Newsticker
Notfallzulassung für Impfstoff von Johnson & Johnson in den USA
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Jennifer Harß - die Frau mit der Maske

Eishockey

26.01.2019

Jennifer Harß - die Frau mit der Maske

Jennifer Harß überzeugte mit zuletzt starken Leistungen.
Bild: Horst Plate

Jennifer Harß hütet das Tor des EHC Königsbrunn – allein unter Männern. Zweimal nahm sie an den Olympischen Spielen teil. Und ein US-Präsident schüttelte ihr die Hand.

Es ist Dienstagabend und das Tor des EHC Königsbrunn ist umzingelt. Im Halbkreis reihen sich die Feldspieler um das Gestänge, passen sich den Puck erst im Zickzack zu, um dann plötzlich und mit voller Härte auf das Tor zu schießen. Kein Verteidiger stellt sich zwischen die Angreifer und den Torhüter. Denn am Ende einer schweißtreibenden Trainingseinheit dürfen jetzt die Goalies ihre Reflexe testen.

Vor dem Netz geht Jennifer Harß in Hab-Acht-Stellung: Die Frau mit der Maske stellt sich den Schüssen entgegen, pariert mit dem Schläger und kniet sich nieder. Ihr Helm trägt die Nummer 30 und drei Farben: Schwarz, Rot und Gold. Im deutschen Frauen-Nationalteam ist Harß derzeit die Nummer eins im Tor – und seit Dezember spielt sie für den EHC Königsbrunn. Als einzige Frau, allein unter Männern.

Nervosität kennt Jennifer Harß kaum

„Dienstag ist immer das härteste Training für uns Torhüter“, hatte Harß zuvor noch erklärt, mit ruhiger, entspannter Stimme. Nun donnern Pucks lautstark gegen die Bande, während die 31-Jährige das Tor hütet. Als Goalie komme es nicht auf Kraft an, sondern auf Schnelligkeit, sagt sie. Und das macht sie sich zunutze, so besteht sie auch gegen männliche Konkurrenz. Harß beschreibt sich selbst als ehrgeizig und diszipliniert. Nervosität kenne sie kaum: „In den letzten Minuten vor einem Spiel werde ich ruhig und fahre herunter. Und dann spür ich die Vorfreude auf das Eis.“

Als sie zum ersten Mal auf Schlittschuhen stand, war Harß kaum vier Jahre alt, denn ihr Vater war selbst Eishockeyspieler. Sie wuchs in Füssen auf, mochte Fußball und liebte Tennis - doch am Ende entschied sie sich für Puck, Kufen und Schläger: „Dieser Sport ist abwechslungsreich, überraschend, schnell.“ Auch ihr Werdegang verlief rasant. Mit 15 spielte sie zum ersten Mal in einer Nationalauswahl. Zweimal nahm Harß an Olympischen Spielen teil, 2006 in Turin und 2014 in Sotschi. 2019 findet in Finnland die nächste Frauen-Eishockey-Weltmeisterschaft statt. Ob sie zum Einsatz kommt? „Die Chancen stehen nicht schlecht“, sagt sie.

Auf internationalem Eis scheint sich Harß wohl zu fühlen: 2009 bis 2012 spielte die Torhüterin in den USA für die University of Minnesota-Duluth. Amerika sei schon immer ihr Traum gewesen, sagt sie. „Dort spielen im Frauen-Eishockey die Besten der Besten.“ Es war dennoch ein großer Schritt für die Allgäuerin, zum ersten Mal spürte sie Nervosität. Doch sie legte die Aufregung ab und gewann mit ihrem Team die prestigeträchtige College-Meisterschaft. „Wir wurden ins Weiße Haus eingeladen, da gab es Kaffee und Kuchen im Garten“, erinnert sich Harß. Präsident Barack Obama schüttelte ihr die Hand.

