Königsbrunn

27.10.2017

Kraftvoll wie eine Düne

Diese Szene aus dem Film „Sandmädchen“ ist das Lieblingsbild von Veronika Raila.
Bild: worklights media Production/Mark Michel

Veronika Raila ist körperlich behindert und kann nicht sprechen. In Leipzig stellt sie beim internationalen Dokumentarfilmfestival ihren Film „Sandmädchen“ vor.

Veronika Raila sitzt in ihrem Rollstuhl. Um sie herum sind meterhohe Sanddünen. Ihre Mutter steht neben ihr und hält schützend einen Sonnenschirm über ihre Tochter. „Die Instabilität des Sandes und zugleich die Kraft der ganzen Düne spiegelt die Paradoxie meines Lebens am besten wieder“, erklärt die 25-Jährige. Das Bild ist eine Szene aus der Dokumentation „Sandmädchen“, in der Raila nicht nur Hauptperson, sondern auch Co-Autorin ist. Der Film feiert am 31. Oktober beim internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig Weltpremiere. Das Festival ist das größte und älteste deutsche Dokumentarfestival für künstlerische Dokumentarfilme.

Raila hat die beschriebene Instabilität durch ihren Körper. Die Königsbrunnerin ist von Geburt an behindert. Sie kann ihren Körper nicht kontrollieren und nimmt durch das Asperger-Syndrom nur eingeschränkt an der sie umgebenden Welt teil. Da sie nicht sprechen kann, kommuniziert Raila größtenteils über den Computer und benötigt dafür Hilfe: Ihre Mutter stützt die Hand ihrer Tochter, damit diese ihre Gedanken auf der Tastatur ausformulieren kann.

Ein Film von einem Menschen mit Behinderung

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In der knapp 90-minütigen Dokumentation sehen die Zuschauer laut Raila die Übersetzung ihrer inneren Gefühle und Sehnsüchte in Bildern. Regisseur Mark Michel hat Railas Alltag begleitet und zeigt ihre Lebensgeschichte sowie die Geschichte ihres Seins – im Äußeren wie im Inneren. Michel ist ein freier Filmemacher aus Leipzig und arbeitet als Autor unter anderem für das ZDF, 3sat und Arte.

„,Sandmädchen‘ ist die erste Dokumentation, die nicht nur über einen Menschen mit Behinderung geht, sondern von einem Menschen mit Behinderung ist“, erklärt ihre Mutter Petronilla Raila. Die 25-Jährige ist nicht nur Protagonistin, sondern auch Co-Autorin. Dokumentarfilmer Mark Michel produzierte bereits 2011 einen Film über die Königsbrunnerin. „Er fand, dass meine Geschichte im Kurzfilm einfach noch nicht zu Ende erzählt war“, sagt Raila. Deshalb arbeiten die beiden seit 2012 am zweiten Dokumentarfilm.

Wörter nach Klängen sortieren

Der Königsbrunnerin war es wichtig, als Co-Autorin mitzuarbeiten. Dadurch konnte sie ihre Sichtweise der Dinge miteinfließen lassen, sagt die 25-Jährige. Michel habe ihr Fragen zu ihrer Wahrnehmung und zu ihrem Empfinden gestellt. Er habe dann Bilder vorgeschlagen, wie er ihre inneren Gefühle und Sehnsüchte filmisch umsetzen wollte. „Einige gefielen mir, andere nicht“, sagt Raila. Der Regisseur habe passende Stellen aus ihren Texten herausgesucht. Der Film basiert vor allem auf Railas Essay „Sandmädchen“.

Während der Zusammenarbeit kam das Gespräch laut Railas Mutter auch auf Aspekte, die sie noch nicht aus dem Leben ihres Kindes wusste. Michel habe ihre Tochter zum Beispiel gefragt, was sie mache, wenn sie im Bett liegt. Ihre Tochter habe geantwortet, dass sie dann immer Wörter nach Klängen sortiert. „Ich konnte nur so viel von mir preisgeben, weil ich mir sicher war, dass Mark Michel damit sehr behutsam umgeht und nicht voyeuristisch arbeitet“, erklärt Veronika Raila. Laut ihrer Mutter ist der Regisseur inzwischen ein Freund für die Familie geworden.

Vorfreude auf die Reaktion des Publikums

Schwierig waren für Raila die Szenen, in denen sie beim Schreiben gefilmt wurde. Sie müsse sich beim Schreiben unglaublich konzentrieren, sagt die 25-Jährige. Das sei umso schwerer, wenn sie beobachtet werde, da sie dann immer Angst habe, etwas falsch zu machen. Das Team hat insgesamt an 31 Tagen gedreht, die auf zwei Jahre verteilt waren. Ihr Körper habe immer wieder Ruhepausen eingefordert, erinnert sich Raila. Deshalb wurden laut ihrer Mutter meist nur morgens und abends Szenen mit der 25-Jährigen gedreht. Mit dem Film möchte die Königsbrunnerin zeigen, dass es möglich ist, ohne Lautsprache zu kommunizieren. „Denn nur durch Kommunikation entsteht ein Ich“, erklärt sie.

Durch den Film möchte Raila außerdem erreichen, dass über die gängige Praxis nachgedacht wird, Menschen nach ihren prognostizierten Fähigkeiten einzustufen. Sie selbst sei als Kind als nicht lernfähig eingestuft worden. Ihr wurde ein Intelligenzquotient von Null bescheinigt. Die Königsbrunnerin hat den fertigen Film bereits gesehen und ist mit dem Ergebnis zufrieden. Auf die Premiere in Leipzig und die Reaktionen des Publikums freut sie sich schon riesig. Ihr sei aber auch ein bisschen mulmig zumute, da viele fremde Menschen das sein werden. Bevor sie mit ihren Eltern zum Dokumentarfilmfestival fährt, stehe jedoch erst noch ein Friseur- und Kosmetikbesuch an.

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