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Schwabmünchen

17.02.2018

Die eigentliche Gefahr lauert im Ziel

Mit diesen „Schalenggen“ genannten Großschlitten wurden früher Heu und Holz von den Bergwiesen und Bergwäldern in das Tal befördert. Rund 200 mutige Teilnehmer stürzten sich mit den als „Schalenggen“ bezeichneten hölzernen Hörnerschlitten im Pfrontener Ortsteil Kappel den 1000 Meter langen Hang hinab.
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Mit diesen „Schalenggen“ genannten Großschlitten wurden früher Heu und Holz von den Bergwiesen und Bergwäldern in das Tal befördert. Rund 200 mutige Teilnehmer stürzten sich mit den als „Schalenggen“ bezeichneten hölzernen Hörnerschlitten im Pfrontener Ortsteil Kappel den 1000 Meter langen Hang hinab.
Bild: Ralf Lienert

 Seit Jahren sind der Schwabmünchner Günter Schuler und seine Teams in Pfronten dabei. Doch diesmal lief es wieder einmal ganz anders, vor allem, als es schon vorbei war.

Sie nennen sich „Vollgas durziah“, „Wilde Goaßa“, „Ördöpfl“, „d‘ Muasmeahlmuaser“, „mir land it luck“ oder geben sich viele andere fantasievolle Namen, die schon darauf hindeuten, dass es sich um ganz „Hartgesottene“ handelt, die sich beim Original „Pfrontar Schalengge-Rennen“ wagemutig den gefährlichen Hang hinunterstürzen. Mit dabei auch die Menkinger Holzwurmhörer mit zwei Schlitten. Günter Schuler und Thomas Heiß kamen bestens und schnell bis ins Ziel, aber eben nur bis dahin. Und dann?

„D‘r Schalenggar und d‘r Healfar hand em Deifl a Ohra weck gfahra und send 16. woara. Es freihat si d‘ Kappelar Schallenggar.“ So steht es auf der Siegerurkunde von Günter Schuler und Thomas Heiß aus Schwabmünchen in bestem Allgäuerisch. Doch bis sie diese in Händen hielten, hatten sie reihenweise spannende und gefährliche Erlebnisse.

Vor über zehn Jahren begann die Schlitten-Leidenschaft

Vor über zehn Jahren entdeckte Schuler seine Liebe zum Hörnerschlittenrennen. Und sie ließ ihn bis heute nicht los. Ja, die vergangenen drei Jahre waren für ihn und seine Freunde sogar schwer, weil das gigantische Erlebnis wegen Schneemangels ausfallen musste. Heuer hat es wieder geklappt.

Rund 4000 Zuschauer säumten die Strecke von der Hündlekopf-Hütte bis ins Dorf Kappel hinunter, ein Ortsteil von Pfronten. 1000 Meter lang ist die stark gewundene Piste mit einem Höhenunterschied von über 400 Meter. Das heißt: Wer es richtig laufen lässt, fährt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 60 Stundenkilometern: Ein Höllenritt auf dem welligen Geläuf und den alten Schlitten ohne Airbag, Knautschzone oder Sicherheitsgurt.

Das Rennen ist nicht nur zur Gaudi der Teilnehmer, Zuschauer und zur Tourismus-Ankurbelung da, sondern auch, um alte Traditionen und Arbeitsweisen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Günter Schuler erklärt: „Früher mussten die Bauern vor allem Heu und Holz mit dem riesigen Transportschlitten ins Tal bringen: Eine schwierige und gefährliche Angelegenheit, die so manches Opfer gefordert hat.

Die meisten fahren nach dem Motto: „Wer bremst, verliert“

Unter den diesmal rund 160 Rennteams bewegten sich unter anderem zehn Schlitten, mit denen die damalige Arbeitsweise demonstriert wurde, in angemessen verhaltener Fahrt. Auch die Allgäuer Heukönigin ließ es nicht besonders krachen, dafür aber die anderen Zweierteams, getreu dem Motto: „Wer bremst, verliert“.

Ganz ohne Bremsen geht es allerdings nicht, sonst würden alle Schlitten an der Holzwand schon nach 100 Metern zerschellen. Eine ausgefeilte Technik ist notwendig, um sicher durch die Kurven zu kommen. Die beherrscht das Schuler-Team inzwischen.

„Die Sekunden vor dem Start sind nervenaufreibend. Du fühlst dich wie verzaubert und fragst Dich: Warum mache ich das eigentlich? Weder mit dummen Sprüchen noch mit Bier ist deine Aufregung zu beruhigen“, so Schuler, der auch sagt: „Nach dem Start bist du für die rund eine Minute Fahrt wie im Tunnel, total angespannt, kriegst von dem Drumherum so gut wie nichts mit, bist total auf die Strecke und deinen Schlitten fokussiert.“

Scharfe Kurven, heftige Bodenwellen, Schlaglöcher, Schneehäufen, all das fordert den Fahrer und den hinter ihm liegenden Steuermann total. Wer nicht aufpasst, stürzt, kommt unter den Schlitten, fliegt davon, kracht in eine Holzwand. Im Ziel fällt dann die ganze Anspannung ab: „Du bist mit Adrenalin überschüttet, schreist deine Freude heraus, heil runtergekommen zu sein, lachst nur noch“, so Schuler. Doch diesmal war alles anders.

Hinter der Ziellinie lauterte der Bremsballen

Als er schon die Ziellinie überfahren hatte, wollte der Schwabmünchner Hotelier einen großen Strohballen zum Bremsen verwenden. Doch der war angefroren oder festgemacht. „Jedenfalls knallte der Schlitten dagegen und ich kopfüber nach vorne. Mit dem rechten Aug‘ blieb ich irgendwie am linken Schlittenhorn hängen“, erzählt Schuler und zeigt sein blutunterlaufenes Auge und das Drumherum, rot und blau. „Jetzt weiß ich, dass ich auch mit der Leiste irgendwo dagegen geflogen bin. Denn die schmerzt höllisch.“ Und das ist noch nicht alles: „Außerdem habe ich einen unglaublichen Muskelkater am ganzen Körper, der sicherlich wie immer eine Woche anhält.“ Die Konsequenz: „Nie wieder“, sagt sich der 59-Jährige. Nach einer kurzen Denkpause fügt er allerdings hinzu: „Diese Stimmung hält jetzt wohl bis zum Jahresende. Dann steigt die Lust wieder und wir melden uns ja wohl doch wieder an. Weil das Rennen ist einfach ein saugeiles Erlebnis.“

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