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Großaitingen

27.02.2015

Die ersten Schritte in der neuen Welt

Berthold Reiser (hintere Reihe ganz rechts) im Kreise einiger seiner „Schützlinge“.
Bild: Hieronymus Schneider

15 Flüchtlinge haben in Großaitingen einen weiten Weg hinter sich. Es gibt hier Menschen, die helfen wollen. Doch das ist gar nicht so einfach.

Flüchtlinge kommen ins Dorf. Es gibt zaghafte Kontakte. Kann man ihnen helfen? Wie empfinden sie ihr Schicksal? Auch in Großaitingen haben dies einige erlebt. Eine Gruppe junger Männer aus Eritrea lief 30 Tage zu Fuß durch die Wüste und musste vier bis acht Monate warten, bis sie auf Holzbooten über das Mittelmeer nach Italien gebracht wurden. Dafür hatten sie einige tausend Dollar aus dem Familienkreis zusammenkratzen müssen. Die Männer flohen vor den ständigen kriegerischen Konflikten in ihrer Heimat und vor der Zwangsrekrutierung zum Militär. Inzwischen warten sie in Großaitingen ab, wohin der Weg sie weiter führt. Es gibt hier Menschen, die ihnen helfen wollen, doch das ist schwer.

Seit Mitte November leben 15 Asylbewerber in der Augsburger Straße in Großaitingen, elf kommen aus Eritrea, je zwei aus Sierra Leone und Afghanistan. Es sind Männer zwischen 18 und 43 Jahren, die eine Odyssee hinter sich haben.

Die meisten sind orthodoxe oder koptische Christen, nur drei gehören dem Islam an. Wie finden sie sich hier in der völlig fremden Welt zurecht?

Die Verständigung ist ein großes Problem, nur wenige sprechen etwas Englisch, Deutsch versteht noch keiner. Natürlich sind sie froh, mit dem Leben davongekommen zu sein und eine sichere Bleibe gefunden zu haben. Das vom Landratsamt angemietete Wohnhaus ist in gutem Zustand und die Behördenmitarbeiter tun alles, was in deren Macht steht. Der Vermieter hat einen Fußballkicker zum Zeitvertreib aufgestellt. „Das Schlimmste für uns ist das lange Warten, ohne etwas tun zu können“, sagen sie. Sie würden gerne jede gemeinnützige Arbeit in der Gemeinde oder in Vereinen annehmen, wenn sie gebraucht würden. Doch dazu müssen sie zumindest Grundkenntnisse in der deutschen Sprache erlernen und sich überhaupt in Großaitingen zurechtfinden.

Berthold Reiser, ein 74-jähriger pensionierter Gymnasiallehrer, kümmert sich um die entwurzelten und von ihren Familien getrennten Männer. Er ist als ehrenamtlicher Koordinator beim Landratsamt bekannt und hat inzwischen einen Helferkreis von etwa 16 Menschen um sich geschart. Zehn Lehrer geben den Asylbewerbern zweimal in der Woche für eine Stunde Deutschunterricht, andere leisten Hilfe bei Behördengängen, Arztbesuchen oder bei praktischen Problemen im Haus.

Berthold Reiser erklärt den Asylbewerbern, die ihn mit „Baba“ ansprechen, die amtlichen Bescheide und bringt deren Anliegen beim Landratsamt vor. Er berät sie auch beim Einkauf von Lebensmitteln, da es hier keine Geschäfte mit afrikanischem Essen gibt. „Auf Dauer werdet ihr aber nicht umhinkommen, euch an das deutsche Essen zu gewöhnen“, rät er eindringlich. Auf die Frage, warum er sich so stark engagiert, antwortet der rüstige Pensionär: „Ich bin davon überzeugt, dass man Menschenrechte auch leben muss. Meine Frau unterstützt mich dabei, alleine könnte ich das nicht leisten“.

Ein akutes Problem hat derzeit der 25-jährige Amine, dem vor sechs Jahren bei einer Operation in Eritrea eine Metallplatte im Knie eingesetzt wurde. Diese verursacht nun große Schmerzen und eine Untersuchung im Krankenhaus Bobingen ergab, dass die Platte dringend operativ entfernt werden müsste. Ein Antrag beim Gesundheitsamt wurde gestellt, doch die Bewilligung der Kostenübernahme lässt auf sich warten. Der größte Wunsch aller wäre ein Internetanschluss im Haus, um Kontakt mit ihren Familien aufnehmen zu können und nicht mehr so isoliert zu sein. Dafür hat das Landratsamt zwar Verständnis, kann aber die Kosten nicht übernehmen, weil das im Asylbewerberleistungsgesetz nicht vorgesehen ist. Für die Bewohner selbst ist das auch nicht bezahlbar und ein privater Sponsor hat sich noch nicht gefunden.

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