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Königsbrunn

01.09.2019

Ein Professor verbindet, was scheinbar nicht passt

Professor Dr. Jörg Althammer ist Wirtschaftsethiker. Was er genau dabei macht, ist in wenigen Worten nicht zu erklären.
Bild: Marion Kehlenbach

Jörg Althammer ist Professor für Wirtschaftsethik. Wenn er erklären muss, was er tut, dauert das etwas länger. Sein Rat ist bei Politikern sehr gefragt.

Wer Jörg Althammer fragt, was er beruflich mache und dann noch nachhakt „und was machen Sie da so?“, der sollte auf einen längeren, aber spannenden Vortrag gefasst sein. Denn Althammer ist Professor für Wirtschaftsethik. Bei Professoren gehören Vorträge ja sozusagen zur Arbeitsplatzbeschreibung und Althammers Fach-Disziplin ist mit wenigen Worten nicht zu erklären. „Vielen gilt Wirtschaftsethik als Feigenblatt-Element der Unternehmen“, so Althammers Erfahrung aus privaten Gesprächen.

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Die Gesprächspartner glauben, dass sich dabei wenig nachhaltig ändert, sondern die Unternehmen weitermachen wie bisher. Ähnlich wie beim sogenannten Greenwashing, also den Versuch eines Unternehmens, sich durch ökologische Projekte ein umweltfreundliches Image zu geben. „Um das richtig zu stellen, muss man sehr weit ausholen“, sagt Althammer.

Althammer kam über Augsburg, Passau und Bochum nach Eichstätt

Grundsätzlich ist Althammer von Haus aus Volkswirt. Er hat an der Universität Augsburg Volkswirtschaft, Wirtschafts- und Sozialpolitik studiert und dort anschließend promoviert. An der Universität Passau lehrte er Volkswirtschaftslehre, in Bochum hatte er den Lehrstuhl für Sozialpolitik inne und seit 2008 den Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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Die Studierenden, die ihm dort zuhören, sind vor allem angehende Betriebswirte. Und für diese ist es kein interessantes Nebenfach, sondern sie erhalten dafür wertvolle „Credit Points“, also Leistungspunkte für ihren Bachelor- oder Masterabschluss, betont der Professor den Stellenwert des Faches.

Doch allein bei der Frage: „Was ist Wirtschaftsethik?“, ist sich nicht einmal die Fachwelt einig. So war der Soziologe Niklas Luhmann der Meinung, das Wirtschaft und Ethik prinzipiell nicht zusammenpassen. Anders sieht es der Philosophie-Professor Karl Homann, der die Meinung vertritt, Ökonomie sei die Fortsetzung von Ethik mit besseren Mitteln – das scheint ja ganz schön kompliziert zu sein.

Doch Althammer hat ein paar konkrete Beispiele zur Energiewende und Kohlenstoffdioxid-Emission auf Lager.

„Wir betrachten immer die Gesellschaft als Ganzes“, erklärt Althammer und es gehe dabei auch um Akzeptanz, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeitsfragen. Beispielsweise bei der Frage, wie es möglich ist, dass die Wirtschaft weniger Kohlenstoffdioxid ausstößt. Welches Instrument ist effizient – Vorschriften oder eine Regulierung über den Preis? Die Antwort des Wissenschaftlers ist eindeutig: „Die Preissteuerung hat den gleichen Effekt bei geringeren Kosten für die Gesellschaft.“ Sprich, man erreicht für das gleiche Geld mehr. Bei den Betrachtungen des Ökonomen sind nicht nur die direkten Kosten, beispielsweise für neue Filteranlagen einbezogen, sondern auch soziale Kosten, wie sie durch Arbeitslosigkeit entstehen und Grundsicherungsleistungen.

Die große Frage: Was hält eine Gesellschaft zusammen?

Ein anderes Thema ist die soziale Akzeptanz der Energiewende. „Und in den nächsten Jahren wird uns die Frage beschäftigen, was eine offene Gesellschaft zusammen hält. Wodurch wird Solidarität geprägt?“, erläutert der Wirtschaftsethiker. Er vergleicht dabei die homogene Gesellschaft europäischer Staaten mit einer pluralen Gesellschaft, wie sie zum Beispiel in den USA vorzufinden ist. Das Sozialsystem in den Vereinigten Staaten ist nur schwach ausgeprägt, dafür die Spendenbereitschaft sehr viel höher als in Deutschland. Allerdings erfolgt sie meist nur in der eigenen Sozialgruppe.

Der Harvard-Absolvent unterstützt großzügig Projekte der Harvard Universität. In Deutschland wird hingegen ein allgemeines, umfassendes Sozialsystem zur Unterstützung von Schwachen akzeptiert, weil es hierbei um eine Umverteilung innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe geht, so die wissenschaftliche Annahme.

Der Rat des Königsbrunners ist gefragt bei Politikern und Entscheidern

Die Wirtschaftsethiker wollen diese Hypothese mit empirischen Zahlen, also der Auswertung von großen Datenmengen belegen. Anders als Naturwissenschaftler können Ökonomen nicht im Labor experimentieren, ihr typisches Handwerkszeug ist die Computersimulation. Und ihre Ergebnisse sind wichtig für die Zukunft, wenn die Gesellschaft durch Migration auch in Europa vielfältiger wird. Bei seinem kleinen Exkurs lässt Althammer Sätze fallen wie: „Konflikte dürfen nicht gesellschaftszersetzend sein“ und „Der Markt muss eingebettet sein in die gesellschaftliche Zielsetzung.“

Adressaten seiner Forschungsergebnisse sind vor allem Politiker und „relevante gesellschaftspolitische Akteure“. So ist sein Rat bei Ministerien und der Kommission für wirtschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz gefragt. Außerdem engagiert sich der Wissenschaftler bei YES, was für Young Economic Summit steht und der größte deutsche Schulwettbewerb zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen für Schüler der Jahrgangsstufen zehn bis zwölf ist.

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