1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Logistikregion Lechfeld: Warum Amazon da ist und BMW kommt

Region Augsburg

31.03.2015

Logistikregion Lechfeld: Warum Amazon da ist und BMW kommt

Logistikzentrum Lechfeld freut sich auf eine weitere große Marke.
Bild: Ulrich Wagner/AZ-Grafik

BMW zieht es in den Süden Augsburgs. Dort soll ein großes Ersatzteillager entstehen. Auch Lidl und Aldi haben sich hier angesiedelt. Eine Reise durch eine boomende Logistikregion.

Ist das ein Falke oder ein Bussard, der zum Beute-Tiefflug ansetzt? Was da vor dem Autofenster vorbeigleitet, kann auf alle Fälle nur eine Elster sein. Feldhasen, ja Rebhühner soll es auch geben, sogar Kreuz- und Wechselkröten. Für die amphibischen Wanderfreunde wurde eine Möglichkeit geschaffen, unter der A 8 bei Augsburg hindurchzukriechen, um ihre Laichplätze zu erreichen. Das ist Deutschland. Das spielt sich unweit der Autobahn mitten in einem riesigen Güterverkehrszentrum ab.

Die Größe der Gewerbegebiete wird in Fußballfeldern gemessen. Dieses entspricht 157 Fußballfeldern. Menschen lassen auf den weiten Grünflächen um die großen grauen oder grünen Logistikhallen ihre Hunde laufen. Das stört keinen. „Kommst her“, ruft ein Herrchen. Er kommt nicht. Auf einem Lärmschutzhügel des Güterverkehrszentrums steht ein stattliches Feldkreuz. Unten werden wieder Esel unterkommen und Schafe weiden. Am Rand der Autobahn begegnen sich Ökonomie und Ökologie bei beständigem Rauschen.

Das hat sich längst bei BMW-Managern herumgesprochen

Ackerland ist Logistikland geworden – wie auf vielen Flächen rund um Augsburg. Dass hier günstiger als in den Regionen München und Stuttgart große und verkehrstechnisch gut erschlossene Flächen zu bekommen sind, hat sich längst bis zu den BMW-Managern rumgesprochen. Sie wollen auf einem anderen, im Süden Augsburgs gelegenen Gebiet ein großes Ersatzteillager mit bis zu 250 Arbeitsplätzen beziehen. Mit Wutbürger-Widerstand ist kaum zu rechnen. Die meisten stehen der Wohlstandsvermehrung eines Wirtschaftsraumes nicht im Weg, der nach einer Fraunhofer-Studie zu den 18 Top-Logistik-Stützpunkten in Deutschland gehört. Hier versteht man etwas davon, die richtigen Güter am richtigen Ort zur richtigen Zeit bereitzustellen. Nichts anderes ist Logistik.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Bei der Firma Kloiber wachsen die Containerberge in die Höhe. „China Shipping“, „Hamburg Süd“ oder „Maersk“ steht auf ihnen. Letzterer Name verweist auf die weltweit größte Containerschiffreederei, die sich im dänischen Besitz befindet. Am Rande der Autobahn lassen sich zugleich Tierwelt und Globalisierung erforschen.

Ein kleines Stück Deutschland eben, auch was die Bürokratie betrifft. Seit Jahren sollte hier ein Bahn-Terminal stehen, mit dem Container umweltschonend weiter etwa zu den Häfen im Norden oder am Mittelmeer transportiert werden. Doch auch im wirtschaftlichen Boomland Bayern wird noch stärkeres Wachstum durch die Bremskräfte von allerlei Verordnungen aufgehalten. So waren es vor allem Gewässer- und Brandschutzregelungen, die das Projekt Jahr um Jahr nach hinten verschoben haben. Ralf Schmidtmann, Geschäftsführer des Güterverkehrszentrums, hofft nun, das Planfeststellungsverfahren möge im Sommer abgeschlossen sein. Hinter den Kulissen heißt es, Ende 2017 könne das Bahnterminal dann in Betrieb gehen. Zeit wird es.

In Gesprächen mit Logistik-Unternehmern tritt Zorn und Enttäuschung zutage. Doch auch ohne Bahn muss das Zentrum derart attraktiv sein, dass erste Adressen der Branche wie DB Schenker, Dachser, Hellmann und Honold hier arbeiten. Gegenüber des Güterverkehrszentrums residiert mit der Firma Andreas Schmid Logistik noch einer der wichtigsten Spieler mit rund 1600 Mitarbeitern in der Region.

