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Schwabmünchen

07.12.2018

Jungwirth: Mit der Stimme Bilder im Kopf erzeugt

Christian Jungwirth erfreute die Zuhörer seiner Lesung nicht nur mit seiner Stimme.
Bild: Reinhold Radloff

Profisprecher Christian Jungwirth erfreut die Zuhörer in der Schwabmünchner Buchhandlung Schmid. Eine Frage bleibt unbeantwortet.

„Sind wir nicht zwei olle Dolle?“: So lautete der Titel des Abends mit dem Profisprecher Christian Jungwirth in der Buchhandlung Schmid in Schwabmünchen. Wie das wohl gemeint war?

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Besonders alt ist Christian Jungwirth mit seinen 53 Jahren noch nicht. Und auch sein musikalischer Begleiter an diesem Abend in der Buchhandlung, der Profiklarinettist Florian Ewald, ist noch weit vom Rentenalter entfernt. Also dürften die beiden, auch wenn sie einen vergnüglichen, interessanten und gekonnten Abend hingelegt haben, wohl mit dem Titel nicht gemeint sein. Wer dann?

Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky

Es kann sich ja wohl nur um Hans Gustav Böttcher und Theobald Tiger handeln, aus deren Werken gelesen wurde. Doch wer ist das? Na klar: Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky. Doch alt wurden die beiden ziemlich unterschiedlichen Dichter auch nicht (51 und 45 Jahre). Also kann der Titel nur ihrer „Berliner Schnauze“ zugeschrieben werden. Eine griffige Erklärung gab es allerdings nicht. Toll fand das Publikum den Abend allerdings schon.

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Das lag zum Großteil an Christian Jungwirth, der als Sprecher in den 20 Jahren seiner Profikarriere wohl kaum etwas ausgelassen hat, was in diesem Metier möglich ist: Synchronsprecher, Moderator, Radiosprecher, Werbung, Erklärvideos, Telefonansagen, Hörspiele und und und. Und außerdem ist er in Sachen Dialekt sehr gewandt, kann seine Stimme beinahe beliebig variieren und versteht es, sich insgesamt hervorragend in Szene zu setzen. Das kam an diesem Abend in der Buchhandlung Schmid besonders stark zum Ausdruck.

Christian Jungwirth liest Ringelnatz-Gedichte gestenreich

Welches der Ringelnatz-Gedichte Jungwirth in Schwabmünchen auch vorlas: Seine Gestik und seine Mimik unterstrichen den Inhalt, ob fröhlich, witzig, traurig, kritisch oder politisch, so gekonnt, dass vor dem geistigen Auge des Publikums Bilder im Kopf entstehen konnten, ob bei „Bumerang“, „Der Briefmark“, „Hafenkneipe“, „Am Barren“ oder „Die Seifenblase“, um nur ein paar der bekannteren Gedichte aus dem großen Gedichte-Schatz des hintergründigen und feinsinnigen Dichters zu nennen.

Politisch äußerste er sich nur wenig und eher versteckt. Vor allem das unterscheidet sein Schaffen von dem Kurt Tucholskys, einem seiner Freunde. Er war Linksliberaler, Pazifist und offen bekennender Gegner des politischen Zeitgeists, also der Weimarer Republik und des Hitler-Regimes. Er wurde des Reiches verwiesen und starb 1935 vermutlich durch Selbstmord in Göteborg. Tucholsky widmete sich aber auch Alltagsthemen wie dem Lächeln der Mona Lisa, dem Baby, dem schlechten Redner, dem Menschen allgemein, meist aber mit einem sehr kritischen Blick auf die Dinge.

Jungwirth verstand das hervorragend rüberzubringen, auch wenn es um die „Philosophie des Lochs“ oder die „Konjugation“ ging. Hans Grünthaler meinte nach der Veranstaltung: „Auch wenn Jungwirth aus einem Telefonbuch vorgelesen hätte, man hätte ihm begeistert zugehört.“

Der Buchhändler lobte aber auch die musikalische Begleitung durch Florian Ewald, der auf Klarinette, Saxofon und Fagott brillierte, begleitet von unzähligen unterschiedlichen Handmusikinstrumenten der besonderen Art, die Jungwirth rhythmisch spielte. (rr)

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