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Bobingen/Schwabmünchen

11.09.2018

Die Wundertüte zum ersten Schultag

Peter Lintner freute sich 1959 über seine Schultüte. Im Ranzen waren eine Schiefertafel und eine Holzbox mit Griffel.<b>  </b>

Man bekommt sie nur einmal im Leben. Viele erinnern sich noch gut an ihre große bunte Schultüte. Doch Inhalt und Aussehen wandeln sich.

Wie ein Fächer bunter Orgelpfeifen ragen die Schultüten in die Höhe, sind Blickfang und Anlass für Gespräche unter Kunden im Drogeriemarkt in Bobingen. Eine farbenprächtige Auswahl ist da ineinandergestapelt, mehrere solcher Türme ragen aus einem hohen Ständer. Wenn heute die Erstklässler vom ersten Schultag nach Hause kommen, wird vermutlich bald ins Lager wandern, was davon noch nicht verkauft ist. Schade eigentlich. Denn in den vergangenen Tagen lenkten sie nicht nur die Blicke kleiner Kinder und ihrer Eltern auf sich. Sie waren selbst für jüngere Kunden Anlass zu Erinnerungen.

Auch ein Thema für Gymnasiasten

Auch Gymnasiasten aus Königsbrunn wissen noch genau, wie ihre Schultüte aussah: Nick Karakasic etwa, der heute in die neunte Klasse kommt: Eine Weltraumrakete war damals sein Symbol für den Aufbruch in die Schullaufbahn. Manuel Schwab hat noch das Formel-Eins-Rennauto vor Augen, das damals seine Schultüte zu seinem großen Stolz machte. Benedikt Widmann ist heute Student an der Universität Augsburg und erinnert sich beim Einkauf in Bobingen angesichts der Schultüten 15 Jahre zurück: „Meine Mom hat meine Schultüte selbst gebastelt und dafür sogar aus Papier Krebse und eine Unterwasserlandschaft ausgeschnitten.“

Sie verkauft viele und hat nie selbst eine bekommen

Ingrid Wenger trat 1962 ihren ersten Schultag an. Ohne Schultüte. Die war damals nicht so verbreitet, sagt sie. Doch seit 25 Jahren verkauft sie Schultüten in ihrem Schreibwarengeschäft am Schrannenplatz in Schwabmünchen. Sie kennt jede Mode. „Der Trend, Schultüten selbst zu basteln, begann vor circa 15 Jahren. Inzwischen schätze ich, dass in Schwabmünchen und Umgebung fast 90 Prozent der Eltern die Schultüten selbst basteln.“ In ihrem Geschäft bekommen sie bereits ab Anfang Mai Rohlinge – weiße oder einfarbige motivlose Schultüten – die sie dann mit zum Kindergarten nehmen. Dort treffen sich Eltern noch vor den Sommerferien, um gemeinsam individuelle und einzigartige Schultüten zu schaffen. „Für die Eltern, die hier eine fertige Schultüte kaufen, ist das häufig eine Notlösung“, sagt Wenger. Sie tun sich beim Basteln schwer, haben aufgrund ihrer Arbeit keine Zeit oder ihr Kind wünscht sich ein ganz bestimmtes Motiv. Auch Ingrid Wenger hat die Schultüten ihrer Söhne, die vor circa 30 Jahren eingeschult wurden, nicht selbst angefertigt. „Ich habe eine passend zum Schulranzen besorgt, damals hat man das noch nicht selbst gemacht.“

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Auch die Füllung wandelt sich

Auch die Füllung ändere sich mit dem Lauf der Jahre. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts etablierte es sich in Deutschland mehr und mehr, dem Schulkind am ersten Schultag eine Zuckertüte mitzugeben. Wegen der vielen Naschereien hießen sie anfangs so. Den Kindern wurde erzählt, im Haus des Lehrers wachse ein Schultütenbaum und wenn die Früchte groß genug wären, sei es Zeit für den Schulanfang.

Ingrid Wenger hat festgestellt, dass sich auch der Inhalt der Schultüten weiter verändert. Es wird immer mehr. „In den Jahren der Nachkriegszeit und auch während des Kriegs hatten die Menschen ja nichts. Kinder haben sich über Süßigkeiten gefreut, da es im Alltag kaum welche gab, deshalb war die Zuckertüte auch sehr wertvoll. Heute ist Schokolade nichts Besonderes mehr.“ Sie selbst schenkte ihren Söhnen eine Armbanduhr und Stifte. Auch Gebrauchsgegenstände wie ein Wassermalkasten, Hefte oder einen Füller sind beliebte Geschenke, gewöhnlich schenken die Eltern diese inzwischen aber separat von der Schultüte.

Nach wie vor erhalten Kinder Stifte, Spitzer, Radiergummi und Lineale. Zubehör, das sie gleich ab dem ersten Schultag benutzen können. Aber es gibt auch immer größere Geschenke: Sowohl Comics, Erstlese-, Pixi- und Malbücher als auch Playmobil- und Legofiguren, Spielzeugautos oder Puzzles. Süßigkeiten sind immer dabei, allerdings ist der Trend laut Corinna Stempfle, der Geschäftsleiterin des Müller Drogeriemarkts in Bobingen, ein wenig zurückgegangen. Stattdessen würden Eltern inzwischen immer öfter Bioprodukte, zum Beispiel Obst, in die Schultüten füllen.

 Trost für Geschwister: die Minitüte

Sehr oft gekauft werden auch sogenannte Geschwistertüten, weiß Corinna Stempfle. Das sind kleine Schultüten, die bereits gefüllt und in denen zum Beispiel Gummibärchen, ein Lineal und ein Ballon enthalten sind. Auch hier gibt es ein buntes Angebot, sodass die kleineren Geschwister heute nicht leer ausgehen, wenn der große Bruder oder die ältere Schwester eingeschult und beschenkt wird.

Vor 50 bis 60 Jahren, so erinnern sich ältere Kunden in Bobingen, gab es weniger aufgedruckte Motivbilder, sondern eher verschiedene Papiermuster. Im Klassenzimmer waren dann gepunktete, gestreifte oder zwei- oder mehrfarbige Schultüten zu sehen. In den Jahren darauf immer häufiger auch Tierbilder.

Heute sorgen die Erstklässler in den Grundschulen für ein noch bunteres Bild: Ob Autos, Prinzessinnen, Drachen, Einhörner, Superhelden, Katzen oder Blumenmuster, alles ist auf den Tüten zu sehen. Vor allem Figuren aus Fernsehserien und Filmen scheinen gefragt: Zurzeit sind für Mädchen zum Beispiel Motive aus dem Film „Frozen“ beliebt, für Jungs aus dem Film „Cars“.

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