Langerringen

22.09.2019

Die 700. Haarspende

Sara Eisenbarth hält den letzten Zopf der Spenderin Franziska Ziegler in die Höhe.
Bild: Uwe Bolten

Plus Nach rund drei Jahren erhält die Aktion „Echt-Haarig“ die 700. Haarspende. Was Initiatorin Sara Eisenbarth zu berichten hat und wie sich die Spenderin Franziska Ziegler fühlt.

Die 23 Zöpfe, die auf dem großen Küchentisch im Haus an der Langerringer Hauptstraße liegen, waren vor Minuten noch Teil der Haarpracht von Franziska Ziegler. Die 30-jährige gelernte tiermedizinische Fachangestellte aus Igling hatte ihre Haare seit Dezember 2016 wachsen lassen, um sie zu spenden. „In der Zeitung hatte ich damals von der Aktion Echt-Haarig gelesen und war sofort davon begeistert“, erzählte sie.

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Sara Eisenbarth, Initiatorin der Spendenaktion, hatte zusammen mit Zieglers Freundin Elisabeth Ried, die rund einen halben Meter langen Haare der Spenderin zu Zöpfen auf den Kopf zusammengebunden, bevor der Schnitt beginnen konnte. „Das ist notwendig, damit die Haare für die Weiterverarbeitung in der Werkstatt in einer Flucht liegen, da sie so nicht verfilzen“, erläutert Eisenbarth das Prozedere. Alles läuft ruhig ab, vom besonderen Moment der 700. Spende ist nichts zu spüren. Die innere Befriedigung über den Erfolg der Aktion erfüllt den Raum, die positive und lebensbejahende Ausstrahlung der Spenderin ergänzt die Atmosphäre.

Haarspenden gehen nach Hamburg

Im diesjährigen Dezember feiert die Aktion „Echt-Haarig“ ihr dreijähriges Bestehen. Eisenbarth erinnert sich genau an ihre Startveranstaltung, bei der sie selber ihre Haare ließ, um sie für die Perücken- und Haarteilherstellung zu spenden. „Nach wie vor gehen die Haarspenden nach Hamburg zum gemeinnützigen Verein Königinnen, die aus den Naturstoffen Echthaarperücken für Patientinnen herstellen, die sich die sonst sehr teuren Haarteile nicht leisten könnten. „Die Krankenkassen zahlen nur einen begrenzten Anteil dazu“, begründet Eisenbarth die Aktion.

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Mittlerweile habe sich das Klientel der Hamburger Haarwerkstatt etwas verändert. „Bei rund ein Drittel der Patientinnen handelt es ich um Frauen mit Haarausfall nach einer Chemotherapie, die Mehrzahl ist vom kreisrunden Haarausfall betroffen“, berichtet sie von den Erkenntnissen nach dem vierten Besuch in der Hansestadt, aus der sie vor Kurzem wiederkehrte.

Weiter unterstreicht sie die enorme psychologische Wirkung bei den Patientinnen, die wieder unbeschwert in der Öffentlichkeit auftreten könnten. „Ich habe Geschichten gehört, die mehr als nur berühren. Jetzt verstehe ich, warum die Haarwerkstatt die Identitäten und Persönlichkeiten der Patientinnen so schützt“, berichtet Eisenbarth.

Es habe sich herausgestellt, dass viele Menschen ihre langen Haare, die sie sich irgendwann haben anschneiden lassen, daheim in den Schubladen lägen. „Dabei sind Haare ein sehr wertvoller Rohstoff“, erläutert Eisenbarth. Umso mehr freut es sie, dass sich Menschen finden, die diese Erinnerungen zum gemeinnützigen Zwecken spenden und nicht den Weg über den Verkauf an diverse Agenturen gehen würden. „Ich hätte nie zu wagen gehofft, das nach noch nicht mal drei Jahren heute die 700. Spende geleistet wird“, sagt Eisenbarth mit Blick auf Franziska Ziegler, kurz bevor sie den Rasierer einschaltet und fügt hinzu: „Franzi, du bist absolut mutig.“

Ein Abschnitt im wahrsten Sinne des Wortes

Der jungen Iglingerin ist eine leichte Nervosität anzumerken. Auf die Nachfrage, ob sie die Spende wirklich tätigen wolle, bejahte sie das kurz und knapp. „Ich habe es mir fest vorgenommen, es ist für mich ein Abschnitt im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte Franzi Ziegler lächelnd. Hinzu käme, dass sie ein Kurzhaartyp sei und die Haare extra für die Spende haben wachsen lassen. „Ich habe jetzt noch etwas am Kopf, womit später ein Mensch glücklich wird. Das erfüllt mich mit gewissem Stolz“, sagt sie und fügt hinzu, mit der Spende die Leute gleichzeitig zum Nachdenken über alltägliches anregen wolle. „Heute ist der Tag endlich da. Auf geht’s“, fordert sie.

Stückeweise rasiert Eisenbarth die vorbereiteten Zöpfe vom Kopf, nach 20 Minuten ist von den langen Haaren keines mehr auf dem Kopf. Während der ganzen Zeit lehnte Franziska Ziegler den Blick in den Spiegel ab, nach getaner Arbeit betrachtet sie sich nun doch. Kurzes Schweigen, ein Lächeln. Mit leicht gerötetem Gesicht und weit geöffneten Augen schaut die junge Frau auf ihr verändertes Äußeres. „Irgendwie komisch, aber sehr gut“, sagt sie zu ihrer Freundin Elisabeth Ried, für die Franziska Ziegler aus Rücksicht auf die vor kurzem gefeierte Hochzeit die Haare noch lang getragen hatte. „Ich habe auch noch etwas“, sagte Elisabeth Ried und holte einen Zopf aus der Tasche, der im Zusammenhang mit ihrer Hochzeit anfiel. „Jetzt sind es 701 Haarspenden“, freut sich die Initiatorin von „Echt-Haarig“ und ergänzt: „Derzeit werden auch dringend graue Haare gesucht.“

Kontakt zu „Echt-Haarig“ und Sara Eisenbarth unter 0160/94565370.

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