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Prozess in Augsburg

21.08.2019

Getöteter Leiharbeiter in Schwabmünchen: Jetzt sprechen die Gutachter

Ruhig und idyllisch liegen diese Pension und das Restaurant in der Wertachau-Siedlung in Schwabmünchen. Dort wurde vergangenes Jahr ein Este erschlagen.
Bild: Michael Lindner

Der angeklagte Litauer, der einen Esten in Schwabmünchen erschlagen haben soll, wurde bei dem Vorfall selbst verletzt. Was in der Tatnacht in der Pension passiert ist.

Der Gang im ersten Stock ist schmal und dunkel – selbst bei eingeschaltetem Licht, erhellt sich der Flur der beliebten Ausflugspension in der Wertachau-Siedlung in Schwabmünchen nur bedingt. Dort, vor einem Büro und zwei Gästezimmern, in unmittelbarer Nähe eines Feuerlöschers, wird ein 46-jähriger Mann an einem frühen Samstagmorgen des vergangenen Jahres tot aufgefunden: Es ist ein estnischer Leiharbeiter, der nur wenige Stunden zuvor mit seinem Zimmerkollegen – gegen den ein Verfahren in der Zwischenzeit eingestellt wurde – und dem angeklagten 40-jährigen Litauer reichlich Alkohol getrunken hat. Was genau in dieser verhängnisvollen Juninacht geschehen sein könnte, darüber sprachen nun mehrere Gerichtsmediziner, Gutachter und Polizisten.

Der vor der 8. Strafkammer des Landgerichts wegen Totschlags angeklagte Litauer soll laut Anklage nach einem gemeinsamen Trinkgelage auf den 46-Jährigen gegen 4 Uhr nachts mehrfach mit Händen beziehungsweise Fäusten eingeschlagen sowie mit den Füßen getreten haben. Und zwar so heftig, dass der estnische Leiharbeiter schwerste Gesichtsverletzungen, darunter ein Nasenbeinbruch und massivste Schwellungen, erlitt. Dabei verlor der Leiharbeiter durch Nase und Mund so viel Blut, dass er dieses einatmete. Doch nicht nur das: Auch im Halsbereich gab es laut dem Gutachter gravierende Verletzungen, darunter ein Kehlkopfbruch. Die exakte Todesursache kann laut Experten nicht festgestellt werden, da sowohl die Halsverletzungen als auch das eingeatmete Blut tödlich sein können. (Lesen Sie hier den Artikel vom ersten Prozesstag). Die Gutachter stellten fest, dass die Auseinandersetzung zunächst im vorderen Bereich des Flurs begannen haben muss und sich dann einige Meter nach hinten Richtung Büro verlagert habe - darauf weisen Blutspuren an der Wand hin.

Blutspuren an der Wand, Glasscherben auf dem Boden

Der Este, der keine Abwehrspuren aufzeigte, starb innerhalb weniger Minuten nach der Attacke auf dem Rücken liegend auf dem Flur der Pension. Neben einer großen Blutlache auf dem Gang waren dort zudem etliche Glasscherben von Weingläsern sowie in den benachbarten Zimmern des Opfers und des Angeklagten verteilt. An mehreren Türen und Wänden waren ebenfalls deutliche Blutspuren zu sehen.

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Mehrere Polizisten bestätigten, dass der Angeklagte am Morgen nach der Tat deutlich nach Alkohol roch, sich aber relativ sicher bewegen konnte. Ein Arzt gab vor Gericht an, dass er „keine groben motorischen Ausfälle“ bei den unter anderem durchgeführten Koordinationstests feststellen konnte. Der 40-jährige Litauer hatte zum Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von rund 2,4 Promille, erklärte ein Gutachter. Demnach musste der Angeklagte etwa eine Flasche Schnaps sowie sieben bis acht Flaschen Bier getrunken haben. Der psychiatrische Gutachter stellte dem Mann ein problematisches Trinkverhalten aus, das bei ihm aber noch keine gesundheitsschädlichen Folgen zeigte. Eine derart hohe errechnete Alkoholkonzentration im Blut ohne größere Ausfallerscheinungen könne nur durch regelmäßiges und intensives Trinken erreicht werden.

Blut und Schnittwunden an Händen und Armen des ehemaligen Boxers

Der angeklagte Litauer, der als Jugendlicher und junger Erwachsener mehrere Jahre lang Boxer war, hatte an Händen und Füßen Blutspuren des getöteten Esten. Zudem wies er selbst mehrere Verletzungen auf: Am auffälligsten war für den Rechtsmediziner eine zum Teil sehr tiefe Schnittverletzung am Unterarm. Diese sei typisch bei Glasscherben. Ob diese allerdings durch einen Sturz oder eine Abwehrhaltung entstanden, könne er nicht mit Sicherheit sagen. Die geschwollene und zum Teil zerkratzte rechte Hand seien aus seiner Sicht typische Verletzungen, die beim Zuschlagen entstehen.

Ein Polizist, der den Angeklagten am Morgen nach der Tat bewachte, gab vor Gericht an, dass dieser Blut an den Händen hatte. Der Litauer wurde von bis zu drei Beamten bewacht, da er sehr kräftig ist – etwa 110 Kilogramm bei 1,86 Meter. „Ich möchte nicht alleine neben ihm stehen, wenn er um sich schlägt“, sagte ein Polizist vor dem Landgericht.

Der angeklagte Leiharbeiter, der von seinem Chef als zuverlässiger Arbeiter beschrieben wurde und zuletzt als Fahrer für ein Logistikunternehmen auf dem Lechfeld arbeitete, kann sich wegen des in der Tatnacht getrunkenen Alkohols, nur noch bruchstückhaft an den Vorfall erinnern. Ihm droht bei einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren. Der Prozess wird im September fortgeführt.

Lesen Sie auch: Angeklagter im Prozess um toten Leiharbeiter sagt aus

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