gesundheit der Caritas in Schwabmünchen geschaffen.

Die Namen der Künstler kann man nicht finden. Sie wurden zu deren Schutz entfernt. Sie nahmen aber an der Vernissage teil. Seniorchefin Reichart dankte Wanner für diese „neue Idee“, diese Kunstwerke in den kommenden sechs Monaten im Gesundheitshaus auszustellen. Denn hier käme das zum Ausdruck, von dem sie selbst als Physio- und Heiltherapeutin überzeugt ist: „Es bewegt uns das, was uns bewegt.“ Für Ursula Köhler-Baiter ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes. Sie leitet das Zentrum für Seelische Gesundheit des Diözesan-Caritasverbandes in Schwabmünchen, das sich im früheren Schwesternheim hinter dem Krankenhaus befindet. Die Kunstwerke, die die Menschen mit psychischen Erkrankungen dort unter der Begleitung von Juliane Wanner geschaffen hätten, wären, so klang es bei ihr an, ansonsten wohl kaum in das Licht der Öffentlichkeit getreten. So dankte sie den anwesenden Künstlern nicht nur für ihr Können und ihre Kreativität, „sondern auch für den Mut, hier die Werke auszustellen“.

Die Bilder tragen Titel wie „Sehnsucht“, „Flusslauf“, „Veredelung“, „Lavastrom“, „Sinfonie“, „Abendstimmung am Moorsee“ oder „Nichts hinzuzufügen“. Das sind aber keine Themenvorgaben. Kunsttherapie, so erläuterte es die Kunsttherapeutin, wolle keinen Inhalt vorgeben, erst recht nichts diagnostizieren, auch nicht bewerten, was falsch oder richtig sei. „Beim Malen darf ich so sein, wie ich bin“, sagte sie bei der Vernissage. Die Frauen und Männer, die ins Zentrum für Seelische Gesundheit gehen und an dem kunsttherapeutischen Kurs teilnehmen, dürften einfach ausprobieren. Im Malen erführen sie dann, „dass mein Kopf frei wird“, „dass ich mich dabei freuen kann“, wie es ihr Klienten erzählt hatten. Es sei keine Flucht vor sich selbst in ein anderes Tun, sondern „sie begegnen sich innerlich selbst beim Malen“. Ihre Gefühle, die sie sonst so häufig im Leben verunsichern und herunterziehen, lähmen und krank machen, dürften beim Malen Raum bekommen. Die Klienten des Zentrums lernten so auf besondere Weise, zu sich und ihren Gefühlen zu stehen. Sie erführen dadurch eine Stabilisierung.

Dass es dabei um kein wildes freies Ausprobieren geht, das machte Wanner deutlich, als sie Gästen bei einzelnen Bildern genau erklärte, wie sie entstanden sind. Die bis zu neun Teilnehmer lernten verschiedene Techniken. Sie nahmen nicht nur den Pinsel in die Hand. Sie mischten hochwertige Farbpigmente mit selbst gemachten Bindern zu einem Farbbrei, den sie dann weiter verarbeiteten. Sie lernten, wie in geduldiger Arbeit über Wochen hinweg mit Schütttechnik, bei der unterschiedliche Farben, Rost oder gar Schellack nacheinander auf die Leinwand geschüttet wurden, bis das in seiner Farben- und Gestaltungspracht beeindruckende Gesamtwerk „Flusslauf“ entstanden ist.

Für das Bild „Sehnsucht“ arbeiten sie mit Zement, Wachs, kräftigen Pigmentfarben und Goldfarbe. Im unteren Teil schrieben die Künstler mit ihrem Finger Gefühle wie „Angst“ oder „Unruhe“ in den Zement, die sie bedrücken und lähmen, im oberen Teil die schönen Dinge im Leben in Wachs, die sie beflügeln. Der Zement ist übermalt mit der blauen Farbe der Meerestiefe, das Wachs mit frohem Gelb. Verbunden sind sie mit zwei kleinen senkrechten Streben in Goldfarbe. Sie wollten zum Ausdruck bringen, so Wanner: „Ich kann das mit meiner Ich-Kraft regulieren“.

Auch die Rahmen schufen sie selber zusammen mit der Caritas-Mitarbeiterin Ulrike Kühn, die auch gelernte Schreinerin ist. Dafür erfuhren sie durch die Anwesenheit der vielen Gäste, die die Gänge und Räume des Gesundheitshauses füllten, Anerkennung und Respekt. (SZ)

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