Szenenwechsel: Deutschland, Eishalle Königsbrunn. Im vergangenen Jahr erlitt die 31-Jährige einen Kreuzbandriss, als sie noch in Sonthofen spielte, im Dezember wagte sie ihr Comeback beim EHC Königsbrunn. Dabei war es eine Rückkehr im doppelten Sinn: Schon einmal hatte die Allgäuerin hier gespielt, in der Saison 2012/2013 kam sie auf 15 Einsätze. Außerdem ist ihre Familie mit der Region verbunden, ihre Mutter stammt aus Augsburg, ihr Vater spielte einst mit Willi Bertele, dem Vorsitzenden des EHC. Bei ihrer Rückkehr 2018 habe sie das Team wieder herzlich aufgenommen, sagt Harß. „Strehler, Streicher, Zimmermann, viele der Spieler sind ja immer noch hier.“ Doch sie bemerkt auch Veränderungen. Früher mussten sich die Spieler in Containern umkleiden, heute gibt es einen Kabinentrakt. „Die Vorstandschaft arbeitet immer professioneller, man spürt, dass sie etwas voranbringen will“, sagt Harß.

Ausrüstung wiegt 20 Kilogramm

Wie schnell sich inzwischen die Technik im Eishockey weiterentwickelt, zeigt ihr Torhüter-Equipment: „Das wird jedes Jahr ein klein wenig leichter“, sagt sie. „Aber meine Ausrüstung wiegt trotzdem um die 20 Kilogramm.“ Das ist etwas weniger als ein Drittel ihres Körpergewichts. Und so steht sie in voller Rüstung auf dem Eis: Von den Leg-Peds, den Beinschonern, bis hin zum vergitterten Hightech-Helm und den Schlittschuhen.

Das sportliche Idol der 31-Jährigen steht allerdings nicht auf Kufen, sondern auf Skiern: Lindsay Vonn. Die US-amerikanische Sport-Ikone liebäugelt immer wieder mit der Idee, auch bei Männer-Rennen anzutreten, doch sie hat sich ihren Traum noch nicht erfüllt – im Gegensatz zu Harß. Zum ersten Mal stand die Torhüterin in der Saison 2009/2010 im Aufgebot einer Herren-Mannschaft. „Für die Männerwelt war das damals schon etwas irritierend“, sagt sie. „Aber in den letzten Jahren wird das immer mehr akzeptiert.“ Kann es einer Frau gelingen, auch in die obersten Eishockey-Ligen der Männer aufzusteigen? Harß ist skeptisch: „Es gab bisher noch keine feste Spielerin in der DEL.“ Vor zwei Jahren habe sie mit dem Zweitliga-Team von Ravensburg trainieren dürfen. „Da ist das Niveau schon noch einmal höher.“

20 Kilogramm wiegt die Ausrüstung von Jenny Harß - das ist rund ein Drittel ihres Körpergewichts. Die 31-Jährige steht im Tor des EHC Königsbrunn und war auch schon zweimal bei Olympia dabei.
Bild: Veronika Lintner

Im Tor des EHC Königsbrunn scheint der Unterschied zwischen Mann und Frau keine Rolle zu spielen. Wenn sich die vier Torhüter auf das Eis begeben, unterscheiden sie sich nur durch ihre Trikotnummern und Helme. Sie alle wetteifern um den Stammplatz in der Startaufstellung. Wie oft Harß noch in der Verzahnungsrunde der Bayernliga, im Kampf um den Aufstieg, aufs Eis darf, das könne sie selbst schwer einschätzen, sagt sie. „Ich kann nicht in den Kopf des Trainers blicken.“ Das gilt vor allem, da Coach Sven Rampf erst seit wenigen Wochen das Team leitet. Harß zeigt sich aber motiviert: „Jedes Spiel ist wichtig, es ist extrem eng in dieser Saison.“ Gerade in den letzten Begegnungen spielte sie sehr stark und wurde beim Derby in Landsberg zur besten Spielerin auf Seiten der Königsbrunner gewählt.

„International Marketing“ studiert

In der Saison folgt ihr Leben einem klaren Rhythmus: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag trainieren, Freitag und Sonntag ein Spiel. Wie viele erfolgreiche Wintersportler ist Harß Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Dafür musste sie unter anderem schon einen Feldwebellehrgang absolvieren – jedoch im Frühjahr, jenseits der Spielzeit. Abseits der Eisarena baut Harß auf gute Ernährung und Fitnesstraining, einen Yoga-Trainerschein hat sie auf Bali absolviert. Die 31-Jährige hat zudem „International Marketing“ studiert und könnte sich vorstellen, in dieser Branche zu arbeiten, wenn sie den Hockeyschläger einmal beiseitelegt. Doch im Sport wagt sie keine Zukunftsprognosen: „Ich denke und plane von Saison zu Saison.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren