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Landkreis Augsburg

11.10.2017

Brexit macht einen Briten zum Deutschen

Colin Harnwell und seine amerikanische Ehefrau Susan wohnen gern in Neusäß.
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Colin Harnwell und seine amerikanische Ehefrau Susan wohnen gern in Neusäß.
Bild: Sonja Diller

Nach der Abstimmung ging Colin Harnwell flugs zum Augsburger Landratsamt. Bei einer Feier berichten er und andere neue Staatsbürger über ihre Gründe.

Dort, wo normalerweise die Abgeordneten des Kreistages über die Zukunft des Augsburger Landes diskutieren, traf sich am Montagabend eine bunte Mischung von Menschen, die seit kurzem eines gemeinsam haben: einen deutschen Pass. Stolz trugen sich die Landkreisbürger aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern bei der jährlichen Einbürgerungsfeier im großen Sitzungssaal des Landratsamtes ins goldene Buch des Landkreises ein und freuten sich sichtlich über den neuen Status.

Aus europäischen Nachbarstaaten, aber auch aus weit entfernten Ländern wie Ruanda oder Gabun, Brasilien oder Madagaskar stammen die neuen Deutschen. Bei einigen ist seit der Übergabe der Einbürgerungsurkunde schon fast ein Jahr vergangen, andere Dokumente sind noch fast druckfrisch.

Wie lange es vom Antrag bis zur Einbürgerung dauert, hängt von vielen Faktoren ab, weiß Susanne Lerner vom Fachbereich Staatsangehörigkeit des Landratsamtes. Geschenkt bekommen haben sie die Einbürgerung aber sicher nicht, wies der stellvertretende Landrat Heinz Liebert in seiner Begrüßung auf die zahlreichen Vorgaben hin, die ein Ausländer erfüllen muss, bevor er Deutscher werden kann. „Doch Sie haben es geschafft, seien Sie herzlich willkommen.“

Ein Europäer mit britischem Pass

Bis auf den deutschen Pass war das Augsburger Land für Colin Harnwell schon lange sein Zuhause. Er kam als Student, die meiste Zeit lebte er in Bayern. Seit über einem Vierteljahrhundert wohnt er mit Ehefrau Susan in Neusäß, ist beruflich in der ganzen Welt unterwegs und sah sich immer als Europäer mit britischem Pass. „Es gab keinen Grund, etwas daran zu ändern, ich dachte immer Europa wächst immer weiter zusammen“, erinnert er sich an die Zeit vor dem Brexit.

Er war eigens nach England gereist, um sein Votum für die weitere Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union abzugeben und war am Ende schockiert über den Ausgang. „Am nächsten Tag sagte ich einen geschäftlichen Termin ab und ging stattdessen zum Landratsamt, um meine Einbürgerung zu beantragen,“ beschreibt der selbst ernannte Brexit-Flüchtling seine fast schon panische Reaktion. Im Januar hatte er die Urkunde in der Hand, kurz danach den pflichtschuldigst sofort beantragten Personalausweis.

Deutschland sollte eigentlich nur Zwischenstation sein

Auch Familie Benevolenski kam vor bald 20 Jahren des Berufes wegen aus Russland nach Deutschland und blieb. Während der Doktorarbeit des Vaters sollte Deutschland eigentlich nur Zwischenstation auf dem Weg in die USA sein, doch die Pläne änderten sich und nun wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Gründe dafür, dass die fünf Benevolenskis sich Deutschland zur neuen Heimat erkoren haben gibt es mehrere, am prägnantesten brachte es aber die jüngste Tochter auf den Punkt. „Weil es uns hier gefällt“, lässt die Neunjährige keine Zweifel an der Entscheidung aufkommen.

Eher zufällig kam Georgeta Canantu ins Augsburger Land. Denn wer führt schon in Rumänien ein zufriedenes Leben als studierte Psychologin und Sozialwissenschaftlerin und lernt im österreichischen Linz den Mann für’s Leben kennen, der zwar auch aus Rumänien stammt, aber inzwischen mit deutschem Pass in Deutschland lebt? Aus Rumänien wegzugehen war eigentlich nie der Plan, lachte die 32-Jährige, doch wenn die Liebe zuschlägt, gibt es halt kein Entrinnen. Um bei ihrem Mann Alin-Udo zu sein, nimmt sie auch eine Umschulung in Kauf, denn ihr Studiumbei wurde zwar anerkannt, doch die Sozialwissenschaften der Länder unterscheiden sich doch sehr. Nun wird sie Steuerfachangestellte, „das ist auch ein sehr schöner Beruf“, ist sie mit dem Wechsel und ihrem neuen Leben zufrieden.

Fröhliche Stimmung bei der Willkommensfeier

Sie sind gerne Deutsche geworden und haben einiges dafür auf sich nehmen müssen. Einbürgerungstest und Sprachnachweis, Dokumente, Anträge und Behördengänge standen auf der To-Do-Liste, bevor die Einbürgerung unter Dach und Fach war.

Jetzt ist Zeit für die schöneren Dinge und die genaue Erkundung der neuen Heimat. Einen Film mit vielen Informationen über die Schönheiten des Augsburger Landes gab es bei der Feier schon zu sehen. Und das Lächeln über das spontane „Boah!“ des kleinen Jungen in der ersten Reihe, der von den Bildern der barocken Kirchen im Landkreis schwer beeindruckt schien, gab er fröhlichen Stimmung bei der Willkommensfeier noch einen ganz besonders schönen Akzent.

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