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Scherstetten

17.10.2019

Ein Heiligen-Porträt in schwebenden Klangbildern

Die Solisten Magdalena Deschler und Thomas Strohmeyr setzten das innere Ringen in ihrer Beziehung gesanglich magisch und nuancenreich um.
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Die Solisten Magdalena Deschler und Thomas Strohmeyr setzten das innere Ringen in ihrer Beziehung gesanglich magisch und nuancenreich um.
Bild: Siegfried P. Rupprecht

Das Scherstetter Singspiel über das Leben von Klaus von Flüe entpuppt sich als eine magische Interpretation mit Projektchor, Solisten, Musikern und Darstellern.

 Wer war dieser Klaus von Flüe? Ein Aussteiger, ein Radikaler, ein innerlich Zerrissener, ein Visionär, ein Gerechtigkeitsfanatiker, ein Gottessucher? Von allem etwas, zumindest aber eine ungewöhnliche und zugleich kontroverse Persönlichkeit. Das in der Pfarrkirche St. Peter und Paul aufgeführte Singspiel „Erdreich – Himmelreich“ der Liedermacherin und Komponistin Kathi Stimmer-Salzeder zeigte die Bandbreite seines beeindruckenden Lebenswegs auf.

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Dabei ging es nicht darum, die komplette Existenz des Schweizer Nationalheiligen Klaus von Flüe exakt nachzuzeichnen. Das wäre zu umfangreich gewesen. Die Lieder, Texte und szenischen Darstellungen beschränkten sich vielmehr auf das Hineinfühlen in das ungewöhnliche Leben Flües und dessen Frau Dorothee in einem kleinen Dorf in der Schweiz des 15. Jahrhunderts und Flües spätere absolute Hinwendung zu Gott.

Der Komponistin war das Hinterfragen und Offenbaren von Gefühlsregungen wichtig

Wichtig war Kathi Stimmer-Salzeder vor allem das Hinterfragen und das Offenbaren von Gefühlsregungen. Warum verließ ein angesehener Mann, wie es Klaus von Flüe zweifelsohne war, nach 20 Jahren Ehe seine geliebte Frau und seine zehn Kinder, um sich ausschließlich Gott zu widmen? Wo er doch zuvor seine tiefe Verbundenheit mit der Familie noch in Titeln wie „Die Erde trägt“ und „Manchmal fang ich mit dir ein Stück Leben ein“ verdeutlichte? War sein Leben in Wirklichkeit mehr Schein als Sein? Für seine Entscheidung erntete er bei Außenstehenden zwangsläufig Kopfschütteln, mehr noch: tiefes Unverständnis.

Ein Heiligen-Porträt in schwebenden Klangbildern

Das Singspiel zeigte aber auch eindrucksvoll die Facetten menschlichen Miteinanders und das nuancierte Ringen und Kämpfen des Ehepaars. Voller Zerrissenheit fragte Flüe: „Soll ich stumm sein oder schreien? Gottes Ruf hat mich getroffen.“ Dorothee forderte dagegen: „Bleib da! Du bist so sehr in meiner Seele.“ Und doch wurde der emotionale Abschied Flües von der Familie von ihm und seiner Frau gemeinsam getragen.

Scherstetter Singspiel hat die stärksten Momente beim emotionalen Abschied Flües

Hier hatte das Singspiel seine stärksten Momente. Es waren Augenblicke für Herz und Seele. Hier trugen in erster Linie die Lieder „Menschen betrügen“ und das dynamische Duett des Ehepaars, „Wenn du nicht so kannst“, bei. In diesen Phasen kristallisierten sich die Probleme des Festhaltens, Loslassens, Verstehens und Akzeptierens ausdrucksvoll heraus. Das Happy End war so vorgegeben: Jeder fand schließlich seinen Frieden, nämlich in Gott, ohne Wehmut und Trauer.

„Erdreich – Himmelreich“ pendelte zwischen Heiterkeit und Melancholie, Glück und Depression. Inhaltlich berührte das Singspiel auf verständliche Art eine Reihe von zeitaktuellen Problemen und Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders. Dreh- und Angelpunkt der stimmigen Interpretation war der eigens für dieses Großprojekt aus der Taufe gehobene 50-köpfige Projektchor, der in den Aktivitäten des Kirchenchors Scherstetten seinen Ursprung gefunden hatte. Unter der engagierten Leitung von Katharina Schwaller gelang dem Ensemble ein hohes gesangliches Niveau mit stimmigen Strukturen und einem überzeugenden Klangbild. Auffallend war die eindrucksvolle Textverständlichkeit, überhaupt die prächtige Stimmkultur.

Die Solisten Magdalena Deschler (Dorothee) und Thomas Strohmeyr (Klaus von Flüe) setzten mit facettenreicher Nuancierung und dynamischer Präzision gefühlvolle Ausdrucksvarianten. Sprecher Max Schwaller verband die von Martina Braun, Matthias Deschler und Kindern gespielten Szenen und 28 Lieder aussagekräftig miteinander. In ruhiger Weise führte er das Publikum in der voll besetzten Pfarrkirche durch das Singspiel und die damit verbundenen Spannungsfelder.

Ein dickes Ausrufezeichen setzten auch die blendend aufgelegten Musiker. Mini Hemmerle, Johannes Kretzinger (Gitarre), Verena Hemmerle, Brigitte Müller (Geige), Claudia Buchecker (Cello), Jennifer und Yvonne Wiedemann (Harfe), Petra Seitz (Flöte), Maria Wieländer (Klavier) und Michael Schobner (Drehleier) sorgten für kammermusikalische Intimität. Die Zuhörer belohnten die außergewöhnliche Leistung mit lang anhaltendem Beifall und Standing Ovations.

Das Singspiel wird am Sonntag, 20. Oktober, nochmals aufgeführt, und zwar um 15 Uhr in der Pfarrkirche St. Martin in Schwabmühlhausen. Der Eintritt beträgt acht Euro, Kinder sind frei. Karten im Vorverkauf gibt es unter der Telefonnummer 0160/92698122.

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