Aber was steckt hinter dem Namen „Prologis“, der auf einer der Hallen prangt. Wiederum wartet eine Globalisierungslektion. Der Weg führt von dem schwäbischen Gewerbegebiet nach San Francisco. Dort sitzt der Konzern, den Bau und Vermarktung solcher Immobilien gutes Geld verdienen lässt. Die Firmen kaufen die Objekte meist nicht selbst, sondern mieten sie von Prologis & Co. In der Branche wird hart um Margen gekämpft. Logistiker sind preissensibel wie Verbraucher, die günstig einkaufen wollen.

Mit Smartphone und Google-Suchmaschine lässt sich das alles im Gewerbegebiet recherchieren, während der Raubvogel jetzt über der Prologis-Halle kreist. Er sieht eher wie ein Falke aus. Aber das lässt sich nicht so leicht wie die Sache mit den Immobilien-Entwicklern klären. „Developer“ heißen diese Firmen.

Ein solcher „Developer“ wird auch für BMW gesucht. Also weiter in das nächste Logistik-Areal auf dem Lechfeld südlich von Augsburg. Dort auf Kleinaitinger Flur sollen die Münchner ein wenig schwäbisch werden. Noch schweigen die Verantwortlichen des Konzerns. Die Sache mit dem Developer zieht sich wohl in die Länge. Wer aber in Kleinaitingen und der Nachbargemeinde Graben unterwegs ist, hört immer wieder den Namen „Goodman“. Wo kommt der gute Mann denn her? Und wie wird er mit BMW in Verbindung gebracht?

Der Weg zur Antwort führt wieder über die Weltmeere, dieses Mal nach Australien, denn dort ist die Goodman-Gruppe heimisch. Und die Aussie-Developer bereiteten das Feld für den Versand-Riesen Amazon im ebenfalls auf dem Lechfeld gelegenen Graben. Goodman hat die Hallen gebaut und an den US-Riesen vermietet. Dort wurde 2011 „die größte Gewerbeansiedlung in der Geschichte des Landkreises Augsburg eröffnet“, wie Landrat Martin Sailer sagt. Oder um es ballsport-kompatibel zu formulieren: Die Amazon-Lagerflächen sind 17 Fußballfelder groß. Für Andreas Scharf, den Bürgermeister von Graben, war die Landung der Amerikaner auf dem Lechfeld „wie ein Sechser mit Zusatzzahl“. So fließen pro Jahr rund 600 000 bis 700 000 Euro Gewerbesteuer an die Gemeinde – und das bei einem Verwaltungshaushalt von etwa fünf Millionen.

Scharfs Kollege Rupert Fiehl im nahen Kleinaitingen kann sich freuen, wenn ihm (wovon auszugehen ist) BMW das Jawort gibt. Noch wirkt er vorsichtig: „Stand heute ist Kleinaitingen der letzte Bewerber, aber das Geschäft ist erst gemacht, wenn alle Verträge unterschrieben sind.“ Kommt es so weit, steht es im Logistikspiel 2:2 zwischen den Gemeinden. Neben Amazon ist auf dem Gebiet Grabens der Discounter Lidl mit einem Logistikzentrum, das rund 170 Arbeitsplätze bietet, ansässig. Aldi hat sich Kleinaitingen ausgesucht und gibt 173 Menschen Arbeit. Der dickste Fisch ist Amazon mit knapp 2000 Mitarbeitern.

Im ideologischen Amazon-Graben-Krieg gibt es zwei Wahrheiten

Vielen erscheint das US-Unternehmen als Inbegriff des bösen Logistikers, der Angestellteninteressen missachtet. Auch hier lassen sich bei unserer Reise Maßstäbe einer globalisierten Wirtschaft erfassen. Um das Unternehmen tobt eine Art Glaubensstreit zwischen den Managern im amerikanischen Seattle und der Gewerkschaft Verdi. Im ideologischen Amazon-Graben-Krieg gibt es zwei Wahrheiten: Die eine steht vor der Tür und streikt. Die andere scheint drinnen Spaß an der Arbeit zu haben und mit dem Lohn zufrieden zu sein. Vor den Sicherheitsschleusen in das Amazon-Reich ist es kalt. Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck zieht an einer Zigarette: „Ich denke, es ist der 17. Streiktag.“ Und während der Verdi-Mann den Rauch ausbläst, meint er: „Wir haben einen langen Atem.“ Die Gewerkschafter wollen einen verbindlichen Tarifvertrag erstreiten. Auf violetten Flugblättern steht: „Wir fordern Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Stopp mit den Befristungen, Stopp mit Abmahnungen und Stopp mit Leistungsdruck.“ Also nichts wie hinein in den vermeintlichen Hort des Bösen.

In der Kantine spielen Mitarbeiter Tischfußball, andere essen gemütlich. Es wird gelacht. Wohin man blickt: keine Gesichter trauriger Menschen. Ein Teamleiter fragt, ob jemand eine Überstunde machen wolle. Einige nicken. Hadir Noel war Physiklehrer im Irak und arbeitet heute für Amazon. Die Arbeit mache ihm Spaß. Der 53-Jährige wirkt entspannt. An dem Standort sind Menschen aus über 80 Nationen tätig. Auch das ist Logistik.

Mit einem Scanner in der Hand finden die Beschäftigten bestellte Produkte in den Regalen, packen sie in gelbe Plastikwannen und fahren sie in einer Art Einkaufswagen weiter. Keiner wirkt gehetzt. Nach zwei Jahren verdienen sie brutto bis zu 12,69 Euro pro Stunde, und so kommt ein Mitarbeiter nach Darstellung von Amazon einschließlich aller Nebenleistungen nach 24 Monaten auf im Schnitt 2265 Euro.

Neben den Politikern vor Ort sieht auch Reinhold Demel, Chef der Augsburger Arbeitsagentur, die Firma als Segen an: „Amazon beschäftigt zum Teil Menschen, die sonst nirgendwo mehr Arbeit bekommen würden.“ Dadurch spart sich allein der Landkreis Augsburg rund eine Million Euro im Jahr an Sozialausgaben. Demel umwirbt schon mal BMW: „Wir haben auch für die Münchner noch einiges an Beschäftigten im Angebot.“ Viele rechnen damit, dass nach dem Amazon-Effekt der BMW-Effekt eintritt, also noch mehr Logistiker in die Region Augsburg drängen. Was BMW auf das Lechfeld zieht, ist vor allem das Zauberwort „durchgängig vierspurig“. In Graben oder Kleinaitingen lassen sich über die so ausgebaute B 17 schnell die Autobahnen A 8 und im Süden die A 96 als Weg nach Österreich und die Schweiz erreichen.

Schon heute ist die B17 zu Stoßzeiten überlastet

Doch schon heute ist die B 17 in Stoßzeiten überlastet. Allein zu Amazon fahren täglich 30 bis 35 Lkw hin und zurück. Auch hier gilt die alte Regel: Wer Straßen ausbaut, erntet zusätzlichen Verkehr. Auf der sechsspurig gestalteten Autobahn A 8 zwischen Augsburg und München fahren manchmal Lkw-Kolonnen parallel auf der rechten und mittleren Spur. Ein gigantisches Elefantenrennen. Das ist die Kehrseite des Logistik-Booms.

Dabei denken Verkehrsexperten wie Peter Stöferle von der schwäbischen Industrie- und Handelskammer schon über einen weiteren Ausbau des Straßennetzes nach. Wenn die B 17 noch stärker befahren wird, kann er sich eine zusätzliche vierspurige Umfahrung Augsburgs vom Süden her nach Osten vorstellen.

So endet unsere Logistikreise bei mehr Arbeitsplätzen, mehr Verkehr und noch mehr Straßen. Auch der Amazon-Gewinnerort Graben kommt nicht ungeschoren davon. „Zum Teil sind die Navis nicht richtig eingestellt und dann verirrt sich der eine oder andere Lkw zu uns“, sagt Landwirt Peter Käs. Es sei eben nicht alles eitel Sonnenschein: „Unter dem Strich ist das aber eine super Sache.“ Für Käs war es finanziell lohnend, Grundstücke für die Amazon-Ansiedlung zu verkaufen. Er hat von dem Geld neue Flächen erworben, wenn er dorthin auch bis zu zehn Kilometer fahren muss: „Aber von dem, was ich für meine Felder bekommen habe, konnte ich rund 2,5 Mal so große Flächen – wie ich bisher hatte – hinzukaufen.“ Heute hätten es Landwirte aber deutlich schlechter, weil Felder schwer zu bekommen und erheblich teurer seien. Der 45-jährige Bauer hat Glück gehabt und meint dann noch: „Ohne Land kann ich ja nicht leben.“ Das eint Logistiker und Landwirte. Sie brauchen Flächen, viele Flächen.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20lnn-gemeinde.tif
Langenneufnach

Wohin mit dem Kriegerdenkmal?

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket