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Verärgerter Mann übt Selbstjustiz

08.10.2009

Faustrecht gegen die Klingelputzer

Schon zu allen Zeiten war das "Klingelputzen", also das anonyme Läuten an Nachbars Haustür, eine beliebte Freizeitbeschäftigung unter Jugendlichen. In einer nördlichen Landkreisgemeinde freilich hatten die Klingelstreiche böse Folgen - für alle Beteiligten. Von Klaus Utzni

Landkreis Augsburg Schon zu allen Zeiten war das "Klingelputzen", also das anonyme Läuten an Nachbars Haustür, eine beliebte Freizeitbeschäftigung unter Jugendlichen. Das Opfer ärgerte sich, die "Klingel-Gang" freute sich diebisch. In einer nördlichen Landkreisgemeinde freilich hatten die Klingelstreiche böse Folgen - für alle Beteiligten. Gestern beim Augsburger Amtsgericht geriet ein Prozess gegen einen erbosten Hausbesitzer zu einem Lehrstück über Selbstjustiz, aber auch über die Grenzen übler jugendlicher Späße.

Es war drei Tage vor dem Heiligen Abend 2008, als die Gruppe Jugendlicher - wieder einmal - an der Haustüre der Familie eines 49-jährigen Mannes die Klingel drückte und sich eiligst davonmachte. Der Familienvater legte sich hinter der Tür auf die Lauer. Als es bald darauf wiederum klingelte, riss er die Türe auf und verfolgte die "Klingel-Gang". Vergebens.

Zusammen mit seiner Frau fuhr er später mit dem Auto noch die Straßen ab. Und siehe da: Er bemerkte einen Jugendlichen, den er aufgrund seiner Schnürsenkel, seiner Figur und einer Kapuze als einen der Übeltäter erkannt haben wollte. Er packte den damals 15-Jährigen, schlug ihm die Faust ins Gesicht, würgte ihn und trat ihm gegen das Schienbein. Dann zerrte er den Burschen ins Auto, sperrte ihn zu Hause in seine Garage ein und rief die Polizei. Fatal, dass er den Falschen erwischt hatte. Jetzt saß der Mann, der Selbstjustiz geübt hatte, unter der Anklage der Körperverletzung und Freiheitsberaubung vor Jugendrichter Dr. Roland Christiani.

Faustrecht gegen die Klingelputzer

"Ich habe die Beherrschung verloren, mir sind die Nerven geplatzt. Aber ich hätte das nicht tun sollen", zeigt der Mann jetzt Einsicht, obwohl er sich, wie er sagt, "damals im Recht sah". Er schildert dem Gericht, wie der "monatelange Klingel-Terror" an jenem Abend "seinen Höhepunkt erreicht" hatte. Seine Frau habe aufgrund der ständigen nächtlichen Belästigungen einen Hörsturz erlitten, seine Tochter über Schlafstörungen geklagt. Und am folgenden Tage sei die Beerdigung der besten Freundin seiner Frau angesetzt gewesen. "Wir saßen alle traurig zusammen, und dann hat es wieder geklingelt." Er habe letztlich nur seine Familie schützen wollen, beteuert er. Selbst wenn die "menschliche Motivlage" nachvollziehbar wäre, selbst wenn er den Richtigen erwischt hätte, so macht Richter Christiani deutlich, habe der Angeklagte nicht das Recht auf Selbstjustiz. Man könne einen Übeltäter festhalten, bis die Polizei komme, aber nicht mehr. Nicht schlagen und nicht einsperren.

Auf Anregung von Verteidiger Dr. Hermann Christoph Kühn und mit Zustimmung von Staatsanwältin Sandra Marx stellt das Gericht das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße von 2000 Euro an Unicef (dieselbe Summe wie im Strafbefehl) vorläufig ein. Dies bewahrt den unbescholtenen Familienvater vor einem Eintrag ins Strafregister.

Was die Mutter des jugendlichen Opfers nicht versteht. Sie steht im Gerichtssaal auf und sagt: "Das finde ich nicht okay. Mein Sohn hatte damals Todesängste." Am Ende wird auch die gesamte vierköpfige "Klingel-Gang" vom Gericht noch ordentlich "zusammengeputzt". Damit die Ruhe, die im Dorf inzwischen eingekehrt ist, auch anhält.

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