1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Der „Gestaltungsangestellte“ räumt den Sessel

Königsbrunn

08.01.2019

Der „Gestaltungsangestellte“ räumt den Sessel

Der Schreibtisch ist schon geräumt: Rolf-Peter Reinhardt verabschiedet sich in den Ruhestand. Langeweile wird bei ihm auch nach dem Arbeitsleben nicht aufkommen.
Bild: Adrian Bauer

Nach 50 Jahren im Dienst der Stadt Königsbrunn geht Rolf-Peter Reinhardt in den Ruhestand. Von wem er viel gelernt hat und wie er neue Herausforderungen fand.

50 Jahre für den selben Arbeitgeber schaffen – das können nur die wenigsten von sich behaupten. Rolf-Peter Reinhardt hat das halbe Jahrhundert im Dienst der Stadt Königsbrunn voll bekommen. Langweilig ist ihm trotz der vielen Dienstjahre nicht geworden – dafür hat er auch selbst gesorgt und sich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt. Vom Lehrling bis zum kaufmännischen Leiter der Stadtwerke hat er viele Bereiche kennengelernt und sieht sich nicht nur als Verwaltungs- sondern auch als Gestaltungsangestellter.

Mit 17 Jahren fing er 1968 bei der Stadt an. Sein erster Chef hieß Feigl, wie sein letzter: „Das erste halbe Jahr war ich unter Matthias Feigl im Adrema eingesetzt.“ Das war ein frühes Speichersystem, bei dem die Daten der Bürger auf kleine Metallplättchen gestanzt und alphabetisch geordnet. Doch schon bald ging es für Reinhardt in die Finanzverwaltung. Nach der Lehre arbeitete er als Buchhalter, ehe er als Kassenverwalter die erste kleine leitende Position bekam und schließlich das Steueramt leitete.

Schlangestehen am Schalter statt Bankeinzug

In seiner Anfangszeit habe man noch deutlich mehr Kontakt zu den Bürgern gehabt. Der Bankeinzug hatte sich als Zahlungsweise noch nicht so weit durchgesetzt wie heute, viele Menschen bezahlten beispielsweise ihre Müllgebühren noch direkt im Rathaus. „Heute läuft mehr als 95 Prozent des Zahlungsverkehrs über Bankeinzug. Aber damals warteten eigentlich immer zehn Menschen in der Schlange vor dem Zahlschalter“, sagt Reinhardt. Auch die ersten Gehälter bekam er noch in der Lohntüte ausgehändigt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

In seinen ersten Jahren lernte er, was Sparsamkeit bedeutet: Der Kassenverwalter Thumm hatte noch eine Rechenmaschine ohne Strom. Wenn die Papierrolle mit den Buchungen voll war, wurde die Rückseite eingespannt und ebenfalls beschrieben, sagt Reinhardt: „Bürgermeister Wohlfarth hat immer gesagt: An Geldmangel hat Königsbrunn noch nie Not gelitten.“ Vom langjährigen Königsbrunner Bürgermeister habe er viel gelernt, sagt Reinhardt: „Sorgfalt, verantwortungsvollen Umgang mit Geld, mit wenigen Mitteln viel zu machen und das Wissen, dass man nicht mit dem eigenen Geld arbeitet. Er hat sicher in einer anderen Liga gespielt, aber prägend war er auch für mich.“ Wohlfarth habe nie Zweifel aufkommen lassen, wer der Chef ist, auf der anderen Seite habe er auch jeden geduzt.

Selbst Wohlfarth hätte nicht 30 Jahre so weitermachen können

Im Lauf der Jahre habe man die Entwicklung der Stadt und die Eigenheiten jedes Rathauschefs gesehen. Adam Metzner habe es geschafft, eine Zeit der Konsolidierung nach dem Wachstum einzuleiten. „Selbst Wohlfarth hätte nicht noch 30 Jahre so weitermachen können, auch wenn er immer Visionen hatte. Aber für Zuschüsse musste man immer mehr Vorgaben erfüllen.“ Metzner habe es geschafft, Schulden abzubauen und damit die Voraussetzungen geschaffen, dass heute wieder investiert werden kann. Ludwig Fröhlich sei dann wieder in die Weiterentwicklung der Stadt eingestiegen. Eine dieser Entwicklungen betraf Rolf-Peter-Reinhardt auch persönlich: Bereits 1990 hatte er die kaufmännische Leitung des Wasserwerks übernommen, 2004 wurde daraus der Eigenbetrieb Stadtwerke. Aufgrund von Fröhlichs Wunsch nach mehr Kontrolle über die Eishalle, wurde er auch Chef der Betreibergesellschaft und schließlich 2016 auch Leiter der FSK, die die geschlossene Königstherme verwaltete.

Bei allen Aufgaben war Reinhardt immer wichtig, nicht nur routinemäßig den Posteingang abzuarbeiten, sondern die Materie weiterzuentwickeln und die Menschen hinter den Zahlen zu sehen – daher auch die selbst gewählte Beschreibung als „Gestaltungsangestellter“. Gestalten konnte man im Steueramt, indem man Menschen in finanziellen Nöten Aufschübe gewährte, oder im Wasserwerk ein eigenes Abrechnungssystem austüftelte oder eine neue Gebührenordnung für die Eishalle erarbeitete. Doch auch in den internen Abläufen suchte er immer nach Verbesserungspotenzial: „Ich habe mir die Arbeit ein Jahr angeschaut, dann ein Jahr überlegt, wie man die Abläufe weiterentwickeln kann und das dann umgesetzt“, sagt Reinhardt.

Familie, Musik und Hilfe bei der Selbstständigkeit

Sein Büro im Nebengebäude des Rathauses hat er zwischen den Jahren ausgeräumt. Aufgrund der vielen Posten gab es in den vergangenen Monaten einiges an Sortierarbeit zu verrichten: Akten für den Nachfolger bei den Stadtwerken, Rainhard Schöler, Akten für den neuen Chef der Eisarena und der Thermenträgergesellschaft, Max Semmlinger, Akten für den Schredder. Am Dienstagabend wurde er vom Stadtrat offiziell verabschiedet.

Eine Weltreise hat Reinhardt für seinen Ruhestand nicht geplant, Langeweile werde aber nicht aufkommen, sagt er: „Ich habe viel von meiner Freizeit für den Beruf aufgewendet. Jetzt freue ich mich, diese Zeit selbst gestalten zu können.“ Viele seiner Kinder und Enkel leben in der Region, er singt in zwei Chören, zuhause wartet ein riesiger Fundus an Familienfotos und -videos, die er schneiden und neu zusammenstellen will. Und wenn er sich an das Leben als Ruheständler gewöhnt hat, ist auch wieder Zeit für neue Herausforderungen: „Mein Sohn plant den Schritt in die Selbstständigkeit. Da will ich ihn mit meiner Verwaltungserfahrung natürlich unterstützen.“ Gestalten kann man auch im Ruhestand.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20116560385.tif
Aktion

Schwabmünchen hat ein Herz für Bienen

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden