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Königsbrunn

14.05.2019

Ein Profi und viele Pfeifen

Antonina Krymova beherrscht die Orgel wie kaum ein anderer: Über ein Stipendium an der staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst kam die heute 34-Jährige von Russland nach Deutschland und hat bereits Preise bei mehreren internationalen Orgelwettbewerben gewonnen.
Bild: classicum-music.com

Antonina Krymova ist ein Orgel-Profi. Die gebürtige Russin spielt kommenden Sonntag in Königsbrunn. Im Interview erklärt sie, was sie noch immer nervös macht.

Frau Krymova, sie haben Ihr Leben der barocken Orgelmusik gewidmet. Was fasziniert Sie so an diesem Instrument und dem Musikstil?

Antonina Krymova: Ich habe für mich die Orgelmusik ziemlich spät entdeckt, in der Mitte meines Klavierstudiums am St. Petersburger Konservatorium. Konzertpianisten spielen viel mehr Musik aus der Klassik, Romantik oder aus dem 20. Jahrhundert. Ich entdeckte mit der Orgel-Barockmusik verschiedener Komponisten und mit den historischen Orgeln ein ganz neues, riesiges und faszinierendes Gebiet. Damit kann sich ein Organist das ganze Leben beschäftigen und wird trotzdem nie fertig werden. Es gibt eine Unmenge an Repertoire, viel mehr als für andere Instrumente, und so viele verschiedene interessante Orgeln...

Sie sind in Russland geboren und dort zur Orgel gekommen. Ist die Orgelkultur in Deutschland anders?

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Krymova: Ja. Die russisch-orthodoxe Kirche erlaubt keine Orgel, die Gottesdienste werden nur von Gesang begleitet. Deshalb ist die Orgel in Russland kein Kircheninstrument, sondern eher etwas Exotisches. Orgelkonzerte sind dort sehr attraktiv, es kommen oft mehr Zuhörer als zu einem Klavierkonzert des gleichen Niveaus. In Deutschland hingegen sind die Orgel und die Orgelmusik allgemein bekannt, weil sie zur Routine von Gottesdiensten, Hochzeiten und dergleichen gehören. Aber vergleichsweise wenige Deutsche wissen, dass es in ihrem Land dank bekannter Komponisten, Orgelbauer und Organisten seit mehreren Epochen eine starke Tradition der professionellen klassischen Musik gibt. Deswegen kommen übrigens Konzertorganisten aus der ganzen Welt nach Deutschland und wollen hier lernen.

Seit 2011 sind sie Organistin in Schmiden nahe Stuttgart. Ist Ihnen dabei das Religiöse oder die Orgel wichtiger?

Krymova: Mir bedeutet beides viel. Ich bin froh, dass ich den Gottesdienstablauf in Deutschland so gut kennen lernen konnte. Das ist sehr wichtig, um zu verstehen, welche Choräle die Komponisten in allen Epochen bearbeitet haben und wie wichtig dabei das Wort war. Es geht ja bei der Orgelmusik nicht ausschließlich um den musikalischen Aspekt.

Neben ihrer Orgelkarriere sind sie Gründerin und Geschäftsleiterin der Unternehmensgesellschaft Classicum, die die Karrieren klassischer Künstler unterstützt. Außerdem sind sie verheiratet und haben zwei Kinder. Müssten Ihre Tage nicht mehr als 24 Stunden haben, um das alles zu schaffen?

Krymova: Das würde ich mir sehr wünschen! Nur weil mich mein Mann sehr unterstützt, schaffe ich das alles. Er passt an Wochenenden auf die Kinder auf, wenn ich für Konzerte unterwegs bin, und hilft mir auch bei Classicum sehr viel. Außerdem bin ich sehr dankbar für alles, was unser tolles Mitarbeiterteam leistet. Im Alltag kann ich dank moderner technischer Errungenschaften Zeit sparen, zum Beispiel kaufe ich viele Dinge online ein.

Es gibt deutlich weniger Orgelfans als zum Beispiel Klavierliebhaber. Woran liegt das?

Krymova: Wenn man alle Orgelkonzerte in Deutschland mit allen Klavierkonzerten vergleicht, werden Klavierkonzerte vielleicht mehr Besucher haben. Es gibt aber auch viele populäre Orgelkonzerte: Kürzlich spielte ich zum Beispiel ein kleines Konzert am Bodensee, wo die Orgelkultur verbreitet ist. Dort wurden 100 Menschen erwartet, es kamen sogar 300. Andererseits haben Orgelkonzerte oft auch einen kirchlichen Aspekt. Viele Menschen treten jedoch aus der Kirche aus oder gehen nicht mehr in den Gottesdienst – wenn ein Orgelkonzert in einer Kirche stattfindet, wollen sie nicht dorthin. Das ist ein Problem für die Orgelkultur und ich finde es sehr schade: Aus Erfahrung weiß ich, dass sich Zuhörer sehr über Orgelkonzerte in Kirchen freuen und sie auch als reines Kulturerlebnis ohne religiösen Anteil genießen können.

Besser als Sie kann man sein Instrument wohl kaum beherrschen. Sind sie trotzdem vor Auftritten nervös?

Krymova: Meistens nicht mehr, seit ich in den vergangenen Jahren sehr regelmäßig Konzerte spiele. Es gibt allerdings auch Situationen, in denen ich noch nervös werde: Bei zu kurzen Probezeiten an einer bestimmten Orgel oder wenn der Registrant zum Beispiel die Register zu spät oder falsch umschaltet. Oder wenn er auf der falschen Stelle umblättert. Auch wenn er selbst zu nervös ist, spüre das sehr genau...

Sie haben zwei Masterabschlüsse, nahmen Kurse bei vielen namhaften Orgelprofis und gewannen bereits mehrere Preise bei internationalen Wettbewerben. Was ist der nächste musikalische Meilenstein, den Sie erreichen wollen?

Krymova: Ich möchte in vielen Orten Konzerte spielen, egal ob groß oder klein,und dort das Publikum für die Orgelmusik begeistern. Außerdem will ich es mit der hohen Qualität meiner Aufführungen auch ein bisschen musikalisch erziehen: Man sollte nach meinen Konzerten einen Unterschied zwischen Profis und Amateurorganisten erkennen. Außer meiner Konzerttätigkeit ist für mich die Entwicklung meines Unternehmens Classicum sehr wichtig. Es freut mich nämlich sehr, dass ich nicht nur meine eigene Karriere voranbringe, sondern auch andere Musiker unterstützen kann. Wir klassische Musiker müssen uns insgesamt besser aufstellen, mehr Konzerte spielen und mehr in der Öffentlichkeit präsent sein. Das wird der Öffentlichkeit gut tun.

Antonina Krymova tritt am Sonntag, 19. Mai, in der Königsbrunner Kirche Zur Göttlichen Vorsehung auf. Das Konzert beginnt um 19 Uhr, Karten gibt es für zwölf Euro (ermäßigt neun Euro) im Pfarrbüro bei St. Ulrich, in der St.-Raphael-Apotheke und an der Abendkasse. Auf dem Programm stehen Werke von Brahms, Franck, Bach, Eben, Mendelssohn, Schumann und Mozart.

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