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Königsbrunn

06.09.2015

Fasziniert vom „Mäusekrieg“

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4 Bilder
Ein Ausschnitt aus der Rekonstruktion des Wandgemäldes "Der Augsburger Mäusekrieg
Bild: Dr. Heinz Fischer / Quelle: Stadtarchiv Königsbrunn

Buch-Projekt Ein altes Wandgemälde beim Augsburger Dom beschäftigte den Naturforscher Dr. Heinz Fischer über mehrere Jahrzehnte hinweg. In Königsbrunn wird nun ein Buch über sein Wirken vorgestellt

In den Ruinen des befreiten Augsburg entdeckte Walter Gross im März 1946 nicht weit vom Dom Reste eines von den Kriegszerstörungen freigelegten Wandbildes an der Westseite des Hauses Peutinger Straße 5. Es war die Entdeckung des „Augsburger Mäusekrieges“. Mit seinem Freund Richard Kurz legte Dr. Heinz Fischer das Fresko in mühevoller Kleinarbeit frei.

Das Werk fasziniert Fischer von der ersten Minute an. „Gemaltes Mauerwerk wurde sichtbar, seltsame Tiergestalten tauchten auf, ein Turm, ein Erker, eine Leiter, darauf eine gepanzerte Maus. Es wurde immer spannender. Kaum blieb die Zeit, um weiteres Werkzeug zu holen. Es wurde zu spät Tag und zu früh Nacht, das Bild ließ mich nicht mehr los“, schreibt er fast 30 Jahre später in den „Augsburger Blättern“ 1975 über den „ Augsburger Mäusekrieg“. Der Text ist im Sammelband mit vielen Bildern abgedruckt.

Die Freunde legen eine Bilderfolge von acht Metern Breite und zwei Metern Höhe frei, pausen das Motiv ab, kopieren es in verschiedenen Maßstäben. „Was das bloß bedeuten soll? Uns war keinerlei Vergleich bekannt“, schreibt Fischer. „Es war etwas Einmaliges, etwas unerhört Wertvolles. Wir spürten den Schauer einer fernen Zeit und sahen, dass das kein reiner Hausschmuck war, sondern eine Botschaft oder eine Weisheit, die unbedingt an spätere Augsburger überliefert werden sollte. Aber welche? Wir hatten keine Ahnung, dass uns diese Fragen etliche Jahrzehnte beschäftigen sollten, auch heute noch.“

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Nach langer Recherche datiert Fischer das Wandgemälde auf das Jahr 1295. Es zeigt neben drei Wappenschilden und anderen Tierdarstellungen unterschiedlich bewaffnete Mäuse beim Erstürmen einer Burg. Die wird von größeren Tieren in Rüstung verteidigt. Sonst zu sehen: ein Storch und ein Fuchs sowie ein Rabe mit Ring im Schnabel.

Fischer sieht darin nach langer Forschung allegorische Darstellungen vom Sturm auf die Häuser des Augsburger Domkapitels (1248), vom Sieg Augsburgs über das Heer des Wittelsbachers Ludwig dem Strengen am Hamelberg (1270), die Königswahl Rudolfs (1273) und die Erhebung Augsburgs zur Freien Reichsstadt (1276) sowie Ottokars Tod 1278. Diese Erkenntnisse allein stellen ihn aber nicht zufrieden. „Bei der Bearbeitung des Mäusekriegs tauchten so viele Fragen zur Geschichte Augsburgs auf, die eine eigene Klärung erforderten“, schreibt er in seinem Aufsatz. Die vielen Fragen zum Wandbild führen Heinz Fischer tief in die Geschichte der Mäusekriege und Tierfabeln.

Er begibt sich auf eine jahrzehntelange Spurensuche zu dieser Erzählung vom Kampf um die Freiheit, die um 1200 durch Kreuzritter nach Europa gelangte – auch nach Augsburg.

Fischer durchforscht Zeugnisse aus vier Jahrtausenden, aus mehreren Kontinenten. Insgesamt entdeckt er 56 Darstellungen und Texte aus Assyrien, Ägypten, Persien, Griechenland, Indien, Syrien, Arabien, Russland, Italien und Deutschland. Er stellt diese in einem „Stammbaum des Mäusekrieges“ chronologisch geordnet zusammen.

Dass der „Augsburger Mäusekrieg“ öffentlich wirken sollte, steht für ihn fest: „Für dieses Wandbild wurde der meistbegangene Platz Augsburgs gewählt, die nördliche Einfahrt zum Königshof, an der Giebelseite des Stadtvogthauses. Es wurde so groß gemacht, dass es nicht zu übersehen war. (...) Es war eine große öffentliche Urkunde, jederzeit und jedermann zugänglich. Den Augsburger Bürger mahnte sie, die Kenntnis der Vergangenheit wachzuhalten, das Erreichte zu bewahren und für seine Erhaltung Sorge zu tragen. Die anderen aber warnte sie, dass sie bei jedem Versuch des Unterwerfen-Wollens mit einer unerbittlichen Abwehr rechnen müssen.“

Mit 23 Texten von 15 Autoren lotet das zweibändige Werk „Dr. Heinz Fischer – Leben und Werk eines Universalgelehrten“, herausgegeben von Albert Teichner und Christoph Zieher als Auftakt einer „Wissenschaftlichen Schriftenreihe des Begegnungslandes Lech-Wertach“, das Wirken des Augsburger Naturwissenschaftlers aus, dessen Nachlass das Stadtarchiv Königsbrunn aufbewahrt.

Vorgestellt wird der Band „Dr. Heinz Fischer – Leben und Werk eines Universalgelehrten“ (mit Unterstützung der LEW) am Mittwoch, 9. September, um 19 Uhr im Königsbrunner Rathaus.

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