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Schwabmünchen

08.05.2015

Kriegsenede vor 70 Jahren: Ein Mord und ein letztes Gefecht

Elmar Pfandzelter, Altbürgermeister und Ehrenbürger von Schwabmünchen, erinnert sich noch lebhaft an das Kriegsende vor 70 Jahren.
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Elmar Pfandzelter, Altbürgermeister und Ehrenbürger von Schwabmünchen, erinnert sich noch lebhaft an das Kriegsende vor 70 Jahren.
Bild: Reinhold Radloff

Schwabmünchens Alt-Bürgermeister Elmar Pfandzelter erlebte das Töten direkt vor und nach der Kapitulation.

Seine Kriegserlebnisse hallen in Elmar Pfandzelter in Schwabmünchen noch immer nach. Vor allem die Stunden vor und nach der Kapitulation Deutschlands heute vor genau 70 Jahren. Dabei erlebte er einen Mord, 15 Minuten bevor der Krieg vorbei war. Und dann folgte doch noch ein Gefecht: Deutsche gegen Russen unter den Augen von Engländern.

Elmar Pfandzelter, heute im gesegneten Alter von fast 91 Jahren, körperlich und geistig trotz seiner schlimmen Erlebnisse in einem erstaunlich guten Zustand, schaffte es, die Kriegsjahre dadurch zu verarbeiten, dass er seine schrecklichen Erlebnisse niederschrieb. Und einige davon, direkt um das Datum der Kapitulation, schilderte er nun 70 Jahre später nochmals.

Bereits am Tag seiner Entlassungsfeier als Absolvent der städtischen höheren Handelsschule Augsburg am 26. März 1942, hatte Elmar Pfandzelter seine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst nach Pfronten erhalten. Damit begann für ihn ein Leidensweg, gezeichnet von schwerster Arbeit, schlimmer Krankheit, lebensgefährlichem Fronteinsatz in Finnland, harter Gefangenschaft und glücklicher Heimkehr.

Kurz vor Kriegsende 1945: Elmar Pfandzelter, Obergefreiter und Funker, liegt mit seiner Einheit, der Aufklärungsabteilung 112, bei Signaldaten in Finnland, nahe dem Nordkap. In seiner Telefonvermittlung kommt ein unglaubliches Gespräch an, das er unerlaubt mithört. Darin ist von „bedingungsloser Kapitulation“ die Rede, die unmittelbar bevorstehe. Ein Begriff, den es im Wortschatz der Soldaten gar nicht gab.

Ganze 15 Minuten vor Inkrafttreten dieser herrlichen Mitteilung am 8. Mai 1945, die allerdings noch nicht weiter durchgedrungen war, hörte Pfandzelter Schüsse vom Talende, etwa einen Kilometer entfernt, wo eine Einheit der deutschen Gebirgsartillerie lag. „Jetzt kommen die Russen doch noch“, waren seine angstvollen Gedanken.

Doch nach rund zwei Stunden herrschte wieder Ruhe. Die Russen kamen nicht. Trotzdem war etwas Schreckliches und völlig Unsinniges geschehen:

Ein Obergefreiter aus St. Pölten, so berichtet Elmar Pfandzelter in seinen Kriegserinnerungen, wollte – unwissend der Kapitulation – desertieren und erschoss deshalb unter anderem seinen Offizier, da er annehmen musste, dass der ihn daran hindern würde, nach Schweden abzuhauen. Der Österreicher habe einen Schwabmünchner getötet, erinnert sich Pfandzelter: Leutnant Hermann Kuhn. Er war der Sohn des Gastwirtsehepaars Kuhn, das seine Gaststätte nahe der Kirche hinter dem ehemaligen Kaffee Nusser hatte.

Für Pfandzelter kam nach diesem schrecklichen Ereignis, von dem er erst später erfuhr, die schönste Zeit seit dem Schulabschluss. „Wir waren unglaublich froh, dass der Krieg endlich vorbei war. Mit einem Schlag waren die Angst und alle militärischen Aufgaben weg. Wir hatten jede Menge zu essen und trinken, ein Dach über dem Kopf und Zeit, um zu tun und zu lassen, was wir wollen. Ich hatte sogar eine Freundin da oben, mit der ich heute noch Kontakt habe“, erzählt Pfandzelter.

Einziger Nachteil an dieser Situation: Er konnte nicht nach Hause. Denn die Engländer waren gekommen und verlangten, dass seine Einheit unter Waffen bleibe, „denn sie hatten Angst vor den Russen“. Die kamen zwar, aber das Gefecht verlief ganz anders als erwartet: „Die Russen hatten ein riesiges Sektlager entdeckt und soffen so, dass sie im Kampf gegen uns nichts trafen. Wir haben sie alle erschossen. Schrecklich, aber so ist Krieg.“

Statt der Reise nach Hause Mitte Juli kam Pfandzelter zuerst in amerikanische und dann sofort in französische Gefangenschaft. „Dort hatten wir ein ganz schreckliches Leben. Daran will ich mich gar nicht genauer erinnern“, so Pfandzelter, der dann endlich 1948 überglücklich nach Hause kam. „Überlebt zu haben, frei und in der Heimat zu sein, das beherrschte mein ganzes Denken und Tun. Alles andere war mir zunächst völlig egal“, erzählt ein glücklicher Pfandzelter, der es nach Arbeitslosigkeit und Berufsausbildung bei der Firma Zettler bis zum Bürgermeister von Schwabmünchen brachte.

Interessanter Nachtrag: Bei einer Nordlandreise 1989 besuchte Pfandzelter den damaligen Kriegsschauplatz und fand zu seiner eigenen Überraschung die Gräber von Hermann Kuhn und von einigen anderen Kriegskameraden auf einem gepflegten Soldatenfriedhof bei Narwick.

Abschlusssatz Pfandzelters: „Wir können es gar nicht hoch genug einschätzen, das hohe Gut Frieden inzwischen schon 70 Jahre genießen zu dürfen. Wir sollten alles dafür tun, dass es bei uns nie wieder Krieg gibt.“ Um ein Vergessen des 2. Weltkriegs zu verhindern, liest Elmar Pfandzelter regelmäßig an Schulen aus seinen Erinnerungen und diskutiert mit den Schülern.

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