Newsticker

Teil-Lockdown bis 10. Januar 2021 verlängert - Söder deutet Verschärfung an
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Extremerfahrung für das Publikum

Graben

26.10.2017

Extremerfahrung für das Publikum

Susanne Niemann nahm mit Texten das Gräbinger Publikum im Büchereibistro mit in Denken und Fühlen von vier starken Frauen – blind tastend wie Marina Abramovic.
Bild: Petra Manz

Susanne Niemann führt die Zuhörer in Graben in die Gefühlswelt von vier starken Frauen ein. Es werden Schläge angedeutet, Personen minutenlang angestarrt und Haare abgeschnitten.

 „Ich bin eine freie Frau“ – unter diesem Titel führte Susanne Niemann eine szenische Lesung im Gräbinger Büchereicafé auf. Mutige drei Männer unter den gut 20 sonst weiblichen Zuhörern folgten Niemann in die Gedanken- und Gefühlswelt von vier starken Frauen: Marina Abramovic, Katharina von Siena, Susan Sontag und Françoise Giroud. Sie alle „verbindet eine konsequente, intuitive und zugleich intellektuell-visionäre Lebenshaltung“, so Niemann in ihrer Einführung.

Mit der serbischen Performance-Künstlerin Abramovic setzte Niemann einen eindrucksvollen Auftakt und das Publikum spürte, was die Referentin mit ihrer Ankündigung „es könnte sperrig werden“ gemeint hatte. Denn Abramovic, deren Performances ihr Publikum im tiefsten Inneren nahezu aufspießen, erregt unter anderem durch den Workshop „Cleaning the House“ Aufsehen. Vier Tage, die auch Niemann als Teilnehmerin mit Abramovic teilte: Fasten, Schweigen und an einem Tag nur mit einer Augenbinde durch das große Haus mit Treppen zu laufen, um Vertrauen zu gewinnen. Und Niemann tastet sich mit Augenbinde im Raum gehend in Richtung des Publikums vor.

Niemann blickt Zuschauerin minutenlang in die Augen

Oder die Performance „The Artist is Present“ im Museum of Modern Art, wo Abramovic den Begriff von Zeit zur Kunstform erhebt und drei Monate lang Tag für Tag dem jeweiligen Museumsbesucher in einer von diesem bestimmten Zeit gegenübersitzend in die Augen blickt und an die Grenzen des Ausharrens bringt. Das Publikum bekam eine Ahnung von dieser Extremerfahrung, als sich Niemann vor eine Zuhörerin platziert und ihr wenige „ganz schön lange“ Minuten in die Augen blickt. „Kunst muss verstören, muss wahr sein“, so einer der Leitsätze von Abramovic. Und Niemann nähert sich Zuhörern und schlägt ihnen „Aaah rufend“ andeutungsweise ins Gesicht.

Nicht weniger extrem und genau so konsequent im Denken und Handeln die italienische Mystikerin Katharina von Siena: Mit kirchenmusikalischer Untermalung und einem schwarzen Tuch über dem Kopf führt Niemann durch Leben und Wirken von Katharina. Sie, deren Mutter ihr in früher Jugend für bessere Hochzeitschancen die Haare blond färbte, scherte sich kurzerhand die Haare radikal. Damit war sie nicht verheiratbar. Und Niemann demonstrierte den Akt des Haare-Schneidens mit Schere und einer eigenen Strähne.

Katharina folgte schon im Jugendalter kompromisslos dem Weg des asketischen Rückzugs, des Schweigens, ihrer Berufung zum Dienst und zur Liebe am Nächsten folgend. Ihr Credo: „So muss also zuerst lieben, wer Liebe will“ leitete sie bis zu ihrem Tod mit 33 Jahren.

Das Streben nach dem Überdurchschnittlichen

Nach der Pause setzte Niemann die Lesung mit Susan Sontag fort und brachte mit Auszügen aus dem ersten Band ihrer Tagebücher dem Publikum Biografie und Gedankenwelt der amerikanischen Intellektuellen als Höhenflug und Esprit und zugleich tragische Selbstreflexion nahe. Von Lebenshunger getrieben folgte Sontag seit früher Jugend dem Leitsatz: „Ich muss mein Leben so verändern, dass ich es leben kann, statt auf es zu warten.“ Anliegen der Emanzipationsbewegung auf Gleichberechtigung der Geschlechter waren ihr zu mittelmäßig, schlicht zu langweilig. Sie strebte nach dem Überdurchschnittlichen, dem äußerst Begabten, einer Veränderung zu allererst bei und in den Frauen selbst.

Mit Françoise Giroud, deren Autobiografie „Ich bin eine freie Frau“ den Titel zur Veranstaltung stiftete, setzte Niemann ein Ausrufezeichen in der Frauenporträt-Reihe. Diese schöne, strahlende Akteurin der Pariser Politszene, Verkörperung der Frauenemanzipation à la française, offenbart sich posthum als eine zutiefst verletzte Frau. Das Manuskript aus dem Sommer 1960 wurde vor einigen Jahren zufällig in einer Archivschachtel entdeckt. Es offenbart den Schmerz und die Verzweiflung der erfolgreichen und charmanten Frau, als sie von dem Journalisten und ihrem Lebensgefährten Jean-Jacques Servan-Schreiber für eine jüngere verlassen wird. Giroud, die vorher auf Wunsch des Partners ihr Kind abgetrieben hat, muss mit ansehen, wie er mit der jüngeren Frau Vater von vier Kindern wird. Mit 44 Jahren unternimmt sie einen Selbstmordversuch.

Girouds Mut und Stärke als Frau, so wird in dem an die Lesung anschließenden Austausch zwischen Zuhörerinnen und Referentin klar, zeigt sich gerade in ihrer selbstoffenbarten Verletzbarkeit und Schwäche. Ein Gedanke, den die starken Frauen im Publikum bewegt mit nach Hause nahmen.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren