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04.11.2019

„Das Thema Mord hat schon immer fasziniert“

Durch die Ausstellung „Mythos Hinterkaifeck“ fand Birte Bambusch-Groetzki das Thema für ihre Doktorarbeit. Foto: Adrian Bauer

Birte Bambusch-Groetzki untersucht den Sechsfach-Mord von Hinterkaifeck. Ihr Interesse gilt dabei aber nicht dem Täter, sondern der Art, wie der Fall die Menschen immer noch beschäftigt. Was sie herausgefunden hat

Frau Bambusch-Groetzki, Sie befassen sich in Ihrer Doktorarbeit mit dem Sechsfachmord von Hinterkaifeck von 1922. Worauf konzentrieren Sie sich bei ihrer Forschung?

Mir geht es nicht darum, wie die Polizei nach dem Täter zu suchen. Ich befasse mich damit, wie der Fall über die Jahre erzählt und überliefert wurde. Unterschiedliche Medien haben den Sechsfachmord immer wieder aufgegriffen, aber auch bei Familien in der Region ist der Fall präsent. Das Erzählen von Geschichten ist ein grundlegendes Bedürfnis der Menschen. Für meine Arbeit ist es spannend zu sehen, wann, wie und warum über Hinterkaifeck erzählt wurde. Das sagt weniger etwas über den Fall aus, als über die dahinterliegenden kulturellen und sozialen Realitäten. Die Art, wie erzählt wird, sagt etwas über die Normen und Moralvorstellungen der jeweiligen Zeit aus.

Können Sie ein Beispiel für die Veränderungen in den Erzählungen nennen?

Direkt nach der Tat 1922 waren die Menschen sehr aufgeschreckt, weil der oder die Täter frei herumliefen. Das betraf nicht nur die Menschen nahe am Tatort, sondern bis nach Augsburg fühlten sich viele unsicher. Damals gab es immer wieder Raubüberfälle auf Einödhöfe. Das Bezirksamt Schrobenhausen gab Empfehlungen für Vorsichtsmaßnahmen: Das Geld zur Bank bringen, Waffen oder Hunde anschaffen. Je mehr Zeit vergeht, umso weniger sind die Menschen von dieser unmittelbaren Furcht betroffen. Dass der Täter nie gefasst wurde und immer mehr mysteriöse Details bekannt wurden, regt natürlich zum Erzählen an. Solch ein außergewöhnliches Ereignis löst starke Gefühle aus. Unsere Vorstellung von einer gerechten Welt gerät ins Wanken und wir möchten sie wieder ordnen. Die Menschen suchen durch Erzählungen auch nach Erklärungen und Gründen. Wir wollen in der Realität nicht mit Angst konfrontiert werden. Erst wenn wir uns in Sicherheit fühlen können, können wir Lust am Schrecklichen empfinden.

Liegt darin auch der Grund für die vielen Krimis im Fernsehen?

Sicher ist es kein Zufall, dass zum Beispiel bei Netflix immer wieder True-Crime-Fälle aufgearbeitet werden. Aber das Thema Mord hat schon immer fasziniert. Angefangen von Kain und Abel in der Bibel. Auch in Flugschriften im späten Mittelalter wurden spektakuläre Verbrechen berichtet. Aber die Angstlust, der Thrill, sind nicht die einzigen Empfindungen, die Kriminalfälle auslösen. Das ist deutlich facettenreicher: Es gibt die Lust am Grübeln bei der Tätersuche, eine moralische Lust, wenn die Ordnung wieder hergestellt wird. Auch Gefühle wie Scham oder Scheu können durch solche Geschichten ausgelöst werden. Zudem können die Menschen mit der Geschichte in eine fremde Zeit eintauchen. Der Fall ist ja zur Zeit der Weimarer Republik passiert.

Konsumieren Sie selbst auch Krimis oder ist Ihr Bedarf durch Ihre Forschung gedeckt?

Ich setze mich tatsächlich immer mehr mit dieser Form auseinander. Zum Beispiel höre ich sehr gerne den „Zeit-Verbrechen“-Podcast.

Wie kommt es, dass gerade der Fall Hinterkaifeck so populär wurde?

Wie gesagt, das Mysteriöse dieses Falls spielt eine große Rolle. Zudem wurde die Tat immer wieder medial aufgegriffen. Mit dem Buch und dem Film „Tannöd“ ist das Interesse an dem realen Fall neu befeuert worden. Teilweise lässt er sogar die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen: „Tannöd“ bietet ja eine Lösung an, die wiederum beeinflusst, wie Menschen über den realen Fall denken. Durch das Internet wurde der Fall über den deutschsprachigen Raum hinaus weltweit bekannt. Zudem kommen durch die mediale Auseinandersetzung mit Kriminalität immer neue Fragen auf: Könnte man mit modernen Ermittlungsmethoden wie DNA-Analysen vielleicht doch noch eine Spur zum Täter finden. Aber es gibt durchaus vergleichbar populäre Fälle wie Rosemarie Nittribit, Vera Brühne, Kaspar Hauser oder etwa die Figur Jack the Ripper.

Wie sind Sie auf den Fall aufmerksam geworden?

Durch die Ausstellung „Mythos Hinterkaifeck“ des Bayerischen Armeemuseums in Ingolstadt. Ich habe dabei gemerkt, dass der Fall für viele Menschen aus der Region präsent ist, dass die Geschichte immer wieder weitergegeben wurde. Für meine Forschungsarbeit habe ich viele Interviews mit Ausstellungsbesuchern geführt, dazu mit Journalisten, Filmemachern, Autoren und habe viele Zeitungsartikel und literarische Quellen ausgewertet. Die Datenerhebung ist jetzt abgeschlossen, ich hoffe, dass die Arbeit 2022, also 100 Jahre nach der Tat, als Buch herauskommen kann. Interview: Adrian Bauer

Birte Bambusch-Groetzki, 30, arbeitet und forscht an der Philologisch-Historischen Fakultät der Uni Augsburg am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde. Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie am Donnerstag, 7. November, um 19 Uhr bei einem Vortrag mit dem Titel „Faszination Hinterkaifeck“ – Eine Mord(s)geschichte“ im Infopavillon 955, bei der letzten Veranstaltung des „Königsbrunner Campus“ im Jahr 2019. Der Eintritt ist wie immer frei.

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