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22.05.2009

Bobingen/Großaitingen War im

Bobingen/Großaitingen War im Frühjahr 1949 das Grundgesetz für die kommende Bundesrepublik Deutschland ein Thema für die Arbeiter der "Kunstseidefabrik Bobingen"? Wohl weniger. Jedenfalls kann sich Sebastian Stellinger nicht an Gespräche zu diesem Thema erinnern - wohl aber an andere Themen "in der Fabrik", wie der Chemiekomplex im Süden Bobingens genannt wurde. Anpacken und Aufbauen hieß es für seine Generation - auch unter schwierigen Bedingungen. Die Geschichte des Hoechst-Werks bis in die 90er-Jahre hinein zeugt von energischem Anpacken und von gelungenen Weichenstellungen.

In der "Fabrik" hatte der heute 80-Jährige aus Großaitingen ab 1943 eine Lehre als Maschinenbau-Schlosser absolviert und war in der Werkzeugausgabe eingesetzt, bis Ende April 1945 US-Soldaten vor dem Werkstor standen und den Betrieb stilllegten. Erst im September 1945 ging es wieder los - mit Werkzeug, das man vor Kriegsende versteckt hatte. Improvisation gehörte nun zu den Grundtugenden in dem Betrieb, in dem etwa 600 bis 700 Mitarbeiter nun wieder Kunstseide produzierten. Die Währungsreform im Frühjahr 1948 erlebte Stellinger als deutlichen Einschnitt. War vorher auch in der Fabrik Tauschhandel - Kunstseide gegen Ersatzteile oder gegen Schuhe für die Mitarbeiter - gang und gäbe, so gab es nun wieder viel zu kaufen, in der Kantine wie bei Zulieferern.

Doch der auflebende Handel, so erinnert sich Stellinger, schuf erst mal "eine Mords-Krise" für das damalige Hauptprodukt, die "Reyon-Kunstseide". Der Absatz schwankte stark, man reagierte - so wie auch in unseren Tagen - mit Kurzarbeit. Man schickte vor allem solche Mitarbeiter nach Hause, in deren Familie es noch weitere Verdiener gab, so Stellinger. Entlassungen suchte man zu vermeiden. Manche Facharbeiter gingen in dieser Phase weg aus der Region, manche bis in die Schweiz, berichtet Stellinger: "Aber alle sind wiedergekommen, als es besser ging." Für ihn war Weggehen keine Lösung, er wurde 1950 Vater.

Da zeichnete sich auch für die Kunstseidefabrik eine neue Perspektive ab: "Bobina Perlon". Da galt die "Fabrik" einem Zeitungsartikel nach schon wieder als "das mächtige Industrie-Unternehmen in unserer engeren Heimat", das 1850 Menschen Lohn und Brot gab. Etwa die Hälfte von ihnen lebte in Bobingen, fast ebenso viele waren im damaligen Landkreis Schwabmünchen zu Hause. Mit den schon in den 30er-Jahren entwickelten Polyesterfasern hatte man ein aussichtsreiches Produkt - doch um es effizient zu produzieren, waren hohe Investitionen nötig. Wo sollten die her kommen?

Bobingen/Großaitingen War im

Vor 1945 hatte das Werk in Bobingen zur IG-Farbenindustrie gehört. Die wurde nun auf Geheiß der Besatzungsmächte aufgeteilt. Die Landesregierung wollte für die bayerischen Werke eine eigene Gesellschaft, um Steuererlöse für den Freistaat zu sichern.

Der Bobinger Gemeindebote berichtete im Dezember 1951 über einen Antrag im Landtag, in dem die SPD-Abgeordneten Alfred Frenzel und Dionys Bittinger forderten, den Anschluss an die "Industriegruppe Frankfurt-Hoechst" zu unterstützen. Ihr Argument: Bobingen benötige Investitionen in Höhe von 20 Millionen D-Mark. Die könne die Hoechst-Gruppe aufbringen, nicht aber der von der Landesregierung anvisierte Partner, die Regensburger Kunstseidefabrik Casella.

Das Werk Bobingen kam 1952 zur Hoechst AG. 1954 begann der Siegeszug der Trevira-Kunstfaser. "Als es mit Trevira losging, da ist es aufwärts gegangen", erinnert sich Stellinger. Neue Maschinen wurden erst nach Plänen aus England nachgebaut und dann weiterentwickelt. Stellinger absolvierte 1959 die Meisterprüfung und hatte bald rund 30 Mechaniker in seiner Abteilung. 1990, nach 47 Jahren "in der Fabrik", ging er in Rente.

1960 arbeiteten schon 2570 Menschen bei Hoechst in Bobingen - Produktion und Beschäftigung wuchsen weiter. Im Sommer 1970 war der Höchststand mit 4837 Mitarbeitern erreicht. Dann brachten die Überkapazitäten in Westeuropa und die Ölkrise der Chemiefaserindustrie erhebliche Probleme. In den 80er-Jahren gab es Wachstum mit Fasern für technische Anwendungen, in den 90er-Jahren erneut eine rückläufige Entwicklung. Kurz vor der Jahrtausendwende gliederte die Hoechst AG ihren Polyester-Bereich aus, das Werk in Bobingen wurde in mehrere Unternehmen aufgeteilt, mit der Trevira GmbH als Schwergewicht. Und auch jetzt, so scheint, es hängt die Zukunft des Werkes wieder von der Wahl der richtigen Partner ab.

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