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Interview

07.05.2020

Bezirksheimatpfleger: Heimat wird nach der Krise noch wichtiger

Wurde vor 50 Jahren Heimatpfleger in Schwaben: Der gebürtige Bobinger Hans Frei. Seitdem ist er unermüdlich in Sachen Heimat unterwegs.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Vor 50 Jahren wurde Hans Frei zum Bezirksheimatpfleger. Welche Veränderungen er in Schwaben festgestellt hat und was aus dem „Bauradorf“ von früher geworden ist.

Seit in Bayern strenge Ausgangsregeln gelten, sind die eigenen vier Wände zum Lebensmittelpunkt geworden. Mit dem großen Zuhause, der Heimat, setzt sich zeitlebens Prof. Hans Frei auseinander. Auch mit 82 Jahren steht er leidenschaftlich für die Werte ein, die Heimat als einen Ort tieferen Vertrauens ausmachen. Der gebürtige Bobinger wurde vor 50 Jahren zum Bezirksheimatpfleger ernannt. Damals hatte der Begriff Heimat noch etwas Verstaubtes – Frei wollte damit aufräumen.

Was muss ein Heimatpfleger alles sein? Welche Qualitäten muss er haben?

Hans Frei: Auf jeden Fall eine große Zuneigung zu Land und Leuten. Er muss sich mit der Natur, der Geschichte und der Volkskunde verbunden fühlen und die Motivation haben, ein solches Erbe für die Allgemeinheit zu erhalten und weiterzugeben.

Woher kam Ihr Interesse für die Heimat?

Frei: Ich bin im ländlichen Raum aufgewachsen und von dort aus sehr viel mit dem Fahrrad in der Region unterwegs gewesen. Auch das Allgäu wurde angesteuert – zum Wandern und Bergsteigen. Mein erster großer Berg war der Säuling bei Füssen. Der Radius wurde dann immer größer. Mit dem Rad ging es sogar bis nach Venedig oder Florenz.

Müssen wir heute wieder mehr Radfahren, um unsere Heimat kennenzulernen?

Frei: Das kann eine Rolle spielen. Man muss aber auch mit den Leuten ins Gespräch kommen und ihre Probleme verstehen. Es waren oft auch die Kostbarkeiten am Wegesrand wie Kapellen oder Museen.

Aufgefallen ist Ihnen auch der Wandel in der Landwirtschaft. Ihre erste Ausstellung im damaligen Volkskundemuseum Oberschönenfeld behandelte das Thema.

Frei: Ja, richtig. Die Motivation für das Thema war auch, Oberschönenfeld als Museum einzurichten. Die Gebäude waren ja früher landwirtschaftlich genutzt worden, auch von den Schwestern, die sich selbst versorgten. In den 1960- und 1970-er Jahren kam dann der Gedanke auf, die Landwirtschaft dort zu beenden. Den Verfall der Gebäude habe ich beobachtet und für mich festgestellt: Da muss etwas passieren, auch wenn es noch kein Denkmalschutzgesetz gab. Ich meldete mich bei der damaligen Oberin an. Sie sagte auf Schwäbisch: „Mia brauchen des nimme. Wenn Sie’s wendt, dann kenn’s s’hamm.“

Sie wollten?

Frei: Ja, ich wollte es. Aber nicht für mich, sondern zur Nutzung einer Kultureinrichtung. Es lag natürlich nahe, das Thema Landwirtschaft zu präsentieren, das mit den Gebäuden verbunden war. Von der Handarbeit zur Maschine umfasste der Wandel, der sich in den folgenden Jahrzehnten rasant ausbreitete.

Heute ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft noch viel ausgeprägter. Es fahren überwiegend nur noch Riesentraktoren auf den Feldern.

Frei: Das ist genau die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Deshalb ist es so wichtig, zu vermitteln, wie es früher einmal war. In Schwaben haben 80 Prozent der Betriebe, die es 1960 noch gegeben hat, aufgehört. Früher waren es in Mickhausen oder Mittelneufnach noch 30 Bauern. Und heute nur noch drei oder vier. Der Druck, maximale Erträge zu erzielen, wurde immer größer. Auch Pestizide und Düngemittel spielten eine immer größere Rolle. Und damit kamen dann auch ökologische Probleme. Hecken und Bäume sind oft verschwinden in der Natur, soweit sie nicht unter Schutz stehen. Damals war ich dann auch Mitglied im Naturschutzbereit der Regierung von Schwaben. Auch die Artenvielfalt veränderte sich. Der Wandel hat sich übrigens auch ins Dorf verlagert. Häuser wurden umgebaut oder gleich abgerissen. Im Obstgarten von früher steht heute eine Garage oder ein neues Wohnhaus.

Verlieren die Orte nicht ihr Gesicht?

Frei: Ja. Auch die soziale Zusammensetzung im Dorf hat sich verändert. Viele gehen als Pendler ihrem Beruf nach. Das „Bauradorf“ von früher gibt’s nicht mehr.

Wohnorte stehen heute vor einer ganz anderen Herausforderung. Viele Neubürger müssen ins Dorfleben integriert werden. Sonst entstehen reine Schlafstädte.

Frei: Wichtig sind heute Vereine, kulturelle Einrichtungen wie Museen und die öffentliche Hand. Sie müssen die Besonderheiten in einem neuen Lebensraum vermitteln. Nur was man kennt, schätzt man auch – das spielt eine wichtige Rolle für den Erhalt und die Pflege der überlieferten Zeugnisse.

Ist Heimat heute dasselbe wie vor 50 Jahren?

Frei: Nein. Da hat sich einiges verändert. Heimat ist heute viel mehr als nur ein Lebens- und Wohnraum. Heimat heute ist vielschichtiger. Das sind die Bräuche, die Feste, die Mundart, die Musik. Das alles gehört neben den Sozialbindungen zum Heimatbegriff.

Wie schaut unsere Heimat wohl in 50 Jahren aus?

Frei: Das ist eine schwierige Frage, die zugleich mit Sorge einhergeht. Unsere Kulturlandschaft ist natürlich immer einem Veränderungsdruck ausgesetzt, gerade wenn es um maximale Nutzung geht. Da hilft eigentlich nur die Vermittlung von Wissen auf allen Ebenen der Bildung von Schule bis zur Universität und die Bewusstseinsbildung einerseits und andererseits ein gutes Zusammenwirken der kommunalen Instanzen wie Politik und Wirtschaft. Damit sind auch die Vereine gemeint, die Werte weitergeben müssen. Das geht hin bis zu den Musik- und Trachtenvereinen. Auch die Zeitung ist ein wichtiges Element von Heimat.

Sind Ihnen Werte in der Gegenwart verloren gegangen?

Frei: Nicht alle Werte sind selbstverständlich. Aber es ist immer noch die Heimat mit einem kulturellen und sozialen Stellenwert, den es zu betonen gilt. Es braucht heute Verständnis, die dann Wertschätzung erzielt. Auch der Respekt vor dem Geschaffenen ist wichtig.

Bekommt die Heimat nach der Krise eine neue Bedeutung?

Frei: Ja, weil die Verbundenheit mit seinem Lebensraum und seinen sozialen Partnern wieder einen größeren Stellenwert haben.

Zur Person Hans Frei:

Hans Frei wurde 1937 in Augsburg geboren. Nach dem Abitur am Realgymnasium begann er ein Studium der Geografie, Geschichte und Germanistik in München. 1965 schrieb er seine Promotion über den frühen Eisenerzabbau in Südbayern und seine Spuren. Von 1970 bis 1987 arbeitete er als Heimatpfleger des Bezirks. Von 1988 bis 2003 war Frei Museumsdirektor für Schwaben. Er beriet fast 200 Museen zwischen Ries und Allgäu. Er war auch Lehrbeauftragter der Uni Augsburg und Honorarprofessor der TU München.
Seine Schwerpunkte waren die Renovierung des Klosters Irsee, die Rettung Ökonomiegebäude Oberschönenfeld, der Schwabentag 1985 zum 2000-jährigen Jubiläum der Stadt Augsburg mit Ausstellung und Festzug und die Stiftung Schwäbischer Museumspreis. Frei wurde 2009 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.
Mehr als 200 wissenschaftliche und heimatkundliche sowie naturkundliche Publikationen hat Hans Frei verfasst, zuletzt „Schwaben in Bayern“ – historisch-geografische Landeskunde eines Regierungsbezirks.

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