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Extremsport

12.09.2019

Fast 60 Stunden am Stück auf dem Rad

Hubertus Reichert saß bei der Radrundfahrt Paris–Brest–Paris fast 60 Stunden am Stück auf dem Rad. Foto: Gertraud Reichert

Hubertus Reichert fuhr über 1200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück. Wie der Bobinger dazu kam und was ihn antreibt.

Ein Tag ohne Radfahren ist für Hubertus Reichert ein verlorener Tag. Bei jedem Wetter fährt er zu jeder Jahreszeit fast täglich von seinem Haus in der Bobinger Point zu seiner Arbeitsstelle nach Augsburg, und am Wochenende sind dann Familienradtouren mit der Ehefrau und manchmal auch seinen beiden Söhnen angesagt. Das ist noch einigermaßen normal, doch was der 55-Jährige im August in Frankreich geleistet hat, übersteigt die Vorstellungen auch der passioniertesten Hobbyradler bei Weitem.

Dort findet alle vier Jahre die große Radrundfahrt Paris–Brest–Paris statt, ein Ereignis, an dem rund 6500 Radler aus aller Welt teilnehmen. Diese Randonneur ist kein Radrennen, sondern eine Tour, zu der keine Radprofis zugelassen sind. Denn es geht nicht darum, als Schnellster ins Ziel zu kommen, sondern die 1220 Kilometer innerhalb eines Zeitlimits von maximal 96 Stunden zu bewältigen. Zugelassen werden nur Radfahrer, die sich vorher in vier Qualifikationsbreviers als Ausdauerradler erwiesen haben. Hubertus Reichert absolvierte die Qualifikation bei einem anerkannten Veranstalter in Treuchtlingen.

Vier Tage Zeit

Nachdem die Randonneur 2019 im Schloss Rambouillet im Südwesten von Paris gestartet worden war, hatten die Teilnehmer vier Tage Zeit, um nach Brest an die Atlantikküste und wieder zurück nach Rambouillet zu fahren. Die Zeiteinteilung ist dabei jedem selbst überlassen. Viele nehmen Schlafsäcke oder Decken mit, um ein paar Stunden zu schlafen. Auch eine Übernachtung in einem Hotel oder Gasthof ist erlaubt. Man muss nur innerhalb von 96 Stunden auf der vorgegebenen Strecke auf Landstraßen wieder zurückkommen. An 15 Kontrollstellen werden die Radler anhand ihrer Fahrerkarte registriert, und dabei kann auch Verpflegung aufgenommen werden.

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Hubertus Reichert entschied sich dazu, am Montagmorgen um 5.15 Uhr zu starten und möglichst ohne Pause durchzufahren. Jede Viertelstunde werden 300 Radfahrer in Intervallen auf die Strecke geschickt. Mit seinem Langstreckenrad „Specialized Diverge Gravel Bike“ bewältigte Reichert die 1220 Kilometer in sage und schreibe 59 Stunden. „Nur zweimal habe ich mich mal etwa eine Stunde lang an den Straßenrand gelegt und die Augen zugemacht. Wegen der Kälte in der Nacht bin ich aber schon bald wieder aufs Rad gestiegen“, sagt der durchtrainierte 55-jährige.

Fast immer Gegenwind

Für die Radbeleuchtung verwendete er einen Nabendynamo. Wegen des wechselhaften Wetters hatte er auf der hügeligen Strecke durch die Bretagne an allen drei Tagen Gegenwind. Reichert war von der Volksfeststimmung entlang der Strecke begeistert. „Die Franzosen feiern dieses Ereignis und reichen den Fahrern auch mal Kaffee oder kalte Getränke“, erzählt er. Bei der Ankunft gegen 16.15 Uhr im Schlosshof von Rambouillet wurde den Ausdauerradlern das Essen an die Tische getragen. „Das ist notwendig, weil die Finger nach den vielen Stunden auf rauem Asphalt so klamm und taub sind, dass dem einen oder anderen die Teller aus der Hand fallen. Meine Finger sind heute noch etwas taub“, erklärt Reichert.

In 59 Stunden hat er 12000 Höhenmeter über 320 Hügel bewältigt und dabei 47000 Kalorien verbraucht. Ehefrau Gertraud begleitete die Tour mit Bekannten im Auto und Übernachtungen im Zelt. Sie begleitet ihren Mann seit Jahren bei allen seinen Extremradtouren.

Angefangen hat der Qualitätsmanager eines Maschinenbauunternehmens im Jahre 1994 mit Mountain-bike-Marathons. Mit der Zeit entdeckte er seine Leidenschaft für Langstrecken auf der Straße. Einmal jährlich fährt er nonstop zum Gardasee, nahm schon an der „Elbspitze-Fahrt“ von Dresden bis zum Timmelsjoch, am 24-Stunden-Rennen von Kelheim und an der Fahrt von Trondheim nach Oslo teil. „Radfahren ist für mich ein toller Ausgleich für den stressigen Bürojob. Und es ist natürlich auch eine Herausforderung, seine Grenzen auszutesten. Aber ich genieße auf dem Rad auch die Natur“, sagt der Bobinger.

Die Randonneur 2019 Paris–Brest–Paris des Veranstalters Audax Club Parisien war seine Premiere, die er in vier Jahren gerne wiederholen möchte. „So viele Teilnehmer aus aller Herren Länder findet man sonst nirgends“, sagt der in Mallersdorf (Niederbayern) geborene Reichert, der mit sieben Jahren mit seinen Eltern nach Inningen kam und seit 1988 mit seiner Familie im Eigenheim in Bobingen wohnt.

15.000 Kilometer im Jahr

Insgesamt kommt Reichert auf eine Jahresleistung von 14000 bis 15000 Kilometer auf seinen sieben Fahrrädern, die in seiner Garage stehen. Als nächstes Ziel denkt er an die Mille du Sud, eine 1000 Kilometer lange Rundfahrt im Süden Frankreichs.

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