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Königsbrunn

16.11.2019

Er setzt den Hinterkaifeck-Gerüchten Fakten entgegen

Olaf Krämer ist Administrator des Internetforums „www.hinterkaifeck.net“ und Kurator der Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseum Ingolstadt, die sich mit der kriminalistischen Aufarbeitung der Morde beschäftigt.
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Olaf Krämer ist Administrator des Internetforums „www.hinterkaifeck.net“ und Kurator der Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseum Ingolstadt, die sich mit der kriminalistischen Aufarbeitung der Morde beschäftigt.
Bild: Claudia Deeney

Olaf Krämer hat vermutlich alle Spekulationen zum berühmten Sechsfachmord schon gehört. Der Königsbrunner weiß auch, was belegt ist und teilt dieses Wissen.

97 Jahre ist es jetzt her, dass auf dem Einödhof Hinterkaifeck eine Familie samt ihrer Magd brutal ermordet wurde. Der Königsbrunner Olaf Krämer befasst sich trotzdem oder gerade deswegen ständig mit dem Thema. Seit 2011 gehört er zur Internet-User-Gruppe www.hinterkaifeck.net, deren Administrator er heute ist, die die Informationen über den Fall öffentlich zugänglich macht.

„Wer die Morde auf dem Hof Hinterkaifeck begangen hat, wird sich nur noch aufklären, wenn der Mörder ein Geständnis in schriftlicher Form hinterlassen hat“, erklärt Olaf Krämer im Gespräch mit unserer Zeitung und fügt hinzu: „Und falls heute ein Beleg dieser Art auftauchen sollte, müsste dieser allen Prüfungen standhalten.“ Das würde nicht nur bedeuten, dass so ein Schriftstück entsprechend alt sein, sondern sich auch als schlüssig erweisen muss.

Der Königsbrunner will nicht die Sensationslust befeuern, sondern sachlich informieren

Der 53-jährige Königsbrunner befasst sich mit der Kriminologie um die Morde auf dem Einödhof im Jahr 1922 und kennt sich bestens mit den Geschehnissen von damals aus. Zu seinem Forum gehören rund 1150 aktive Nutzer, darunter sind nicht nur Menschen aus ganz Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich und Amerika. Ziel der aktiven Nutzer ist nicht, die Sensationslust am Mysterium um das Verbrechen in der Nähe von Schrobenhausen zu befeuern, sondern sich sachlich und fachlich mit dem Fall zu beschäftigen.

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Das macht Olaf Krämer auch deutlich klar; sein Bestreben ist es, Fakten zu sammeln und nach Möglichkeit den Ursprungsquellen so nahe wie möglich zu kommen. Dazu gehören Besuche in den Staatsarchiven Augsburg und München und auch persönliche Kontaktaufnahmen mit Zeitzeugen aus der Gegend beziehungsweise deren Nachfahren.

Die Tochter liefert den Auslöser für Olaf Krämers Faszination

Auslöser, sich überhaupt mit den Morden auf dem entlegenen Bauernhof auseinanderzusetzen, war seine Tochter Isabell. Sie hatte das Buch „Tannöd“ im Gymnasium Königsbrunn im Unterricht besprochen und ihr Vater las es dann anschließend ebenso. Im Buch wird eine fiktive Geschichte erzählt, die sich an das Verbrechen von 1922 anlehnt, aber einen Täter liefert. Krämer wollte dem realen Fall auf den Grund kommen und beschäftigte sich mit dem Thema: „Das hat Suchtpotenzial, ganz klar.“

Die Recherchen gestalteten sich schwierig, weil ein Großteil der Akten 1944 beim Bombenangriff auf das damalige Justizgebäude in Augsburg verbrannten. Somit sind die damaligen Ermittlungsergebnisse sowie die sechs Schädel der Opfer und die Tatwaffe unwiederbringlich verloren. 1951 griff die Augsburger Justiz den Mordfall noch einmal auf, weil sich die seinerzeit gültige Verjährungsfrist von 30 Jahren näherte.

30 Jahre nach der Tat wird der Fall Hinterkaifeck nochmals aufgerollt

Ein Aufruf erfolgte an alle Polizeidienststellen; es galt zu prüfen, wer noch Akten zum Fall Hinterkaifeck oder Asservate gelagert hat. „Eine letzte Ermittlungswelle startete und alle auffindbaren Aufzeichnungen wurde zusammengeführt und erneut untersucht“, erzählt Krämer. Einen Täter konnten aber auch die Ermittler 30 Jahre später nicht einwandfrei benennen, sodass der Fall nie aufgeklärt wurde. Dieses Mysterium interessiert viele Menschen, sie rätseln, konstruieren Lösungen und setzen auch Gerüchte in die Welt.

