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Gedenken an Willi Ohlendorf

19.04.2009

Chronik gegen das Vergessen

Vor 70 Jahren, am 21. April 1939, wurde der Widerstandskämpfer Willi Ohlendorf vor dem Volksgerichtshof in München verurteilt. Er kam erst ins Gefängnis, dann ins KZ und nie mehr nach Hause.

In den vergangenen Jahren war das Schicksal von Willi Ohlendorf mehrfach wieder in Erinnerung gerufen worden. Kulturamtsleiter Reinhold Lenski trug dazu bei und 2005 eine Facharbeit der damaligen Abiturientin Alexandra Herz.

2007 übergab ihr dafür der frühere Bundesjustizminister Dr. Hans-Jochen Vogel den von der SPD-Bobingen geschaffenen Willi Ohlendorf-Preis. Es war ein Aufruf zur Wachsamkeit und ein Preis gegen das Vergessen. Auch zum morgigen Jahrestag hat Reinhold Lenski Material seiner Arbeit im Stadtarchiv aufbereitet. Er erläutert darin: "Der ISK wurde von den Nationalsozialisten als hochverräterisch eingestuft, vertrat er doch ethische Forderungen, die dem Gewaltregime Hitlers äußerst zuwiderliefen."

Ohlendorf gab seinen Verfolgern am Ende schriftlich, er könne "die nationalsozialistische Weltanschauung nicht anerkennen".

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Trotz aller nüchternen Sachlichkeit des Tons seiner dokumentarischen Arbeit, erschrecken dennoch die Details, die Lenski heute in Erinnerung ruft: "Aus den Vernehmungsprotokollen ist auch ersichtlich, dass Willi Ohlendorf versuchte, alle anderen Personen und auch Arbeitskollegen aus dem Sog der Anklage herauszuhalten. Andererseits wird aber aus den Vernehmungsprotokollen der Arbeitskollegen immer wieder die Belastung des Angeklagten deutlich."

Lenski zitiert aber auch flammende Texte als Zeitzeugnis, etwa ein Flugblatt des ISK zum 1. Mai 1937: "Im 3. Reich hält sich die Wirtschaft nur mühsam aufrecht durch Staatsaufträge für Rüstungszwecke, nicht aber - wie die NS versprochen hat - durch die eigene Initiative der Wirtschaft selber. Die viel gepriesene Minderung der Arbeitslosigkeit ist feig erpresst durch Einführung der ägyptischen Sklaverei (Beseitigung der Freizügigkeit der Metall- und Landarbeiter, Arbeitsdienstpflicht) - teils erkauft durch die Vorbereitung eines neuen barbarischen Weltkrieges. Zudem bedeutet der Wiederaufbau der Rüstungsindustrie: Auf den Schlachtfeldern werden wir mit unserem Blut den Preis für diese Art von nationalsozialistischer Arbeitsbeschaffung zahlen."

Der Kommentar des Chronisten: "Staunend stehen wir heute vor dieser politischen Weitsicht der ISK Mitglieder", so Lenski. Am Ende des Verfahrens gegen Willi Ohlendorf ergeht am 21. April durch die Unrechtsjustiz und den Vizepräsidenten des Volksgerichtshofs, Engert sowie zwei SA-Brigadeführer neben anderen, das Urteil "wegen der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens".

Ergebnis: Willi Ohlendorf wird verurteilt zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Das Urteil wirft ihm umfassende politische Agitation der Arbeitskollegen im IG-Farben-Werk in Bobingen vor, "Ohlendorf habe versucht, die Kollegen gegen den Nationalsozialismus zu gewinnen." "Er selbst gibt an, den Hitlergruß habe er nicht gebraucht, weil er zu ehrlich sei", steht ebenfalls in der Anklageschrift.

Umgehend musste der Verurteilte seine Strafe, die ihm später das Leben kostete, antreten. In der Chronik der Stadt Bobingen ist festgehalten: "Am 26. Mai 1939 wird Willi Ohlendorf in das Zuchthaus in Amberg für politische Gefangene überstellt. Damit begann der grausame Weg durch die Zuchthäuser Amberg und Kassel, bis der Häftling seine Verurteilung zu sechs Jahren mit Zwangsarbeit abgebüßt hatte. Natürlich ließ man ihn danach nicht nach Hause, sondern lieferte ihn als Schutzhäftling mit der Nr. 111675 in das Konzentrationslager Dachau am 25. September 1944, ein. Der Leidensweg setzte sich fort, Willi Ohlendorf wurde mit mehreren Hundert französischen Gefangenen aus dem Widerstand in Frankreich, in ein Arbeits-KZ in Gandersheim (Außenlager des KZ Buchenwald), im Harz verlegt, wo er nach einem Monat, am 26. November 1944 entkräftet und verzweifelt, sein Leben lassen musste."

Lenski fasst zusammen: "Diese Menschen haben unter Einsatz ihres Lebens Demokratie und Charakterstärke vorgelebt und Grundideen weitergegeben, die unter anderem von Willi Eichler, dem Vorsitzenden des ISK und späteren Vorstandsmitglied des SPD-Parteivorstandes (Vater des Godesberger Programms) eingebracht worden sind. Damit leben diese freiheitlichen humanen und demokratischen Ideen bis heute, in der ganzen Welt, weiter."

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