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Literaturmatinee

19.12.2019

Eine Kindheit in Kasachstan

Ida Häusser las Geschichten aus ihrem Buch „Meins!“. Die Zwischentöne dazu steuerte Johannes Gretz mit seinem Akkordeon bei.
Bild: Schneider

Ida Häusser aus Graben hat ihre autobiografischen Geschichten gesammelt und vorgestellt

„Meins!“ steht auf dem kleinen Büchlein im DIN-A-5-Format unter dem Coverbild mit bunten Tulpen. Es sind wilde Tulpen in der kasachischen Steppe. Sie sind die Erinnerung der Autorin Ida Häusser an den Abschied von Kasachstan, der auch das Ende ihrer Kindheit markierte.

„Meine Kindheit war an jenem Tag Anfang Mai 1981 zu Ende, ich stand und sah zu, wie sie mit dem Blütenstaub über die kasachische Tulpensteppe geweht wurde. Und ich wünschte mir riesige Arme, damit ich diese unfassbare Herrlichkeit umarmen und an mich drücken könnte“, so ein Auszug aus der Beschreibung auf dem Buchrücken. Wie ein trotziges Kind wollte die Jugendliche es festhalten und immer wieder „Meins!“ rufen. „Meins!“ wurde jetzt zum Titel des Buches.

Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten über die Parallelwelt der Russlanddeutschen in Kasachstan, zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Ida Häusser erzählt über babylonische Sprachverwirrungen, das Festhalten an der deutschen Kultur und das Überleben im Sozialismus.

Über Vertreibung und Verbannung, über Heimatlosigkeit und den Versuch einer Heimatverortung. Daheim fühlte sie sich auf einer Klappliege unter einem Ranetka-Apfelbaum. „Ranetka ist eine Apfelsorte mit kleinsten Äpfelchen, so groß wie Kirschen. Wenn der Baum blüht, ist seine Krone wie mit einer Decke aus filigranen Sternen überworfen. Wenn die Früchte reifen, hängen sie so dicht nebeneinander, dass man keine Blätter sieht. Welch ein Glück, den Äpfelchen beim Reifen zuzusehen!“, erinnert sich Ida Häusser. In den 21 in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten erzählt Ida Häusser mit feinsinnigem Humor, wie das Leben im „deutschen Kokon“ im Norden Kasachstans war. Hinter den Geschichten wie dem Radieschen-Traditionsunternehmen der Oma oder über eine Kuh, die im Mittelpunkt einer großen Familie steht, blicken historische Zusammenhänge und das schwere Schicksal der Eltern zwischen den Zeilen hervor, aber ohne zu lamentieren oder anzuklagen. Botschaften und Themen wie Heimat, Bräuche, Religion oder Selbermachen schwingen mit heiterer Leichtigkeit mit, ohne sie direkt zu benennen.

Fast alle Geschichten sind im Kurs „Autobiografisches Schreiben“ entstanden, den Ida Häusser seit mittlerweile sieben Jahren an der Volkshochschule Augsburg besucht. Einige davon stellte die Autorin den Teilnehmern des Kreises „Literatur am Morgen“ im Maxstüble des Hotels Deutschenbaur in einer Lesung vor. Umrahmt wurde die Lesung mit melancholischen Melodien aus Russland und Kasachstan, die Johannes Gretz mit seinem Akkordeon meisterhaft zelebrierte.

Ida Häusser beendete die Lesung mit dem Appell: „Ich bin dafür, dass man die Kindheit heiligspricht. In allen Religionen, in allen Kasten, auf der ganzen Welt. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Menschen ist die Kindheit. Und wenn jedem bewusst ist, dass eine schöne Kindheit das Heiligste ist, was wir haben, wird sie keiner stören. Keiner wird einem Kind, einer Mutter, einem Vater etwas antun, weil er es seiner eigenen Kindheit antäte“.

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