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Königsbrunn

24.04.2019

Die Bürokratie bremst sie aus

Prof. Dr. Klaus Wolf (Zweiter von links) nimmt sich die Zeit seine Studentin Veronika Raila und ihre Eltern, Petronilla und Uwe Raila, zu Hause zu besuchen, um das laufende Projekt zu besprechen.
Bild: Claudia Deeney

Die Königsbrunnerin Veronika Raila darf nicht gleichberechtigt mit anderen Studenten studieren. Dabei traut ihr ihr Professor sogar eine Doktorarbeit zu.

„Wir sind eine Wissensgesellschaft. Wir können es uns nicht leisten, den Rohstoff Geist nicht zu fördern und Talente die wir haben außen vor zu lassen“! Diese deutlichen Worte findet Professor Klaus Wolf im Gespräch mit unserer Zeitung über einen Zustand, der ihn ärgert. Er betrifft Veronika Raila, die Königsbrunnerin, die mit Gedichten und als Filmautorin viele positive Schlagzeilen macht.

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Der besagte Zustand herrscht an den Universitäten in Bayern und schließt aus, dass sich Menschen wie Veronika Raila offiziell immatrikulieren können. Die junge Frau leidet unter Autismus und kann sich daher nicht mit der sogenannten Lautsprache verständigen. Sie verwendet das System der unterstützenden Kommunikation, das heißt, sie tippt ihre Mitteilungen in ein Tablet (Computer). Weil Vroni, wie sie von Familie und Freunden genannt wird, dabei einen unterschiedlich starken Druck auf ihrer Schreibhand braucht, übernimmt heute meistens ihre Mutter die Aufgabe, der Tochter das Gefühl für deren Hand zu geben. Petronilla Raila umfasst dabei die rechte Hand der jungen Studentin und erklärt: „Vroni fühlt ihre Hand sonst nicht, ich führe aber ihre Hand nicht, sondern übe nur unterschiedlich starken Druck aus, damit in Vronis Gehirn der Impuls ständig ausgelöst wird, ihre Hand wahrzunehmen.“

Die Elektronik bietet noch keine Alternative

Die Railas haben in Veronikas Kindheit auch versucht, mit einem Handschuh zu arbeiten, der technisch gesehen den Druck ausübt. Da diese Impulse aber gleichbleibend gesteuert sind, hat sich die Methode nicht bewährt. Das Gehirn der heute 27-jährigen gewöhnt sich an die Abläufe und somit verliert Veronika ihre körperlichen Konturen, wie sie es selbst sehr anschaulich im autobiografischen Film „Sandmädchen“ beschreibt.

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Diese Erklärungen sind für Außenstehende notwendig, um zu begreifen, dass Veronikas reiche Innenwelt nur einen Weg nach draußen findet, wenn sie die unterstützte Kommunikation anwenden kann. Professor Klaus Wolf kennt seine Studentin sehr gut und sagt: „Ihre Texte beeindrucken mich und zwar sowohl ihre wissenschaftlichen Seminararbeiten, als auch ihre poetischen Werke.“ Und das gelte nicht nur für ihn, sondern auch für seine Kollegen an der Universität Augsburg. Dort studiert Veronika seit über zehn Jahren Literatur sowie katholische Theologie. „Ich bin dagegen, dass man Menschen ausgrenzt, weil sie technische Hilfsmittel nutzen“, erklärt Wolf. Veronika habe nicht nur mit den bisher zahlreich abgelieferten Seminararbeiten längst die Anerkennung für den Bachelor verdient, sie habe mit ihren vielen veröffentlichten und auch preisgekrönten Texten die besten Voraussetzungen akademische Abschlüsse zu erlangen. Die Mauern der Bürokratie findet Wolf nicht zeitgemäß und sagt: „Es ist blamabel, dass wir das kreative Potenzial, welches Veronika ohne jeden Zweifel hat, für die Universität Augsburg nicht nutzen können.“

Veronika Raila kann Dinge, die ihre Mutter nicht kann

Veronika könnte promovieren und Forschungsbeiträge leisten. In der Germanistik gehe es darum, Texte zu analysieren und zu rezipieren, all das könne sie und zwar auf höchstem Niveau, wie ihr Wolf bescheinigt und anmerkt: „Sie braucht dazu nur spezielle Hilfsmittel, was aber egal ist, weil sie ja nicht Sport studiert.“ Echte Integration sei für ihn, wenn Menschen wie Vroni nicht mehr als Sonderfall gelten. Und ein Sonderfall ist die 27-Jährige derzeit schon an der Uni.

Im Schnitt besucht sie zweimal wöchentlich Vorlesungen, zusammen mit ihrer Mutter. Die Frage, die dann immer wieder mal gestellt wird, ob die Mutter nicht vielleicht unbewusst die Hand der schreibenden Veronika lenkt, beantwortet Professor Wolf freundlich aber bestimmt: „Ganz sicher nicht, Frau Raila drückt sich ganz anders aus als ihre Tochter, außerdem hat Veronika die mittelhochdeutsche Sprache erlernt. Diese kann Frau Raila nicht.“ Zudem wurde Veronika natürlich immer wieder von Schulpsychologen und anderen offiziellen Stellen getestet und bewertet. Petronilla Raila sagt: „Ich halte ihre Hand, meine Tochter aber führt mich in eine Welt, die ich gar nicht kenne.“

Veronika weiß ziemlich genau, was sie möchte und hat einen gewaltigen Ehrgeiz, der sie auch immer wieder an die eigenen Grenzen führt. Auch wenn das anstrengend für sie selbst ist, freut sie sich über ihre Leistungen und Erfolge die sie hat. Der Kinofilm „Sandmädchen“ mit ihr in der Hauptrolle und mit ihren Texten wurde in Nepal auf dem Internationalen Menschenrechtsfilmfestival 2019 mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Anfang Mai ist Vroni zusammen mit ihren Eltern zum Jahresempfang des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Jürgen Dusel, nach Berlin eingeladen. Darauf freut sich die 27-jährige Königsbrunnerin sehr und sie sagt: „Ich fühle mich sehr geehrt und wertgeschätzt.“ Veronika hat in ihrem jungen Leben außerordentlich viel erreicht, zusammen mit ihren Eltern. Von der Kommunikation, die auch nur über die Hände gehen kann (ohne Computer) und sich für Familie und Freunde eignet, bis hin zum Verfassen von Texten, die sich mit mittelalterlichen mystischen Frauenfiguren beschäftigen, umfassen die Themen der Railas eine ziemliche Bandbreite.

Die Handkommunikation hat die Familie auch an viele andere Betroffene mit Autismus weitergegeben. Wie sich das Leben einer mittelalterlichen Mystikerin aus der Donauwörther Gegend im 12. Jahrhundert gestaltete, werden interessierte Menschen am Grab der besagten Margareta Ebner anschauen können. Nämlich dann, wenn Veronika, mit der von Professor Wolf gestellten Aufgabe fertig ist und ihr verfasster Text als Theaterstück dort uraufgeführt wird. Wie Wolf sagt: „Eine Arbeit über eine außergewöhnliche und emanzipierte Frau im Mittelalter verfasst von einer außergewöhnlichen und emanzipierten jungen Frau in unserer Zeit.“

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