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Horgau

16.07.2010

Künstler unter der Straßenbrücke

Nicht immer sehen die Entwürfe auch auf der Wand gut aus. Hier hat es geklappt.
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Nicht immer sehen die Entwürfe auch auf der Wand gut aus. Hier hat es geklappt.

Was anderswo die Bürgermeister zur Weißglut treibt, macht Lorenz Eigle aus Horgau mit offizieller Genehmigung. Der 17-jährige Sprayer gestaltet poppige Graffiti auf grauen Betonwänden. Von Adrian Bauer

Wer Smove bei der Arbeit zuschauen möchte, muss nur immer der Nase nachgehen. Vom Parkplatz am Waldcafé bei Horgau führt ein Pfad hinunter zum Radweg. Dort umfängt den Wanderer der beißende Geruch von Sprühfarbe, den auch die Bäume ringsum nicht aus der Luft filtern können. Knapp 200 Meter sind es vom Parkplatz zur Brücke, die Smove als Leinwand für seine Graffiti-Kunst verwendet.

Smove heißt eigentlich Lorenz Egle, ist 17 Jahre alt, kommt aus Horgau und arbeitet als Groß- und Außenhandelskaufmann. Den englischen Künstlernamen (sprich: "Smuf") verwendet er in seinen Bildern. Mindestens einmal im Monat steht er an der Unterführung und verschönert die grauen Wände. Anders als bei manch anderen Sprayern tut er dies völlig legal. "Ich habe bei der Gemeinde Horgau angefragt, die hat beim Tiefbauamt angefragt, und dann gab es die Erlaubnis", erzählt Lorenz Egle.

Passanten meckern über die vermeintlich illegale Schmiererei

Künstler unter der Straßenbrücke

Leider wissen nicht alle, die auf dem Radweg vorbeikommen, dass der junge Mann mit der grauen Schutzmaske über Mund und Nase die offizielle Lizenz zum Sprayen hat: "Es kommt schon häufiger vor, dass Leute anfangen zu schimpfen, weil sie nicht wissen, dass ich legal spraye." Da hilft auch eine Nachricht in knallgrüner Dosenfarbe nicht, die er auf das Pflaster vor eine seiner Wände geschrieben hat: "Sprühen nur für Smove erlaubt" steht dort.

Die Einschränkung "nur" sei vor allem für andere Sprayer gedacht, erklärt Smove. In Augsburg und anderen großen Städten sei es ein großes Problem, dass andere Sprayer die Werke ihrer Kollegen ungefragt übermalen: "Normalerweise ist das nur erlaubt, wenn man es besser kann als der andere." Dadurch herrscht in der Stadt viel Konkurrenzkampf um die besten Plätze.

Daher verschlägt es Smove relativ selten nach Augsburg. "Bei größeren Veranstaltungen geht es entspannter zu. Man kommt hin, bezahlt eine Startgebühr und bekommt einen Platz zugewiesen", erzählt er. In Horgau kann er sich ungestört austoben. Hier besuchen ihn höchstens manchmal Kollegen und Freunde und legen mit Hand an.

Was er malt, überlegt Smove sich genau - schließlich bedeutet jedes neue Motiv auch einige Kosten. Eine Dose Sprühfarbe kostet vier Euro und reicht für etwa einen Quadratmeter Wand. Meistens bringt der Künstler etwa 40 Dosen mit zur Brücke. "Das ist aber nur ein kleiner Teil. Zu Hause habe ich noch mehr Farben."

Seine Graffiti legt er sich genau zurecht, bevor sie an die Wand gesprüht werden. Die Bilder bestehen aus zwei Teilen: Der "Character" ist eine richtige Zeichnung, beim aktuellen Werk ein Gesicht. Der zweite Teil besteht aus dem kunstvoll geschwungenen Künstlernamen, dem sogenannten "Tag". Farbschicht für Farbschicht wird auf die Betonwand aufgetragen, bis das Werk fertig ist.

"Man muss sich vorher überlegen, welche Farben man verwenden will", erklärt Smove. Die Umrandung des Graffito soll den Schriftzug hervorheben und vom Hintergrund absetzen. Wählt man den falschen Ton für die Umrandung, untergräbt er das ganze Werk. Der Horgauer zeichnet sich seine Tags zu Hause auf dem Zeichenblock vor. "Aber ich male nicht, um sprayen zu können, sondern ich spraye, wenn mir ein Entwurf wirklich gefällt." Was auf dem Papier gut aussieht, kann auf der Wand seine Wirkung komplett verfehlen.

Übermäßig weh tun ihm solche Fehlschläge aber nicht, wenn man vom nicht erfüllten Anspruch an die eigene Arbeit absieht. Die Graffiti übermalt Smove sowieso nach einiger Zeit wieder. Wenn auf der einen Seite der Brücke ein Bild fertig ist, legt er auf der anderen Seite von Neuem los. Die Wand muss er dafür nicht jedesmal neu grau streichen. "Oft nutzt man das vorherige Bild als Grundlage und entwickelt etwas Neues daraus."

Die Eltern stellten den Keller zum Üben zur Verfügung

Zur Graffiti-Kunst kam er mit 14 Jahren über Kumpels seines Bruders und durch ein Buch, das ihm andere Freunde geschenkt haben. Seine ersten Werke durfte er im Keller seines Elternhauses anfertigen. "Meine Eltern sehen das ganz entspannt. Ich durfte mir sogar im Hof eine Sperrholzwand zum Üben aufbauen", erzählt Smove.

Wirkliche Vorbilder hat er nicht. "Am Anfang orientiert man sich natürlich an berühmten Künstlern, aber mit der Zeit entwickelt man seinen eigenen Schwung." Die Werke anderer Sprayer schaut er sich bei Fahrten in Großstädte wie Frankfurt/Main aber gerne an.

Eins hat er aber von den Graffiti-Stars der 80er- und 90er-Jahre gelernt: Ohne Mundschutz zu sprühen ist keine gute Idee. "Viele, die damals ohne Maske gesprayt haben, sterben jetzt an Hirntumoren." Von Adrian Bauer

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