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Bobingen

19.05.2018

Der Wort-Werker im Zwiegespräch

Kabarettist Mathias Tretter im Dialog mit seinem Ansgar.

In der Singoldhalle zerlegt Mathias Tretter populistische Rhetorik und kalauert über Amateure in der Politik. Auch die BOB-Partei ist Thema in Bobingen.

Zum dritten oder zum vierten Mal – da sind sich Organisator und Künstler nicht ganz einig –ist Mathias Tretter zu „Kabarett und Wein“ in die Bobinger Singoldhalle gekommen. Gastgeber Gernot Albes verbindet die beiden Stichworte, indem er vor wieder einmal ausverkauftem Haus Bruchstücke des Dialogs bei einer Degustation vorträgt. Von „retro-nasal“ ist die Rede, von Anklängen an „frisches Stroh und feuchte Erde“, auch an „dunkle Schokolade“. Ein „etwas matschiger Anklang“ und schließlich eine „gewisse Schmatzigkeit“ werden attestiert. „Um welchen Wein handelt es sich?“, fragt Albes seine Gäste, denen man unterstellen darf, dass sie ganz überwiegend Weinliebhaber sind. Schweigen, selbst als er 100 Euro Preisgeld auslobt. „Es geht hier nicht um Rotwein“, löst er sein Quiz auf, „sondern um eine kubanische Cohiba-Zigarre!“

Eine passende Einleitung zum Auftritt von Mathias Tretter. Denn der 46-jährige Kabarettist zeigt sich in seinem aktuellen Programm ebenfalls als Wort-Werker, als einer, der ebenso unterhalten wie aufklärerisch wirken will. „Gefällt es Ihnen?“, eröffnet er den Abend. Er kann damit nur seine knallrot geschminkten Lippen meinen, die aus dem Ensemble von grauem Anzug, grau-melierten Haaren, grau-brauner Brille, blassem Teint und weißem Hemd hervorstechen. Er müsse jetzt auch auf der Bühne zeigen, was er „mit 44 Jahren“ herausgefunden habe. „Ich brauche eine Brille!“

Die BOB-Partei in Bobingen vorgestellet

Doch die roten Lippen wird er den Abend über nicht mehr los. Sein Freund Ansgar – der oft bekiffte Gesprächspartner, der in Tretters Heimatdialekt Fränkisch daherlabern darf – findet das schwul und cool und will ihn unbedingt für die Gründungsversammlung seiner künftigen populistischen Partei anheuern. „Bardei ohne Bardei –BOB“ soll sie heißen. Das „bolarisierende Brogramm“ dafür hat Ansgar schon im Kopf. Motto: „Gegen die Elite, für das Volk!“ Sobald die Wahlkampfhilfe aus Moskau da sei, gehe es los.

Aus den Wortwechseln zwischen Tretter und Ansgar tritt der Kabarettist immer wieder heraus, spricht sein Publikum direkt an, kommentiert, seziert, argumentiert. Was sei „im Zeitalter der Amateure“ an solch einer Parteigründung so ungewöhnlich, schließlich sei auch Polit-Neuling Donald Trump an die Macht gekommen, weil er den Hass auf die Profis geschürt habe. „Aber bei der Herzchirurgie wollen die Leute doch auch keine Amateure!“, hält Tretter dagegen. Weil er aber auch gerne kalauert, skizziert er rasch eine Castingshow für ein OP-Team, bei der sich der Narkosearzt im wahrsten Sinne des Wortes als „blutiger Anfänger“ zeigt. Eine Kaskade weiterer – wohl witziger – Wortspiele überfordern Stenografen wie Zuhörer. Das Publikum schweigt.

Pointen, schneller als das Ohr

Aber Tretter geht es nicht nur um schnelle Pointen, er will auch einige Punkte klar rüberbringen. Etwa, wenn der studierte Germanist die Linguistik des Populismus unter die Lupe nimmt. Die könne man sich mühelos „in vier Semester an der Fernuniversität Braunau“ aneignen. Immer nur Präsens, immer nur Singular – und nach jedem dritten Satz eine deftige Bekräftigung: „Is’ so!“

Auch Ansgar hat die Grundmuster populistischer Ansprache erkannt. „Informationen aus geheimer Quelle, das glauben die Leute sofort!“ So skizziert er eine Wirkungskette von den Ufos in der Wüste Arizonas in den 1950er-Jahren über Aids, die im Filmstudio inszenierte Mondlandung, die Tode von Uwe Barschel und Lady Di bis zum 11. September. „Was glaubst du, wie viele Leute sich bei mir bedanken“, erzählt er dem kopfschüttelnden Tretter, „weil ich so mutig bin und die Wahrheit rauslasse.“

Immer Wochenende

In der Pause tauschen sich die 400 Besucher rege über Tretters Themen – und über die Tischweine aus Italien und Österreich – aus. Sie erleben danach tatsächlich die Gründungsversammlung der BOB-Partei mit. Ansgar rüttelt dabei an den Grundfesten der christlichen Ehe –„Die fordert hierzulande mehr Opfer als der Islam!“ Unversehens präsentiert Tretter dem Publikum dann aber reale Zukunftsvisionen: „Alle Internetgiganten haben Firmen aufgekauft, die daran arbeiten, den Menschen zu optimieren.“ Ein Ziel sei, bis zur nächsten Jahrhundertwende die Unsterblichkeit zu erreichen. Dann gebe es auch 30 Tage Urlaub – im Monat. „Immer Wochenende, für immer“, stellt Mathias Tretter fest und folgert lakonisch: „Man braucht den Tod nicht, um in die Hölle zu kommen.“

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