Wer sich jedoch so wie der 53-Jährige mit Hinterkaifeck befasst, gibt sich nicht mit Gerüchten ab. Er kennt sie alle und auf Fragen, warum man denn die Toten heute nicht noch einmal exhumiere und obduziere, um mittels neuer Methoden vielleicht neue Resultate zu erzielen, antwortet er: „Erstens bin ich dagegen, die Totenruhe zu stören und zweitens, was soll das bringen?“ Die Forensik könne zwar heute beweisen, wer die Väter der ermordeten Kinder waren, aber wer der Mörder ist, wäre trotzdem genauso unklar wie vorher auch. Wie die Bewohner zu Tode kamen, wurde zweifelsfrei festgestellt, genauso wie die Tatsache, dass ziemlich viel vorhandenes Bargeld gestohlen wurde.

Königsbrunner stellt ermittelnden Polizisten ein gutes Zeugnis aus

„Die Polizei hat für ihre damaligen Verhältnisse und Möglichkeiten sehr gut gearbeitet und ermittelt“, stellt Krämer fest. Dieser Punkt des Verbrechens – wie sorgfältig hat die Polizei 1922 den Fall untersucht – ist eines der Hauptaugenmerke von Olaf Krämer bei seinen Recherchen. So entstand auch die Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseum Ingolstadt 2016, deren Kurator er ist und die bis vor Kurzem lief.

Die Besucherzahlen waren viel höher als erwartet und die Ausstellung wird wahrscheinlich nach einer Modernisierung und Erweiterung in der ein oder anderen Form weitergehen, wie Krämer erklärt: „Was man dort sehr gut sehen und erleben kann, ist die Zeit, in der sich die Hinterkaifeck-Morde ereignet haben.“ Denn natürlich könne man diese nicht losgelöst sehen. Um zu verstehen, vor welchen Problemen die Ermittler standen, muss sich der Interessierte mit den damaligen Verhältnissen und Lebensumständen vertraut machen. Bevor überhaupt ein Polizist vor Ort Beweise sichern konnte, sei das halbe Dorf schon durch den Tatort marschiert. Auch sei dies der erste Fall gewesen, bei dem die Dorfpolizei durch eine Münchner Polizeieinheit unterstützt wurde, was sicher auch nicht ganz einfach war für alle Beteiligten.

Mordmotiv Hinterkaifeck: Persönlicher Hass, ein Waffenlager oder doch ein Raubmord?

Die enorme Energie des Mörders lässt viele Menschen heute vermuten, dass ein persönliches Hassmotiv der Auslöser für die Bluttat gewesen sein muss. Das ist aber so nicht als alleiniges Motiv zu interpretieren, wenn man weiß, dass in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg insgesamt eine Verrohung in der Gesellschaft herrschte. In Bayern gab es beispielsweise um 1919 blutige Aufstände. Resultierend aus den selbst gegründeten Einwohnerwehren und vielen Unruhen, wurde die private Haltung von Waffen verboten. Als Folge davon wurden diese von der Bevölkerung versteckt. So entstanden Mutmaßungen, der Bauer habe ein Waffenlager gehabt und wurde deshalb von einem Rollkommando getötet, genau wie seine Familie, damit es keine Zeugen gibt.

So vieles ist möglich, Erbschaftsmotive, Hass, Waffenlager, oder ganz einfach Raubmord – belegt ist nichts. Da die Gerüchtebildung wohl nie aufhören wird, möchte Olaf Krämer die Menschen, die sich für das Thema Hinterkaifeck interessieren, über belegte Tatsachen informieren. Dazu gehört, dass er Führungen vor Ort anbietet, in Zusammenarbeit mit dem Gasthof Bogenrieder in Waidhofen. Zusammen essen, auf der fünf Kilometer langen Nachtwanderung unter anderem den Friedhof sehen, wo die Opfer begraben liegen, und Abschlussgespräche bei einem Umtrunk sollen den Menschen zeigen: „Hier hat ein entsetzliches Verbrechen stattgefunden, es wurde nie aufgeklärt. Aber die teils wilden Spekulationen sind heute noch für die Nachkommen der Opfer und der damals Tatverdächtigen eine Belastung und sollten unterlassen werden.“

Weitere Informationen unter www.hinterkaifeck.net. Mehr zur Führung unter www.gasthof-bogenrieder.de.

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